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Der Wald ist besonders bei hohen Temperaturen eine herrliche Möglichkeit für Spaziergänge. Foto: Besim Mazhiqi

Schritt für Schritt zum Glück

Sommerserie (I)

Aus der Printausgabe - UK 28 / 2020

Karin Ilgenfritz | 8. Juli 2020

Man kann es fast überall und braucht nichts weiter – außer gutes Schuhwerk: Spazierengehen ist eine wunderbare Beschäftigung. Man kann dabei prima nachdenken oder beten.

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Der Wald ist besonders bei hohen Temperaturen eine herrliche Möglichkeit für Spaziergänge. Foto: Besim Mazhiqi

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Die UK-Sommerserie dreht sich diesmal nicht um Ausflugsziele, sondern um Beschäftigungen. Um das, was man gut im Urlaub machen kann – und sonst auch. Es sind Aktivitäten, die Mitglieder des UK-Teams in der Corona-Krise (wieder-)entdeckt haben.

Er war meine Rettung. In den langen Wochen des Lockdowns am Beginn der Corona-Krise habe ich den Spaziergang wiederentdeckt. Von heute auf morgen war vieles anders: Homeoffice statt Büro – das tägliche Radeln zur Arbeit fiel weg. Meine geliebte wöchentliche Gymnastik wurde abgesagt. Reisen, Familientreffen und Wochenendtrips zu Freunden mussten gestrichen werden.

Aber raus in die Natur durften wir noch. Gott sei Dank. So bin ich Tag für Tag losgezogen. Mal in den Wald, mal nur um den Block. In den ersten Tagen des Lockdowns habe ich mir gewissermaßen den Frust von der Seele gelaufen. Ab und an bin ich auch mal laut betend und mit Gott hadernd durch den Wald gegangen. Habe geheult, meiner Wut und Traurigkeit über diese Umstände freien Lauf gelassen. Das tat gut. Unglaublich gut.

Außerdem konnte ich mich mit Freundinnen wenigstens noch zum Spazierengehen verabreden – natürlich mit Abstand. Das haben wir gemacht. Und tun es noch immer. Beim Gehen redet es sich gut. Da wird aus der ursprünglich angedachten kleinen Runde schnell mal eine dreistündige Tour. Besonders schön: Ich habe erlebt, dass sich durch die Spaziergänge aus einer flüchtigen Bekanntschaft eine Freundschaft entwickelt hat. Und auch die Beziehung zu mancher Freundin hat sich durch die ausgiebigen Gespräche vertieft.

Wären Spaziergänge etwas, das sich verkaufen ließe – ich könnte dafür gut und überzeugend Werbung machen und damit Geld verdienen. Aber auch so lohnt es, zu dieser Freizeitbeschäftigung zu ermutigen. Denn: Man kann es fast immer und überall tun. Auch bei Regen lässt es sich gut durch die Gegend streifen – beim Radeln kann schlechtes Wetter schon mal unangenehm sein. Mit der passenden Kleidung und entsprechendem Schuhwerk gibt es beim Spaziergang keine Ausrede, nicht loszugehen.

Im Gehen sortieren sich die Gedanken. Manche Knoten lösen sich und ich kann dabei prima beten. Die Bewegung tut gut, ebenso die frische Luft. Ich kann mir nicht vorstellen, auf einem Laufband die gleiche positive Wirkung zu erreichen, als wenn ich draußen unterwegs bin.

Gemütlich oder flott mit Nordic-Walking-Stöcken

Spaziergänge sind vielseitig. Das Tempo kann man anpassen – je nach Gemütslage. Manchmal tut es unglaublich gut, richtig flott unterwegs zu sein und sich auszupowern. Wenn ich es sportlich haben will, nehme ich die Nordic-Walking-Stöcke. Dann wieder genieße ich es, langsamer unterwegs zu sein, bewusst meine Umgebung wahrzunehmen. Den Waldgeräuschen zu lauschen. Zu sehen, wie sich die Natur manchmal nur im Lauf einer Woche verändert.

Schade, dass spazierengehen gelegentlich keinen besonders guten Ruf hat. „Langweilig“, sagen manche. „Das ist nur was für alte Leute“, sagen andere. Na gut, als Kind fand ich die Sonntagnachmittagspaziergänge auch fad. Andererseits, wenn meine Oma dabei war – die wusste, wie sie uns Kinder beschäftigen kann. Egal ob es irgendwelche Geh-Spiele waren, ob sie uns Pflanzen erklärt hat oder mit uns Bastelmaterial im Wald gesammelt hat. Plötzlich war spazierengehen toll.

Bis ins hohe Alter haben meine Großeltern ihre tägliche Runde gedreht. Mein Opa noch mit über 90. Vielleicht ist das auch mit ein Grund, dass beide alt wurden und lange gesund waren. Ich jedenfalls möchte auf meine häufigen Spaziergänge nicht mehr verzichten.

Wissenswertes rund um den Spaziergang

Ein Spaziergang wird definiert als das Gehen zum Zeitvertreib und zur Erbauung. Das Wort entstand im 15. Jahrhundert in Anlehung an das italienische „spaziare“, was übersetzt werden kann mit „sich räumlich ausbreiten, sich ergehen“. Der Ursprung des Spaziergangs ist das aristokratische „Lustwandeln“ in Gärten und Barockparks.

Später kam eine soziale Komponente dazu – der Spaziergang als gemeinsame Unternehmung und als Möglichkeit, sich ungestört zu unterhalten. Unter der bürgerlichen Bevölkerung übrigens ist der Spaziergang erst im 18. Jahrhundert in Mode gekommen.

Heute ist das Spazierengehen auch ein wichtiger gesundheitlicher Aspekt. Der menschliche Körper ist dafür gemacht, täglich 10 000 Schritte zu gehen. Mehr sind kein Problem, auch das Drei- und Vierfache verkraftet der Körper gut. Wer sich zu wenig bewegt und weniger als 5000 Schritte geht, lebt ungesund. Gibt man bei der Internetrecherche die Worte „gehen“ und „gesund“ ein, bekommt man jede Menge Informationen. Wie etwa diese: Wer regelmäßig spazierengeht, tut viel für seine Gesundheit: Die Bewegung an der frischen Luft reduziert etwa das Alzheimerrisiko, senkt den Blutdruck, wirkt Depressionen entgegen und beugt Herzerkrankungen vor. Außerdem trägt laufen dazu bei, Stress abzubauen.

Beim Laufen wird das Gehirn besser durchblutet. Bei zügigem Gehen nimmt der Organismus bis zu zehn Mal mehr Sauerstoff auf als im Ruhezustand. Dadurch werden so genannte Endorphine ausgeschüttet, die das Glücksempfinden steigen lassen. Auch auf das Selbstbewusstsein hat  ein aktiver Lebensstil positive Auswirkungen. kil

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 8. Juli 2020, 19:50 Uhr


Dem kann man nur bestätigend zustimmen ♥
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