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Manchmal will sie raus, die Wut. Weil wir ungerecht behandelt wurden. Weil sich die Welt gegen uns verschworen hat. Weil es so unglaublich frustrierend ist, wenn wir gegen Missverständnisse und Fehleinschätzungen nicht ankommen. Der Apos­tel Paulus weiß um dieses Gefühl; er selbst war häufig genug in der Situation des zu Unrecht Beschuldigten. Aber er weiß auch: Nicht das Dreinschlagen ist im Sinne Gottes, sondern das Friedenstiften. So überwindet das Gute das Böse. (Foto: katederr)

Friede gegen Fäuste

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 28 / 2020

Bettina Hanke-Postma | 3. Juli 2020

Über den Predigttext zum 4. Sonntag nach Trinitatis: Römer 12, 17-21

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Manchmal will sie raus, die Wut. Weil wir ungerecht behandelt wurden. Weil sich die Welt gegen uns verschworen hat. Weil es so unglaublich frustrierend ist, wenn wir gegen Missverständnisse und Fehleinschätzungen nicht ankommen. Der Apos­tel Paulus weiß um dieses Gefühl; er selbst war häufig genug in der Situation des zu Unrecht Beschuldigten. Aber er weiß auch: Nicht das Dreinschlagen ist im Sinne Gottes, sondern das Friedenstiften. So überwindet das Gute das Böse. (Foto: katederr)
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Bettina Hanke-Postma (56) ist Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Reelkirchen in der Lippischen Landeskirche.

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Predigttext
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist‘s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“ (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Die Tür fällt krachend ins Schloss. Wütend rausche ich aus dem Haus. Am liebsten würde ich mich jetzt auf die Rathaustreppe stellen und laut hinausschreien, was für Menschen dort arbeiten.

„Ach, Frau Pastor, Sie sind immer so lieb und nett“, sagen manche Gemeindemitglieder. „Von wegen, ihr werdet mich kennenlernen!“  Was war passiert?  Eine Trauerfamilie hatte angerufen und in ungehaltenem Ton erklärt, dass sie sich für die Bestattung ihres Angehörigen nun an einen Kollegen wenden würden. Ich hätte bestimmt, dass ihr Verstorbener nicht neben den Gräbern seiner Familie bestattet werden könnte. „Hallo, der Friedhof gehört der Kommune, nicht der Kirchengemeinde.“

Erlittenes Unrecht macht blind

Ja, es stimmte, ich war bei einem Beratungsgespräch zur Verkleinerung der Friedhöfe von der Stadt eingeladen gewesen. Meine Vorschläge waren allerdings nicht in das später beschlossene Papier aufgenommen worden. Und jetzt sollte ich an den neuen Regeln auch noch schuld sein? Kein Wunder, dass mir bei diesem Anruf der helle Zorn in den Kopf geschossen war.

Das Gefühl des Zornes, das mich in manchen Situationen überkommt, kennen viele von uns. Da geschieht eine „himmelschreiende“ Ungerechtigkeit. Menschen werden grundlos beschuldigt, etwas Falsches getan zu haben. Vorverurteilungen und  Ungerechtigkeit verletzen und hinterlassen Wunden. Da ist es verständlich, wenn uns schon mal eine Zorneswelle überrollt.

Im Predigttext für den 4. Sonntag nach Trinitatis geht Paulus der Frage nach: Wie sollen Christen damit umgehen, wenn ihnen in der Gesellschaft Ungerechtigkeit widerfährt?

Es ist nicht leicht, die Wünsche nach Vergeltung und Rache im Zaum zu halten. Und: Erlittenes Unrecht macht manchmal auch blind für die eigenen Versäumnisse. Wenn wir im Affekt unserem Zorn folgen, entstehen nicht selten kaum wieder einzuholende Spannungen und Brüche.

Aus der Seelsorge weiß ich, dass das Gefühl der Wut über erlittenes Unrecht richtig und wichtig ist. Der Apostel rät nicht, das Gefühl zu verdrängen. Sein Rat bezieht sich auf unser Handeln. Wir sollen das Böse, das uns widerfahren ist, nicht mit Bösem vergelten. Wir wissen ja: Gewaltspiralen werden dem Frieden nicht nützen. „Ist‘s möglich, soviel an euch liegt, so haltet Frieden mit allen Menschen.“ So viel an euch liegt, sagt der Apostel. Es steht nicht in unserer Macht, das Verhalten unserer Mitmenschen zu kontrollieren. Aber es steht in unserer Macht, über unser eigenes Tun zu bestimmen.

Und Paulus geht noch weiter:  Wir sollen allen Menschen Gutes wünschen und tun. Sogar unseren Feinden. Wie geht das? Dazu bräuchte ich übermenschliche Kräfte. Davon handelt der Römerbrief: Gott ist auch in seinem Zorn auf das Gute bedacht. Immer. Selbst dann wenn wir Menschen seinem guten Willen zuwiderhandeln und nichts als seinen Zorn verdient hätten, handelt Gott an uns als der sich Erbarmende. Er stellt uns das Böse nicht in Rechnung. In Christus nimmt er es auf sich und schafft von sich aus Frieden. Seine Rache und Vergeltung sehen ganz anders aus, als menschliche Phantasien es sich vorstellen: Keine höllischen Feuer und Abgründe, sondern himmlischer Friede und göttliche Gerechtigkeit. Und Paulus ist davon überzeugt, wenn wir im Kraftfeld Gottes leben, können wir allen Menschen gegenüber Gutes im Sinn haben und ihnen Gutes tun.

Es war alles nur ein Missverständnis

Nach einem Spaziergang habe ich zum Telefonhörer gegriffen und ein paar Gespräche geführt. Schließlich hat sich die Information der Stadt als ein Missverständnis herausgestellt und es konnte eine gute Lösung für die Trauerfeier gefunden werden.

Gebet

Erbarmender Gott, wir bitten Dich um Geduld und Besonnenheit. Manchmal scheint sich alles gegen uns verschworen zu haben. Schenk uns die Kraft, gerade an solchen Tagen auf Dich zu schauen. Du überwindest das Böse mit Gutem, wir wollen Dir darin folgen. Amen.

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