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Grafik: TSEW

Die große Freiheit

Urlaub 2020

Aus der Printausgabe - UK 28 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 6. Juli 2020

Urlaubspläne geplatzt. Reiseziele verschlossen oder überfüllt. Es drohen Quarantäne und 2. Infektionswelle. Wie soll man da die „schönste Zeit des Jahres“ genießen? Eine Anleitung.

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Grafik: TSEW

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Was war dein schönster Urlaub? Bei dieser Frage lande ich unweigerlich in den Sommer-Erinnerungen meiner Kindheit. Blauer Himmel, Sonnenschein. Die Radtour zum Kanal und nach Oer-Erkenschwick. Gewusel, Geschrei, Pommes im Freibad. Zerkratzte Beine. Eis, Rhabarberkompott, Pflaumenkuchen. In der Erinnerung erscheint mir alles perfekt.

Das wird vermutlich eher der Glanz der Erinnerung sein, als die tatsächlichen Verhältnisse damals. Aber sei’s drum: Sommer – das war in der Jugend die Zeit der großen Freiheit, der Abenteuer und Entdeckungen.

Was für ein Unterschied zu diesem Jahr. Reisewarnungen und Kontaktbeschränkungen haben Urlaubspläne platzen lassen. Reisen ist, wenn überhaupt, nur eingeschränkt möglich. Der große Sommerurlaub, für viele von uns eine „heilige“ Zeit, zumindest die schönste Zeit des Jahres – wie soll der in diesem Jahr aussehen? Zuhause sitzen und mit den Zähnen knirschen?

Es kann helfen, darüber nachzudenken, was Urlaub denn eigentlich sein soll. Grundsätzlich – und für mich persönlich.

Urlaub ist freie Zeit. Zeit, die ich habe, um zu tun, was für mich gut und wichtig ist. Was brauche ich, um wieder ins Lot zu kommen? Die Balance zu finden? Mit mir selbst und meiner Umgebung ins Reine zu gelangen?

Als Wohlstandsgesellschaft haben wir uns daran gewöhnt, dass dies meist mit Reisen zu tun hat. Berge. Wellen. Sonne. Strände. Aber das muss nicht so sein. Und das war es über Jahrhunderte für die meisten Menschen auch nicht. Tun oder lassen, wonach einem der Sinn steht – das ist die Grund­variante von Urlaub. Und das ist auch ohne großen Aufwand möglich. Sogar zuhause oder in der näheren Umgebung.

Schlafen, wenn man müde ist. Und so lange man mag. Bücher lesen, die schon lange darauf warten. Filme und Serien anschauen, auch mal bis tief in die Nacht. Und am nächsten Tag gemächlich in Trab kommen. Ins Schwimmbad gehen. Die Nachbarstadt entdecken. Sich mit Freunden im Bauerncafé treffen – zurzeit natürlich mit Sicherheitsabstand und im Gepäck die Gesichtsmaske.

In dieser UK beginnt unsere Sommerserie. Darin bringen wir Beispiele, was Menschen in ihrer Freizeit Freude macht – ohne großen Aufwand zu treiben. Eine hat mit einem E-Bike das Radfahren neu entdeckt. Ein anderer die Musik. Noch jemand anderes das Spazierengehen. Oder auch das Radiomachen im Internet.

Es geht nicht darum, rosa Soße über alles zu kippen. Enttäuschung darf sein, über geplatzte Pläne und verhinderte Urlaubsziele. Auch Sehnsucht danach, dass im nächsten Jahr der Traumurlaub wieder klappen könnte.

Aber wahre Lebenskunst besteht darin, aus dem etwas zu machen, was möglich ist. Und nicht, dem nachzutrauern und sich darüber zu grämen, was im Moment gerade nicht möglich ist.

Vielleicht ist es dann ein bisschen so wie in der Kindheit: Am Ende mag nicht alles perfekt gewesen sein. Aber eine gute Zeit kann es trotzdem werden.

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