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Grafik: TSEW

Marmor, Stein und Eisen bricht

Sturm auf die Denkmale

Aus der Printausgabe - UK 27 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 29. Juni 2020

Bisher nahm man sie im besten Fall als Fotomotive wahr: Denkmale. Und plötzlich streiten die Menschen über sie. Der Vorwurf: Rassismus und Diskriminierung.

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Grafik: TSEW

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Als Kind und Jugendlicher sah ich den schwarzen Mann fast jeden Tag. Er stand an der Hauptstraße, eine Hand von sich gestreckt. Es war ein Denkmal. Das hieß „der Bergmann“, und es empörte mich jedes Mal aufs Neue: Wie konnte man einen solchen Zeugen der Nazi-Zeit einfach so stehen lassen? Denn das war für mich klar: Die ausgestreckte Hand, das war der verbotene Hitler-Gruß.

Irgendwann erfuhr ich, dass das gar nicht stimmte: Der Bergmann hielt ursprünglich eine Grubenlampe in der Hand. Die war im Laufe der Jahre verloren gegangen. Keine Nazi-Geste – sondern ein Denkfehler. Seitdem konnte ich meinen Frieden mit dem Denkmal machen.

Zehntausende anderer Menschen können das nicht. Weltweit wollen sie Denkmale von den Sockeln stürzen oder haben es bereits getan. Auslöser war der Fall des US-Bürgers George Floyd: Sein Tod nach einem polizeilichen Übergriff hat länderübergreifend Proteste gegen Rassismus ausgelöst. Dabei geraten auch die Kolonialzeit und Sklaverei in den Blick. Kolumbus, Roosevelt, Churchill, Bismarck – gerade wurden ihre Statuen noch als Zeugnisse einer großen Vergangenheit bestaunt. Plötzlich sollen sie verschwinden. Noch deutlicher als bisher wird bewusst: Die Helden haben ihre dunklen Seiten.

Es ist gut, wenn jetzt die Debatte über Rassismus und Diskriminierung mit Klarheit und Ehrlichkeit geführt wird. Das ist überfällig. Der Sturm auf die Statuen trägt dazu bei. Weil er so provoziert. Weil er vor Augen führt, wie sehr das „weiße“ Überlegenheitsdenken noch immer Bestandteil unseres Alltags ist.

Trotzdem kann das mutwillige Zerstören von Denkmalen keine Lösung sein. Denn wenn Marmor, Stein und Eisen brechen, verhärtet das Fronten, stößt das viele Menschen vor den Kopf. Als Fanal zum Auftakt mögen Spontan-Aktionen funktionieren. Auf Dauer schrecken sie ab.

Was wir brauchen ist eine Verständigung. Ein neues Nachdenken. Das erreicht man nicht, indem man die Vergangenheit einfach wegsperrt. Am Ende eines solchen Nachdenkens mögen manche Statuen tatsächlich verschwinden. Ins Museum. Oder auf den Schutt. Andere wird man stehen lassen – als Zeugen der Geschichte, die uns gemahnen, über unsere Vergangenheit zu reden, offen und ehrlich.

Vielleicht kann auch der Bergmann meiner Kindheit einen möglichen Weg weisen: Längst ist sein Denkmal zu einem öffentlichen Spektakel geworden. Zur Fußball-WM schmücken die Menschen ihn mit Fan-Schals, Flaggen und Mützen. Am Rosenmontag kriegt er Pappnase und Narrenkappe. In der Adventszeit sieht man ihn als Weihnachtsmann.

So bleibt das Denkmal kein stummer Stein. Kein Symbol für eine wie auch immer geartete Vergangenheit, über die sich die meisten Menschen ohnehin keine Gedanken mehr machen. Sondern eine bleibende Aufforderung, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Spielerisch, kreativ. Und ihn so im Gespräch zu halten. Denk mal – was für eine schöne Aufforderung.

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