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Mit der Urne in der Hand unterwegs durch Wuppertal. Holger Pyka berichtet von den unterschiedlichen Reaktionen der Passanten. Foto: privat

Der Tod unterwegs auf der Straße

Bestattung

Aus der Printausgabe - UK 27 / 2020

Holger Pyka | 1. Juli 2020

Ein Pfarrer holt eine Urne aus dem Bestattungsinstitut – um mit Vikarinnen und Vikaren Beerdigung zu üben. Mit der Urne unterm Arm ist er draußen unterwegs. Ein Erfahrungsbericht.

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Mit der Urne in der Hand unterwegs durch Wuppertal. Holger Pyka berichtet von den unterschiedlichen Reaktionen der Passanten. Foto: privat

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„Wollen Sie nicht wenigstens eine Tüte?“, fragt Herr Klein vom gleichnamigen Bestattungsinstitut. Er hat mir freundlicherweise eine Urne geliehen, damit wir nächste Woche mit den Vikarinnen und Vikaren Beerdigung üben können. „Nö“, sage ich, „brauche ich nicht. Ich bin ja zu Fuß, und ich finde das eigentlich ganz spannend, mit der Urne mal durch die Stadt zu gehen.“ „Na, dann“, sagt er und macht für mich ein Foto. Eine Tasche kriege ich trotzdem für alle Fälle. Und ich mache mich auf die Uellendahler Straße. Und nehme ein bisschen Tod mit. Also symbolisch.

Kein Gegenstand wie jeder andere

Beim Hochheben der Urne fällt mir auf: Die ist leichter als sonst. Weil ja nichts drin ist. Und trotzdem: Ich trage sie ganz automatisch vollkommen anders als andere Dinge in der gleichen Größe. Würde mir sie nie unter den Arm klemmen oder so. Der Rücken wird automatisch ein bisschen gerader, die Beine wollen gleich ein bisschen langsamer gehen.

Da, wo die Autos mit 50 Stundenkilometer den Berg runterbrettern, fällt kaum jemandem etwas auf. Aber da, wo sie langsamer fahren oder an der Ampel stehen müssen, gucken Leute ungläubig aus dem Fenster. Irgendjemand macht ein Foto. Wenn sich unsere Blicke begegnen, gucken die meisten schnell woanders hin. Zwei Leute wechseln die Straßenseite. Eine ältere Frau bekreuzigt sich. Vor mir fährt gerade ein Transit vom Parkplatz des Baumarkts runter. Der Wagen hält auf dem Bürgersteig, der Fahrer ruft: „Ist dat ne Urne?!“ „Ja“, sage ich. „Uäh“, macht er, schüttelt sich und gibt Gas. Zwei junge Mädels gehen an mir vorbei. Als wir gerade auf gleicher Höhe sind, reißt die eine entsetzt die Augen auf und blickt mir nach. „Kraaasss, hast du gesehen?! Das war so ein Dings, so ein... für Tote!“, höre ich sie aufgeregt auf ihre Freundin einreden.

Im Tankstellenshop ist außer mir gerade kein Kunde, dafür vier Verkäuferinnen und Verkäufer. Ich will Eis. Stelle die Urne auf der Kühltruhe ab (fühlt sich komisch an), hole mir so ein neues Regenbogen-Eis (schmeckt mir übrigens nicht). An der Kasse stelle ich sie auch kurz ab, um das Geld aus der Tasche zu holen. Die Mitarbeitenden sind nicht ganz so überrascht oder fassungslos wie manche Leute auf der Straße. Liegt wohl auch daran, dass Frau B., die mich kennt, ihnen kurz vorher zugeflüstert hat: „Das ist der Pastor.“ Trotzdem gucken sie doch sehr unterschiedlich.

Urne sorgt für Gesprächsstoff

„Is da einer drin?“, fragt einer. „Wollense mal reingucken?“, frage ich. „Uääh, nee“, sagt eine und geht nach hinten. „Echt jetzt?“, fragt er. Ich mache den Deckel auf. Gelächter hinter der Theke, weil die Urne leer ist. „Das wär doch auch verboten, oder?“, sagt der Verkäufer. „Schade eigentlich. Unser Hund steht auf der Fensterbank, und meine Frau kann mich da auch ruhig hinstellen.“ Und wir unterhalten uns ein bisschen darüber, ob man auf dem Friedhof oder im Garten besser ruht.

Eine ältere Dame, die ab und zu in den Gottesdienst kommt, winkt mir von der anderen Straßenseite zu. „Beruflich oder privat?“, fragt sie mich und zeigt auf die Urne. „Beruflich“, rufe ich, „nur zum Üben“. „Ach so“, lacht sie, „dann sage ich Ihnen auch nicht ‚Herzliches Beileid‘“. „Nö“, rufe ich, „aber freut mich, dass Sie es getan hätten“.

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