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Gelassen, mutig und weise

Psyche

Aus der Printausgabe - UK 26 / 2020

Anke von Legat | 22. Juni 2020

Geduld wird allerorten beschworen angesichts der Corona-Krise. Aber ist das Abwarten wirklich immer gut? Manchmal müssen aktive Geduld und konstruktive Ungeduld sich ergänzen.

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Geduld ist ein viel bemühtes Wort in der letzten Zeit. Politiker bitten wieder und wieder darum, wenn sie Einschränkungen wegen der Corona-Epidemie rechtfertigen müssen; Psychologinnen erklären sie zur Haltung der Stunde, weil sie hilft, mit den Zumutungen der Situation zurechtzukommen. Und so langsam scheint sie sich auszuzahlen, wie die zurückkehrenden Freiheiten zeigen.

Aber da sind auch die, deren Geduld am Ende ist, und die das immer lauter zum Ausdruck bringen: Gewerbetreibende und Angehörige von Heimbewohnern; Eltern, Spitzenfußballer und Hygiene-Demonstrantinnen. Ihnen geht es nicht schnell genug; sie drängen auf mehr Freiheit, mehr Klarheit, mehr Hilfe.
Ist Geduld also in dieser Situation eine Tugend – oder steht sie einer raschen, zupackenden Lösung eher im Weg?

Die Haltung der Geduld besteht aus zwei Sichtweisen, die einander ergänzen: Da ist zum einen das gelassene Erdulden, das hilft, schlechte Zeiten zu überstehen, ohne aufzugeben. Und da ist zum anderen die Langmut, der lang anhaltende Mut, der konzentriert ausharrt und abwartet, dass der richtige Zeitpunkt zum Handeln kommt.

Geduld ist also keine Erstarrung, keine Resignation. Sie überlässt das Tun nicht einfach anderen. Sie richtet sich auch nicht darin ein, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zu warten. Vielmehr will sie daran arbeiten, dass ein unbefriedigender Zustand verändert wird – dann, wenn die Zeit reif ist.

Darum ist Geduld auch keine passive Haltung, und schon gar nicht bequem, sondern etwas Aktives: Sie erfordert beharrliche Aufmerksamkeit, denn der Zeitpunkt zum Handeln ist schnell verpasst – und andererseits braucht sie Gelassenheit, um das Richtige zu tun. Die Fridays-for-Future-Bewegung etwa wurde bis zum Lockdown Mitte März noch dafür gelobt, dass sie ungeduldig war; dass sie Politiker wie Konsumenten aus ihrer Trägheit und Gleichgültigkeit aufrütteln wollte, bevor es zu spät ist. Der Aufruf zum Abwarten wäre an dieser Stelle sicher kontraproduktiv.

Ähnliches gilt für die Pflege: Der Druck auf die Politik muss steigen, damit endlich mehr Geld für Gehälter und bessere Rahmenbedingungen in diesem systemrelevanten Bereich landet – keine Zeit mehr für Gelassenheit. Und am Beispiel der Corona-Forschung sehen wir, wie schwer es ist, aktive Geduld und konstruktive Ungeduld ins Gleichgewicht zu bringen: Schnell soll es gehen, muss es gehen – aber nur so schnell, dass keine Fehler passieren.

Christinnen und Christen bitten Gott daher nicht nur um Kraft zum Erdulden, sondern auch um Tatkraft – und darum, zu erkennen, wann welche Haltung dran ist: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“, lautet ein dem US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr zugeschriebenes Gebet, das diese Haltung auf den Punkt bringt. Zeit, es immer wieder zu beten.

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