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Wir sind die „Normalen“

Rassismus

Aus der Printausgabe - UK 25 / 2020

Anke von Legat | 15. Juni 2020

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Sind wir Rassisten? Die Mehrzahl von uns würde das wahrscheinlich weit von sich weisen. Menschen nur wegen ihrer Hautfarbe anders behandeln oder gar geringschätzen, so wie es in den USA offenbar tagtäglich passiert? Nein, wir doch nicht!

Doch!, sagen uns Menschen, die nicht weiß sind: Jede weiße Frau, jeder weiße Mann hat rassistische Vorurteile und Verhaltensweisen. Nicht, weil Weiße es böse meinen – sondern weil sie mit der von klein auf erlernten Überzeugung durchs Leben gehen: Wir sind die Normalen. Unsere Hautfarbe, unsere Lebensweise, unsere Werte, unser Glauben sind die Norm; alles andere ist „anders“. Und das Andere grenzen wir aus, häufig ohne uns dessen bewusst zu sein.

Im Internet läuft gerade eine Art Rassismus-Test, der deutlich macht, wie unterschiedlich das Erleben von weißen und nicht-weißen Menschen ist. „Überprüfe deine Privilegien“, heißt das Motto. Alle zehn Finger werden in die Kamera gehalten; bei jeder Frage, die mit einem „Ja“ beantwortet wird, wird einer abgeknickt.

„Hat dich jemand wegen deiner Hautfarbe beleidigt?“ „Hat jemand die Straßenseite gewechselt, um dir nicht begegnen zu müssen?“ „Hat man dir gesagt, dass du dir eine teure Ware sowieso nicht leisten kannst?“, lauten die Fragen. Und während weiße Teenager meistens bis zum Schluss alle zehn Finger hochhalten, senkt sich bei schwarzen einer nach dem anderen.

„Sind noch Finger übrig? Dann bist du privilegiert“, heißt es am Ende. Plakativ wird so deutlich, wie vielfältig und gleichzeitig subtil die Diskriminierung gegenüber Nicht-Weißen nach wie vor ist – und dass Weiße sie oft gar nicht wahrnehmen, weil sie nie von ähnlichen Vorurteilen betroffen waren. Das macht es den Betroffenen besonders schwer, denn während sie unter der Ausgrenzung leiden, müssen sie sich gleichzeitig sagen lassen, dass sie sich alles nur einbilden. „Du bist aber auch empfindlich“, gibt es als Vorwurf dann noch mit dazu.

Aber lässt es sich verhindern, dass äußere Merkmale wie Haut- oder Haarfarbe, aber auch Zugehörigkeit zu einer Kultur oder Religion zu Vorurteilen und Ablehnung führen? Gänzlich wohl nicht. Vermutlich ist das Misstrauen gegenüber dem Andersartigen tief in uns angelegt, als Erbe der Evolution. Aber das kann keine Entschuldigung sein, es nicht zumindest zu versuchen.

Was also tun? Ein erster Schritt heißt: Zuhören, wenn Menschen mit nicht-weißer Haut uns von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus erzählen – und nicht gleich nach Ausflüchten und Gegenargumenten suchen. Ein zweiter Schritt wäre dann, die eigene Aufmerksamkeit zu schärfen: Wo sind die Privilegien, von denen wir täglich profitieren – und wo tragen wir dazu bei, dass andere diese Privilegien nicht haben?

Und schließlich konkrete Taten: Einschreiten, wenn jemand angepöbelt wird. Widersprechen, wenn pauschale Vorurteile geäußert werden. Demonstrieren, informieren, wählen – und im Gespräch bleiben mit denen, die uns sagen, dass sie betroffen sind.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 17. Juni 2020, 5:31 Uhr


https://internet-maerchen.de/maerchen/schwarz.htm

Wer fehlte in unserer Kindheit in keinem Kinderzimmer? Es war das Lehrbuch von Heinrich Hoffmann der "Struwelpeter"!
Uns wurde damals das Anderssein und das Gleichsein sehr liebevoll dargebracht.
Die amerikanischen Verhältnisse haben weltweit eine mediale "Aufklärung" angefacht.
Wehret den Anfängen, auch das steht in jedem Lehrbuch. "Aufstände" gegen was auch immer hat es zu jeder Zeit in jedem Winkel der Erde gegeben.
Es ist schon richtig auf etwas aufmerksam zu machen, das es nicht geben dürfte. Dem Fanatismus in welcher Form auch immer und nichts anderes ist Rassismus, mit Bestimmtheit zu begenen ist doch eigentlich ganz NORMAL.
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