hg
Bild vergrößern
Fotos (2): epd

Sozialkritik mit Poesie

Portrait

Aus der Printausgabe - UK 24 / 2020

Paula Konersmann | 9. Juni 2020

Der erste große Roman von Charles Dickens, „Oliver Twist“, löste seinerzeit eine Debatte über Armut aus – bis hin zu einer Gesetzesänderung. Auch 150 Jahre nach seinem Tod wird der Brite gern und oft gelesen.

Bild vergrößern
Fotos (2): epd
Bild vergrößern
Umschlagtitel des Romans „Oliver Twist“ der Ausgabe von Bradbury and Evans von 1846 mit Illustrationen von George Cruikshank. (Foto: epd)
Bild vergrößern
Im Charles Dickens Museum in London sind über 100.000 private Gegenstände, Kunstwerke und Manuskripte einiger seiner Bücher zu sehen. Foto: pxl.store /Adobestock

Anzeige

Prinz Charles würdigte ihn zum 200. Geburtstag vor acht Jahren als leidenschaftlichen  Kämpfer  gegen  soziale Ungerechtigkeit – und als krea­tives Genie. Nun wird erneut an den Schriftsteller erinnert, der in seiner britischen Heimat respektvoll  „the Inimitable“ genannt wird, „der Unnachahmliche“: Charles Dickens starb am 9. Juni 1870, vor 150 Jahren.

Geboren 1812, wuchs Dickens als Sohn eines mittellosen Werftarbeiters auf. Als er zehn Jahre alt war, ließ sich die Familie im Londoner Stadtteil Camden nieder – das spätere Künstlerviertel war damals ein ärmlicher Vorort. Wegen uneingelöster Schuldscheine wurde der Vater ins Schuldgefängnis eingeliefert, wohin ihn die Mutter und Charles‘ sieben Geschwister begleiteten, wie damals üblich. Der Junge selbst arbeitete in einer Lagerhalle, um das Überleben der Familie zu sichern.

Die Erfahrung von Not und Armut prägte Dickens – und sein Schaffen. Insbesondere im Roman „David  Copperfield“, einem seiner bekanntesten Werke, erinnern ganze Episoden an die Kindheit des Autors. Auch die Hauptfigur klebt anfangs Etiketten auf Flaschen, wird Anwaltsgehilfe, Reporter und schließlich Schriftsteller. Dickens‘ Schilderung von  kindlichen Gefühlen sowie von Erlebnissen aus der Kindheit gelten bis heute als meisterhaft.

Vom Schreiber zum gefeierten Schriftsteller

1827 fing er als Schreiber in einem Anwaltsbüro an und arbeitete sich binnen zwei Jahren hoch zum parlamentarischen Berichterstatter. Ab 1832 arbeitete er als Journalist und veröffentlichte erste literarische  Texte – ab 1836 die monatlichen Fortsetzungen von „The Posthumous Papers of the Pickwick Club“, die ihn berühmt machten. Auch „Oliver Twist“ erschien ab 1837 zunächst als Fortsetzungsroman.

Ende der 1830er Jahre war Dickens ein gefeierter Schriftsteller,  verheiratet und eine feste Größe der Londoner Gesellschaft. Seinem großen Talent blieb er ein Leben lang  treu. Er gründete eine eigene Zeitschrift und schrieb weitere Erzählungen und Romane, die in die Literaturgeschichte eingingen, darunter „A Christmas Carol“ (1843), „Bleak House“ (1852/53) oder „A Tale of Two Cities“(1859). Erst spät, nach der Trennung von seiner Frau 1858, unternahm er seine erste Lesereise.

1865 überlebte der Schriftsteller  einen schweren Eisenbahnunfall, bei dem zehn Menschen ums Leben kamen. Dickens blieb körperlich unverletzt, war durch den Unfall allerdings traumatisiert, was nach Ansicht mancher Forscher zu seinem relativ frühen Tod beigetragen haben soll. Fortan versuchte er, Zug­reisen zu vermeiden.

Viele seiner Beobachtungen wirken erstaunlich aktuell

Den Unfall, den er gemeinsam mit seiner Geliebten und deren Mutter erlebte, schildert er im Nachwort zu  dem Roman „Our Mutual Friend“,  an dem er während der Reise gearbeitet hatte. Nachdem er verletzten Mitreisenden geholfen hatte, kletterte er noch einmal in den Wagen, um das Manuskript des Buchs zu retten.

Sozialkritik spielt in vielen Werken Dickens‘ eine Rolle – nicht mit dem Holzhammer, sondern in poetischer Sprache, mit einprägsamen  Figuren und Geschichten, die einen regelrechten Sog entfalten. Viele Beobachtungen erscheinen zudem erstaunlich aktuell. Wenn etwa Ebenezer Scrooge im „Christmas Carol“ erklärt, dass „Tretmühle und Armengesetz“ doch wohl genug Kosten verschlingen, wenn er wiederholt feststellt, das Leid anderer gehe ihn nichts an und er wolle seine Ruhe haben – dann mag mancher Leser an heutige soziale Kälte denken.

1869 trat Dickens seine letzte Lesereise durch Großbritannien an.  Die Auftritte, die ihn zuvor bis in   die USA geführt hatten, erfreuten sich großer Beliebtheit, strengten  den gesundheitlich angeschlagenen Schriftsteller jedoch zusehends an. Im Mai 1870 trat Charles Dickens zum letzten Mal öffentlich auf, wenige Wochen später starb er an einem zweiten Schlaganfall.

Beigesetzt wurde er in Westminster Abbey – sowohl sein Sohn als auch die Öffentlichkeit forderten dies entgegen seinem eigenen Wunsch nach einem unaufwendigen Begräbnis. Die Zeremonie am 14. Juni fand im engsten Kreis statt. Geschlossen werden konnte das Grab allerdings erst zwei Tage später: Tausende kamen, um Blumen am Grab des Schriftstellers niederzulegen.

Per E-Mail empfehlen