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Begrüßung in einem dutzend Sprachen? Ein tolles Sprachgewirr! Manch eine wünscht sich so eine Sprachkompetenz. Andere wären schon froh, wenn sie sich in ihrer Muttersprache wirklich verständlich machen könnten. In der Pfingstgeschichte wird erzählt, wie aus der Verwirrung durch die vielen Sprachen etwas wird, das alle als eine Botschaft hören: das Evangelium von der Liebe und Gnade Gottes. Das wird bis heute weitererzählt – vielprachig, aber eindeutig im Geist. Foto: SydA Productions

Sprachbegeisterung

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 23 / 2020

Birgit Worms-Nigmann | 29. Mai 2020

Über den Predigttext zum Pfingstsonntag: Apostelgeschichte 2,1-21

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Begrüßung in einem dutzend Sprachen? Ein tolles Sprachgewirr! Manch eine wünscht sich so eine Sprachkompetenz. Andere wären schon froh, wenn sie sich in ihrer Muttersprache wirklich verständlich machen könnten. In der Pfingstgeschichte wird erzählt, wie aus der Verwirrung durch die vielen Sprachen etwas wird, das alle als eine Botschaft hören: das Evangelium von der Liebe und Gnade Gottes. Das wird bis heute weitererzählt – vielprachig, aber eindeutig im Geist. Foto: SydA Productions
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Birgit Worms-Nigmann (60) ist Pfarrerin in der Evangelischen Lydia-Kirchengemeinde Dortmund.

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Predigttext
1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. (...) 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? (...)14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: (...) 16 Das ist‘s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 17 „Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch. (...) 21 Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.“

Es herrscht Festtagsstimmung in Jerusalem. Man feiert den Bund Gottes mit seinem Volk, die Übergabe der Zehn Gebote und der Thora an Mose. Es ist Pfingsten.

Auch die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind in Jerusalem. Allerdings sind sie nicht in festlicher Stimmung. Jesus war zum Himmel aufgefahren. Sie waren allein zurückgeblieben – mit einer Verheißung und einem Auftrag: Sie würden den Heiligen Geist empfangen und Jesu Zeugen und Zeuginnen sein, ausgehend von Jerusalem bis an die Enden der Erde.

Jetzt sind sie ratlos: Wie sollten sie das schaffen? Predigen, verkündigen? Sie sind Fischer, Handwerker, aber keine Gelehrten! Wie von den großen Taten Gottes reden? So sitzen sie beisammen, sich selbst bange Fragen stellend.
Da geschieht auf einmal – so heißt es in der Pfingstgeschichte – ein Brausen, das das ganze Haus erfüllt. Wie ein frischer Wind und wie Feuer ergreift der Heilige Geist Besitz von ihnen.

Ermutigt und „begeistert“, gleichsam Feuer und Flamme verlassen sie das Haus, gehen hinaus auf die Straße und verkünden den Menschen die frohe Botschaft von Jesu Auferstehung. Angelockt durch das Brausen waren Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft vor dem Haus zusammengeströmt. Was sie hören, verwundert und verstört sie: Alle verstehen die Jüngerinnen und Jünger in ihrer je eigenen Muttersprache.

In meiner Sprache, der Muttersprache, fühle ich mich zu Hause. Das ist die Sprache, in der ich ausdrücken kann, was ich denke, fühle, verstehe und glaube. Es ist die Sprache, die mir das Herz öffnet und mir zu Herzen geht.

Die Jünger und Jüngerinnen sprechen so, dass es zu Herzen geht. Allerdings nicht allen. Denn manche halten sie einfach für betrunken. Doch viele lassen sich berühren, lassen sich taufen. Die erste Gemeinde entsteht.

Wer oder was aber hat das bewirkt? Sind die Jünger plötzlich zu charismatischen Rednern geworden? Haben sie den Universalübersetzer erfunden? Nein! Gottes Geist selbst hat die Jünger und Jüngerinnen Jesu erfüllt und den Weg zu den Herzen der Zuhörenden eröffnet. Am Fest des Bundes erinnert Petrus in seiner Predigt an die Weissagung des Propheten Joel, dass Gott seinen Geist ausgießen wird auf alle Menschen. Das heißt: Niemand wird ausgeschlossen. Schon die erste christliche Gemeinde ist international.

Wenn wir heute den internationalen Gottesdienst unserer Gemeinde beginnen, kommen wie damals in Jerusalem viele Sprachen zum Klingen. Denn wir begrüßen uns mit einem „Herzlich willkommen!“ in englisch, französisch, italienisch, deutsch, tamilisch, indonesisch, koreanisch, persisch und arabisch. Oft kommen noch ein oder zwei Sprachen hinzu, wenn man nachfragt.

Diese Sprachenvielfalt trennt uns nicht. Im Gegenteil! Sie macht uns reich. Was uns verbindet, ist, dass Gott zu einem jeden und einer jeden von uns so spricht, wie er oder sie ihn am besten versteht. Und so singen, beten und lesen wir in der Bibel im internationalen Gottesdienst in unseren je eigenen Sprachen – vereint im Glauben durch Gottes Geist. Denn es sind viele Sprachen, aber es ist ein Geist: Gottes Geist der Liebe, der uns zusammenbringt und uns Gemeinde sein lässt.

Jenseits des Pfingstfestes bleiben unsere Alltagsprobleme mit den fremden Sprachen bestehen und können uns voneinander trennen. Aber wenn wir uns gemeinsam in unserem Gottesdienst zusammenfinden, wird deutlich: Wir sind verbunden durch einen gemeinsamen Geist und der lässt uns Wege finden, uns zu verstehen. So geht Pfingsten weiter.

Gebet

Lebendiger Gott, Heiliger Geist, wir danken dir, dass du uns über alle Grenzen hinweg in Bewegung bringst. Du erscheinst jedem Volk dieser Erde in seiner Sprache. Führe uns alle über uns selbst hinaus, dass wir einander offen begegnen und verstehen; und in dir eins sind. Amen.

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