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Hinterher ist man immer schlauer

Kirche und Gesellschaft

Aus der Printausgabe - UK 23 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 1. Juni 2020

Hätte sich die Kirche in den vergangenen Wochen anders verhalten müssen? Die Kritik, die jetzt laut wird, ist oft ein bisschen wohlfeil. Die Frage an sich ist dennoch richtig.

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Happy Birthday! Geburtstage fallen in diesen Zeiten außergewöhnlich aus. Auch bei der Kirche. Pfingsten gilt als Geburtstag der Kirche. Und die quält sich gerade mit der Frage: Hat sie bei Corona versagt?

Schon seit Längerem brodelt es. Zum Überkochen kam es, als jetzt die frühere Pastorin und ehemalige Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht, den Kirchen vorwarf, sie hätten die Menschen in der Zeit der Krise alleingelassen.

Was ist dazu zu sagen?

Erstens: Eine solche Diskussion muss geführt werden. Die Pandemie ist für alle eine neue, extrem herausfordernde Situation. Auch für die Kirchen. Da muss man Bilanz ziehen. Zweitens: Die Art und Weise, in der Lieberknecht ihre Kritik äußert, ist völlig überzogen. Sie wird in keiner Weise den Bemühungen und Anstrengungen gerecht, die an tausenden Orten in evangelischen und katholischen Gemeinden geleistet worden sind.

Sicher: Manches hätte man besser machen können. Bei der Seelsorge für Menschen in Heimen, bei einsam Sterbenden – da mögen schmerzhafte Erfahrungen zurückbleiben; trotz aller Versuche und Bemühungen. Hinterher ist man immer schlauer. Da­raus muss man lernen. Um es beim nächsten Mal besser zu machen.

Aber nicht, um jetzt billige Vorwürfe in die Welt zu setzen. Denn die Kirche hat sich nicht vor ihrer Verantwortung gedrückt. Sie hat um den richtigen Weg gerungen. Und sich entschieden: Nächstenliebe kann auch darin bestehen, jemanden nicht in den Arm zu nehmen – und damit tausende andere zu schützen.

Und dennoch bleiben Zweifel, Unbehagen. Zagen. Und damit sind wir in guter Gesellschaft.

Die Kirche versteht Pfingsten als ihren Geburtstag. Was geschah damals? Die Apostel haben sich versammelt. Alle reden durcheinander. Auf den ersten Blick wirres Zeug. Da fühlt man sich manchmal gar nicht weit von heute entfernt. Und trotzdem kommt es zu einer Verständigung: Weil der Geist Gottes auf sie fällt. Die Menschen sind Feuer und Flamme. Der Geist treibt sie an.

Diese Kirche ist die Gemeinschaft der Gewillten. Der Bewegten. Der Inspirierten. Der Be-Geisterten.

Eines ist diese Kirche aber ganz sicher nicht: die Gemeinschaft der Perfekten. Derer, die alles richtig machen.

Denn sie ist auch die Gemeinschaft der Zweifelnden. Der Zagenden. Der Ängstlichen. Auch der Unbekümmerten, Übermütigen, Fahrlässigen. Und sie ist die Gemeinschaft derer, die streiten, die Fehler machen – o ja und o weh! Was für Fehler sie im Laufe der Jahrhunderte gemacht haben…

Deshalb, nur deshalb, sprechen die Christinnen und Christen von sich als „Gemeinschaft der Heiligen“: Weil sie vom Heiligen Geist beseelt sind. Weil sie sich zu Gott halten wollen – und weil sie sich von Gott halten lassen wollen. Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die erfüllt sind von dem Wunsch und der Absicht, die Gute Nachricht zu den Menschen zu bringen.

Das versucht sie. Auch heute. In allem Ringen, Wirren und Irren.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 3. Juni 2020, 5:36 Uhr


Da gehe ich einig. Sei es eine Partei, ein privater -, ein öffentlicher Betrieb, eine Familie, eine Ehe nur zu zweit oder wie hier beschrieben, unsere Glaubensgemeinschaft. Wo Menschen mit einander verbunden und aufeinander angewiesen sind, wurden in der Vergangenheit und werden auch in Zukunft Fehler gemacht. Wat den een sien Uhl, is den annern sien Nachtigal, was mir richtig erscheint und zu mir passt, passt dem Anderen lange nicht, gehört eben so dazu. Da Führungskräften bei Katastrophen immer ALLES abverlangt wird, zeichnet sie der Kritik ihrer Entscheidungen im Nachhinein Aufmerksamkeit zu schenken und die ungerechtfertigte auszuhalten, aus.
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ellybe, 3. Juni 2020, 13:51 Uhr


Sprache ist verräterisch. Die lässig-lockere Sprache dieses Artikels ist es auch. Sie ist der Sache, um die es geht, unangemessen. Wie kann man, wo viele (nicht nur zwei, drei, vier, einige wenige) Menschen in den vielen Krankenhäusern höchst einsam und verlassen sterben mussten (davon war sogar in Todesanzeigen zu lesen!) - wie kann man angesichts dessen und der Kritik daran solche Worte schreiben wie: "Sicher. Manches hätte man besser machen können. Bei der Seelsorge für Menschen in Heimen, bei einsam Sterbenden - da mögen schmerzhafte Erfahrungen zurückbleiben; trotz aller Versuche und Bemühungen." Welcher, bitteschön? Wo hat es da unter (den) Seelsorgern (und erst recht aus Landeskirchenämtern) einen offenen und öffentlichen Widerspruch, geschweige denn Widerstand gegeben gegen ihren Ausschluss aus den Sterbezimmern? Davon war nirgends (!) zu hören und zu lesen. Und es wäre verdammt wichtig gewesen, davon zu lesen, damit man als Mitmensch weiß bzw. wusste: Die kirchlichen Seelsorger, die Kirchen sorgen sich um mich/um uns. Sie werden mich/uns nicht alleine und im Stich lassen, wenn es mich/uns trifft! Sie werden sich nicht davon abhalten lassen, mir/uns beizustehen, wenn es für mich/uns (im Krankenzimmer) ans Sterben geht! - Und wenn sie Angst davor hatten: Hätte ihnen da nicht die Kirche den Rücken stärken müssen?!
Wie kann man also angesichts dessen schreiben, dass jetzt "billige Vorwürfe in die Welt" gesetzt werden und von "völlig überzogen"er Kritik sprechen -
"Denn", so lese ich in diesem Artikel: "die Kirche hat sich nicht vor ihrer Verantwortung gedrückt. Sie hat um den richtigen Weg gerungen. Und sich entschieden: Nächstenliebe kann auch darin bestehen, jemanden nicht in den Arm zu nehmen - und damit tausende andere zu schützen." Welche tausende wurden denn geschützt, wenn einem isoliert Sterbenden (nicht Corona-Erkrankten!) NICHT die Hand gehalten oder zum letzten Segen aufgelegt wurde? Welches Ansteckungsrisiko bestand denn in so einem "Fall"?
Da dreht sich mir der Magen um und da frage ich mich allen Ernstes:
Wie kann es besser werden, wenn man die großen Schrecken dessen, was geschehen (bzw. eben nicht geschehen) ist, einfach nicht begreift?
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Schallblech, 4. Juni 2020, 9:37 Uhr


Danke, Herr Hoeffchen.
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ellybe, 6. Juni 2020, 11:59 Uhr


"Hinterher ist man immer schlauer" - und "vorher"?
Vorher kann "man" ja wohl nicht schlau/er sein, weil man vorher: Gar nicht weiß, DASS und WANN eine Pandemie kommt. WIE eine/diese dann verlaufen wird. WAS im Einzelnen dagegen getan werden kann bzw. muss. Und was davon (mehr) hilft oder (mehr) schadet. Wie kann man also "vorher" sagen, oder sogar schon kritisieren, was man erst "hinterher" wissen bzw. erst währenddessen erkennen kann? Was soll, bezweckt also die Überschrift "Hinterher ist man immer schlauer"? Darf man etwa "hinterher" nicht in aller Deutlichkeit ansprechen, was zwischen "vorher" und "hinterher" auf jeden Fall hätte getan oder/und auf keinen Fall unterlassen werden dürfen? Vor allem, wenn es für jedermann gleich erkennbar war, dass die Würde von Menschen eklatant verletzt und gegen das Gebot der Nächstenliebe in gleicher Weise verstoßen wurde, die ja sonst immer hoch gehalten wird. Daher frage ich weiterhin:
Wie hat die offizielle Kirche (Präses/Bischöfe) mitten "in" der Krise
reagiert auf die Aufschreie in Todesanzeigen in der Tageszeitung, in denen es trauernde Hinterbliebene wagten, davon zu sprechen, dass z.B. ihr Vater/ihre Mutter im Krankenhaus völlig isoliert und alleingelassen sterben mussten!? *** Hat die offizielle Kirche davon Kenntnis genommen oder nicht? Wenn ja: Wie hat sie darauf reagiert? Hat sie es nur bedauert oder hat sie vielleicht ihre Seelsorger (nicht nur die im Krankenhaus) freundlich dienstlich angewiesen (mit direkten Rundschreiben oder über die Superintendenten), ab sofort und für die Zukunft niemande/n mehr derartig im Stich zu lassen: "Keiner stirbt für sich allein!" Wenn ja: Warum erfuhren wir als Gemeindeglieder bzw. Bürger nichts davon, auch nicht durch die kirchliche Presse? Wäre so etwas nicht seelsorgerlich geboten gewesen? Ich hätte eine entsprechende Mitteilung nicht als "marktschreierisch" empfunden, sondern als angemessen und wohltuend, zumal ich noch Ende Februar zu einer Biopsie im Krankenhaus war (Gott sei Dank diesmal kein Krebs). - Abschließend zwei Anmerkungen:
1. Als ich gegenüber unserem langjährigen Freund, einem ehemaligen leitenden Chefarzt einer großen Klinik, und seiner Frau, einer früheren Amtsärztin und Presbyterin, mehr als einmal über ***alles sprach, waren beide in gleicher Weise betroffen und schlugen die Hände über dem Kopf zusammen: "Das geht gar nicht!" Beide haben im Übrigen auch schon mitten in der Krise kritische Schreiben an höchste ministerielle Stellen geschickt.
2. Als "systemrelevante Größe" hat Kirche z.B. im 1. Weltkrieg die sterbenden Soldaten an der Front (mitten im Kugelhagel!) nicht im Stich gelassen, sondern, ohne Rücksicht auf konfessionelle Zugehörigkeit, durch ihre Pfarrer bis in den Tod begleitet. So ist es jedenfalls (vereinfacht gesagt) in den Annalen der (vor-) ökumenischen Bewegung nachzulesen. So weiß ich es von meinem Vater, der als Freiwilliger in Frankreich an diesem Krieg teilgenommen und etliche Kameraden verloren hat. Und da ist es heute in einer Pandemie nicht möglich, normal Sterbende in Krankenhäusern seelsorgerlich zu begleiten, wenn schon kein Angehöriger, nicht einmal der/die Ehepartner/in ins Sterbezimmer kann? Aus medizinischen Gründen (siehe Anmerkung 1) steht dem nichts entgegen.
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