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Wann wird es endlich wieder besser? Der erzwungene Stillstand dieser Tage nervt; die Unsicherheit macht das Leben mühsam. Im Predigttext aber leuchtet Hoffnung auf: „Siehe, es kommt die Zeit“... Das ist wie ein Sonnenstrahl, der durch dunkle Regenwolken blitzt. Das Volk Israel hat die Erfahrung gemacht, dass Gott da ist – in den Zeiten der Krise wie in den anschließenden Aufbrüchen. Und dann, so die Verheißung, wird das Herz der Menschen auf Gott hören. Foto: Photographee.eu

Wenn die Sonne durchbricht

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 22 / 2020

Anthea Kuhn | 22. Mai 2020

Über den Predigttext zum Sonntag Exaudi: Jeremia 31,31-34

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Wann wird es endlich wieder besser? Der erzwungene Stillstand dieser Tage nervt; die Unsicherheit macht das Leben mühsam. Im Predigttext aber leuchtet Hoffnung auf: „Siehe, es kommt die Zeit“... Das ist wie ein Sonnenstrahl, der durch dunkle Regenwolken blitzt. Das Volk Israel hat die Erfahrung gemacht, dass Gott da ist – in den Zeiten der Krise wie in den anschließenden Aufbrüchen. Und dann, so die Verheißung, wird das Herz der Menschen auf Gott hören. Foto: Photographee.eu
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Anthea Kuhn (28) ist Vikarin in der Evangelischen Kirchengemeinde Neheim.

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Predigttext
31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Siehe, es kommt die Zeit…“. Mit diesen Worten beginnt der Predigttext, und die Worte sprechen mich direkt an. Auch ich habe das Gefühl zu warten, und auch ich sehne mich nach Veränderungen. Jeden Tag aufs Neue vermisse ich es, unter Menschen zu sein und meinem gewohnten Alltag nachzugehen. Meine Familie habe ich schon länger nicht mehr gesehen und mit meinen Freunden habe ich nur noch über digitale Wege Kontakt. Beruflich arbeite ich größtenteils im Homeoffice. Zugleich weiß ich, dass es vielen Menschen gerade in diesen Zeiten noch viel schlechter geht: den Flüchtlingen in ihren provisorischen Flüchtlingslagern, den älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen, die einsam sind und keine Besuche mehr bekommen dürfen, den Erkrankten und ihren Angehörigen.

Kein Ende abzusehen – das macht nervös

Wann wird die Krise vorüber sein? Das nicht zu wissen, macht unruhig und nervös. Zukünftige Ereignisse zu planen ist schwierig, wenn keiner weiß, wie die Zukunft aussieht und wann Normalität einkehrt. Dadurch muss vieles auf Eis gelegt werden, und das demotiviert.

„Siehe, es kommt die Zeit…“. Mit diesen Worten beginnt Gott seine Rede an das Volk Israel, das ebenfalls eine Krise durchgemacht hat – wenn auch eine andere, als wir heute. Die Menschen hatten ihre Heimat verloren, lebten im Exil und hatten keinen Tempel mehr, kein Symbol dafür, dass ihr Gott da ist und sie beschützt. Sie fragten sich, wie es so weit kommen konnte und ob sich Gott nun endgültig von ihnen abgewandt hat.

Vielleicht kommen auch uns solche Zweifel. Vielleicht stellen auch wir uns die Frage, warum Gott Krankheiten zulässt; oder wir haben Angst, dass Gott uns damit bestrafen möchte. Das Volk Israel wandte sich im Gebet immer wieder an Gott und suchte das Gespräch. Zunächst scheint Gott zu schweigen. Ein Schweigen in Krisenzeiten, ein Schweigen in der Suche nach Antworten, ist nur schwer zu ertragen. Auch das Schweigen der Politiker zu Ausstiegsfragen hat uns von Anfang an unruhig gemacht. Nach und nach werden Konzepte vorgelegt, wie es weitergehen kann, immer wieder werden Termine für weitere Beratungsgespräche festgesetzt, aber keiner weiß, wann diese Krise letztendlich vorbei sein wird.

„Siehe, es kommt die Zeit…“. Mit diesen Worten bricht Gott das Schweigen gegenüber dem Volk Israel. Die Krise ist noch nicht vorbei, aber Gott spricht zu den Menschen in die Krise hinein: Gott sagte damals und sagt auch heute zu uns, dass er da ist. Er hat sein Volk damals nicht vergessen und hat sich auch von uns nicht abgewandt. Er hat damals verheißungsvolle und heilbringende Worte in die Krise gesprochen und tut dies auch heute. Gott bricht das Schweigen mit Worten der Hoffnung. Ich stelle mir das so vor, wie das Aufbrechen einer Wolkendecke. Die Wolken sind nicht weg, aber die Sonne, die immer schon da war, scheint nun durch die Wolken hindurch und lässt alles hell erstrahlen. Das Alte erscheint in einem neuen Licht. Gott schweigt nicht, sondern Gott spricht in unsere Angst, Not und Ungewissheit. Seine Worte geben Kraft und Halt. Wenn Gott redet, dann werden neue Perspektiven erkennbar, ein neuer Blick auf die Zukunft.

„Siehe, es kommt die Zeit…“. Gott beginnt seine Rede mit einer Aufforderung hinzusehen. Schon das Hören und Vertrauen auf Gottes Wort gibt Kraft und Halt, aber Gottes Wort bewirkt auch Veränderungen, die wir an uns und in der Welt sehen können, wie es schon im Schöpfungsbericht heißt: Gott sprach – und es geschah! Gott spricht in unsere Krise hinein und Gott hilft uns durch die Krisen hindurch.

Gebet

Vater, alles steht Kopf und ist anders als gewohnt. Wir wissen nicht, wie lange es noch so sein wird. Wir leiden unter der Ungewissheit. Bitte gib uns Halt und Kraft. Stärke auch unser Miteinander, dass wir gerade jetzt an andere denken und uns für andere einsetzen. Amen.

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