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Was Beten lehrt

Rogate - Betet!

Aus der Printausgabe - UK 21 / 2020

Anke von Legat | 18. Mai 2020

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Not lehrt Beten – das alte Sprichwort scheint sich in den vergangenen Wochen zu bewahrheiten. Denn Not, die gibt es: Zukunftssorgen und Einsamkeit, Armut und – meist versteckte – Gewalt. Und Beten? Das gibt es auch: Die brennenden Kerzen in geöffneten Kirchen sprechen von vielen Bitten, die in den Himmel geschickt werden; in den sozialen Medien sprießen allerorten Gebetsgruppen hervor, und Sätze wie „Ich bete für dich“ oder „Bleib behütet“ sagen sich heute viel selbstverständlicher als noch vor acht Wochen.

In manchen Fällen legt uns die Not selbst die Worte in den Mund: „Lass mich gesund werden“; „erhalt mir meine Arbeitsstelle“; „sei bei Vater im Sterben“ – Sätze von ganz unmittelbarer, existenzieller Sorge. Aber auch viele, die nicht ganz so existenziell betroffen sind, spüren jetzt den Wunsch, zu bitten – um Bewahrung und Halt, um Kraft und gute Entscheidungen, um ein Ende der Not – oder zu danken: für eben diese Bewahrung oder Kraft, für Heilung oder ein Ende der Not.

Allerdings trifft der Satz „Not lehrt Beten“ nicht wirklich den Kern, denn Beten selbst muss man nicht lernen. Was uns die Not der Corona-Pandemie hingegen lehrt, ist ein neuer Blick darauf, wie schwankend der Boden unter unseren Gewissheiten ist, auf die wir unsere Zukunft bauen. Sie zeigt uns, dass wir unser Leben nicht selbst in der Hand haben – so sehr wir diese Illusion auch lieben –, sondern Mächten ausgeliefert sind, die wir nicht beherrschen.

Das Gebet ist die Antwort auf diese Erfahrung. Wenn wir beten, geben wir unsere Selbstsicherheit und Selbstbezogenheit auf und gestehen ein, dass wir bedürftig sind. Damit wenden wir uns an einen anderen – an den, der diese Welt in seiner Hand hält: an Gott.

Wie wir ihn anreden, spielt keine Rolle. Wichtig ist das Reden selbst, weil es Ausdruck von Nähe und gelebter Beziehung ist. Es gibt zwar Gebetstexte, die man lernen kann, und Rituale, mit denen man sich vertraut machen kann. Aber die Stoßgebete, die Halbsätze, die unkonzentrierten, immer wieder von anderen Gedanken unterbrochenen Gebetszeiten – all das ist ohne vorgegebene, erlernte Form, und so darf es auch sein. Ein Gebet unterliegt keinen besonderen Anforderungen; wer sich an Gott wendet, muss nicht erst eine Liste mit äußeren oder inneren Bedingungen abhaken, bevor er losredet.

Wer dabei nach Worten sucht, sich unbeholfen fühlt oder unzulänglich, ist damit nicht allein. Die Bibel erzählt von Beterinnen und Betern mit ähnlichen Erfahrungen, angefangen bei Abraham über Hiob, Hanna und Maria bis hin zu Paulus, der im Römerbrief schreibt: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich‘s gebührt“. Paulus zieht dann nicht die Not als Lehrmeisterin für das Gebet heran, sondern den Heiligen Geist: „Der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.“ Das macht Mut – für das eigene Gebet und für die Zukunft.

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