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Wünsch dir was

Gesellschaft

Aus der Printausgabe - UK 19 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 4. Mai 2020

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Was ich im Moment am meisten vermisse? Es mag banal klingen: Einfach mal irgendwo in ein Café gehen, mich an einen Tisch setzen. Und dem emsigen Treiben um mich herum zuzusehen.

Hunderte, vielleicht tausende Male habe ich das in den vergangenen Jahrzehnten getan. Es war immer schön, sicher. Aber wie wichtig es für mich war, wird mir erst jetzt bewusst – wo Cafés und ihre geschäftige, aber auch sorglose Stimmung dort erst einmal verschwunden sind.

Cafébesuch. Stadtbummel. Freunde treffen. Fußball spielen. Es mag wichtigere Dinge im Leben geben. Fragt man aber im Moment die Menschen, wonach sie sich sehnen, tauchen eben gerade diese „kleinen“ Dinge des Alltags auf. Und plötzlich bekomme ich eine Ahnung davon, dass diese Dinge eben nicht klein sind. Sondern dass ich sie bislang einfach nur gnadenlos unterschätzt habe.

Warum ist das wohl so? Vermutlich, weil sie so alltäglich sind. Jederzeit verfügbar. Machbar. Dass man an ihnen Spaß hatte – ja, klar. Deshalb machte man sie ja. Aber… wenn mir eine gute Fee noch vor drei Monaten gesagt hätte: „Du hast drei Wünsche frei“ – ob ich da einen Besuch im Kaffeehaus genannt hätte?

In den vergangenen Wochen musste ich immer wieder an meine Eltern denken. Beide Vertriebene aus Schlesien. Damals, in meiner Kindheit in den 60ern und 70ern im Ruhrgebiet, habe ich nicht wirklich verstanden, was sie meinten, wenn sie sagten: „Wenn Ihr nur wüsstet…“ Dass ein Laib Brot, frisch und jederzeit beim Bäcker erhältlich, etwas so Kostbares sein könnte. Oder die Ruhe auf den Straßen nicht Ödnis und Langeweile bedeuten musste. Sondern auch ein Zeichen waren für Frieden und das Schweigen von Kriegskanonen.

Ich will damit nicht sagen, dass die gegenwärtige Lage auch nur irgendwie mit den Kriegs- oder Nachkriegsjahren zu vergleichen wäre. Ich habe nur den Eindruck, dass ich momentan ein verstärktes Gespür dafür entwickle, wie kostbar so manches ist. Nichts, rein gar nichts, ist selbstverständlich.

Meine Mutter hatte in ihren späten Jahren oft von einem Traum erzählt. Wie schön es doch wäre, wenn sie „ihren“ Berg noch einmal sehen könnte. Den Zobten, eine Mittelgebirgserhebung südwestlich von Breslau.

Als Kind hatte meine Mutter den Berg jeden Tag in der Ferne erblickt, wenn sie aus der Haustür zu Schule oder Feldarbeit ging. Damals war daran vermutlich nichts Aufregendes, Anrührendes oder Außergewöhnliches. 50 Jahre später, als der Berg in für sie unerreichbare Ferne gerückt war, hätte sie wohl fast alles dafür gegeben, um ihn noch ein einziges Mal zu Gesicht zu bekommen.

Wie wertvoll etwas ist, wird einem manchmal erst dann bewusst, wenn es weg ist.

Diese Erkenntnis macht die gegenwärtige Not nicht kleiner. Aber sie hilft vielleicht dabei, die nächsten Wochen und Monate zu ertragen. Voller Dankbarkeit für das, was war. Was noch möglich ist.

Und was, so Gott will und Gnade schenkt, auch wiederkommen wird.

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