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Abtauchen in eine andere Welt. Ein gutes Buch kann eine herrliche Ablenkung sein. Foto: epd
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Bücher als Arznei

Lesen

Aus der Printausgabe - UK 19 / 2020

Michaela Hütig | 3. Mai 2020

Sie spenden Trost, machen Mut, lenken ab und öffnen Fenster in andere Welten: Wohl jeder Leser kennt die oft magische Wirkung von Büchern. Bibliotherapeuten setzen diese gezielt ein. Manchmal fällt die Reaktion unerwartet heftig aus.

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Abtauchen in eine andere Welt. Ein gutes Buch kann eine herrliche Ablenkung sein. Foto: epd

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„Es tut wohl, den eignen Kummer von einem andren Menschen formulieren zu lassen“, schreibt Erich Kästner 1936 in seiner „Lyrischen Hausapotheke“. In dem Büchlein empfiehlt er mit einem Augenzwinkern „seelisch verwendbare Strophen“ zur „Behandlung des durchschnittlichen Innenlebens“: Bei Liebeskummer, Einsamkeit, Heimweh, Eifersucht helfe Gedichtelesen. Wie einst Kästner setzen heute sogenannte Bibliotherapeuten auf die heilende Kraft des geschriebenen Wortes.

Bücher können helfen, eine Situation zu akzeptieren

Einer von ihnen ist Alexander Wilhelm aus Dortmund. Er hat in seiner Arbeit schon oft erfahren, dass das richtige Buch zur richtigen Zeit Menschen in seelischer Not helfen kann, wie er erzählt. „Ich versuche, bei einem Klienten oder einer Klientin mit einem Text etwas anzuregen“, sagt Wilhelm. „Über etwas nachzudenken, ein Thema erst einmal zu akzeptieren, sich zu öffnen und dadurch einen Prozess auszulösen.“ Auf diese Weise habe er sogar schon Schlaganfall-Patienten behandelt. „Zunächst herrschen da oft Wut und Unzufriedenheit mit dem Schicksal vor“, erklärt der Sprachtherapeut. „Bücher können den Betroffenen helfen, ihre neue Situation zu akzeptieren.“

Wie das funktioniert? Beim Lesen entstehen „innere Bilder“, die Ideen, Emotionen und Stimmungen lösen, wie der Sprachtherapeut erläutert. Der Leser vollzieht Handlungen und Gefühle der literarischen Figuren selbst nach – das nennt sich „Solidaritätserfahrung“. Dadurch werden im Gehirn nach Erkenntnis von Neurowissenschaftlern in den sogenannten Spiegelneuronen dieselben Aktivitäten ausgelöst wie bei den tatsächlichen Vorgängen.

Dieses Wecken womöglich verdrängter Emotionen ist laut Wilhelm wichtig, da viele Klienten ihre Beschwerden zunächst gar nicht klar benennen können. Dann helfe es ihnen zu erkennen, dass eine literarische Figur die gleichen Sorgen habe – oder auch gerade nicht. „Texte können uns auch zu einem Abstand zu unserem eigenen Befinden verhelfen“, sagt der Heilkundler. „Dann stellen wir fest, dass auch ein ganz anderer Umgang mit unseren Problemen möglich ist und bekommen einen neuen Blick für das Wesentliche.“

So habe er einmal eine junge Klientin, die ihre Probleme mit Eifersucht nicht wahrhaben wollte, mit einem Buch über das Thema konfrontiert. „Sie nahm das Buch, schleuderte es durchs Zimmer und fing dann fürchterlich an zu weinen“, erinnert er sich. „Über ihre Wut hat sie sich dem Thema geöffnet, und wir konnten plötzlich darüber sprechen.“ So drastische Reaktionen seien aber selten: „Häufiger sind Betroffenheit und Traurigkeit.“

Der Therapeut hat in seiner Praxis inzwischen eine stattliche Sammlung an Romanen und Gedichtbänden stehen, wie er sagt. Denn nicht jedes Buch funktioniert bei jedem: „Man kann es nicht verordnen wie eine Tablette.“ Vielmehr spiele auch die Leseerfahrung eine wichtige Rolle. So sei einmal eine ältere Dame zu ihm gekommen, die bis dahin vor allem Groschenromane gelesen hatte. „Da kann ich natürlich nicht mit Goethe oder Grass kommen.“ Gut funktioniere in solchen Fällen die Arbeit mit Märchen. „Da haben die Protagonisten ein Problem, überwinden es mit Hilfe oder ohne, und es gibt ein gutes Ende. Das hilft oft, um Menschen zu stabilisieren.“

Das Ziel, mit geschriebenen Worten in seelischer Not zu trösten, hat die Bibliotherapie freilich nicht erfunden. „Seit Menschengedenken werden Wörter, Texte und Bücher als Heilmittel, aber auch als Erziehungs- und Besserungsinstrumente eingesetzt“, erklärt die Autorin Andrea Gerk. In ihrem Buch „Lesen als Medizin“ verfolgt sie die Methode zurück bis in die Antike. Auch die „Buchreligionen“ eine der Glaube, dass das heilige Wort in Bibel, Talmud oder Koran die Seele heilen kann.

Und nicht zuletzt macht laut Gerk jeder Leser selbst die Erfahrung, dass Literatur „seelisch verwendbar“ ist. „Wörter entfalten mitunter eine magische Kraft, die uns nicht nur intellektuell voranbringt, sondern auf vielschichtige Weise im Innersten berührt“, erklärt sie – manchmal so sehr, dass ein Vers, eine Erzählung, ein Roman das ganze Leben verändern könnten. Bücher könnten Trost schenken, Mut machen, Spiegel vorhalten und Zuflucht sein, amüsieren, berühren und ablenken.

Therapeut Wilhelm bedauert es, dass die Bibliotherapie in Deutschland anders als etwa in den USA, in Großbritannien und Skandinavien nicht von den Krankenkassen anerkannt wird und eher einen exotischen Status hat. Das liege daran, dass es noch nicht genügend wissenschaftliche Nachweise für die Wirksamkeit gebe, sagt Wilhelm. Er selbst ist aber überzeugt: „Das richtige Buch hilft oft mehr als jedes Medikament.“

Kästners „Hausapotheke“ als Hilfe im Ghetto

Auch Erich Kästners „Hausapotheke“ erwies sich schon in den ersten Jahren als wirksam. Marcel Reich-Ranicki schilderte in seiner Autobiographie „Mein Leben“, wie er die gereimte Sammlung in den 40er Jahren im Warschauer Ghetto zusammen mit seiner späteren Frau Tosia las. Romane habe er in der Zeit, „da ich täglich mit dem Tod rechnen musste“, nicht lesen können, schrieb der Literaturkritiker. Kästners Gedichte aber hätten ihn damals gerührt, ergriffen und begeistert.

Andrea Gerk: Lesen als Medizin. Die wundersame Wirkung der Literatur. Verlag Rogner & Bernhard, 352 Seiten, 22,95 Euro. Erich Kästner: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke. Atrium Verlag, 82 Seiten, ab 12 Euro.

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