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Warum ich noch immer lächeln kann

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 17 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 20. April 2020

Plötzlich kramen die Menschen Puzzles hervor. Die alte Geige. Oder fangen mit Handarbeiten an. Warum es richtig ist, die Freude nicht sterben zu lassen.

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Einer meiner Helden in diesen Tagen ist Otto Waalkes. Jeden Tag veröffentlicht
der Komiker ein kurzes Video aus seinem Wohnzimmer. Er scherzt. Ulkt. Blödelt und witzelt. Warum mir das zurzeit ein so sehr breites Lächeln ins Gesicht zaubert? Vermutlich, weil mich der alte Mann mit seinen Späßen an meine
Jugend erinnert. Denn die gleichen Scherze hat Otto schon vor über 40
Jahren auf die Bühne gebracht.

Es ist interessant, was im Moment alles wiederkommt. Die Menschen genießen einen Spaziergang. Sie kramen die alte Geige hervor. Legen plötzlich wieder Puzzles wie in den 70er- und 80er-Jahren. Schauen sich Alben mit alten
Fotos an. Sie blicken in den Garten und sind erfreut, wenn sie Blumen
und Vögel benennen können.

Ich sehe also der Blaumeise zu, wie sie für ihr Nest Flusen aus meiner Fußmatte pickt, freue mich am Sonnenschein – und bekomme plötzlich ein schlechtes Gewissen. Draußen lauert das Virus. Gerade ist ein Kollege gestorben, ein ganz, ganz feiner Mensch. Und auch jenseits von Tod und Intensivstation leiden Menschen. An Vereinsamung. Mangelnder Nähe. An der Schwere, die sich aufs Gemüt legt.

Darf ich trotzdem lächeln?
Ja.

Erst das Lächeln macht das Leben komplett. Die Freude gehört zum Leben dazu, genauso wie das Leid und der Schmerz. Im Mittelalter waren Tod, Angst und Gewalt viel gegenwärtiger als heutzutage. Die Pest tobte. Alle möglichen anderen Ansteckungskrankheiten. Kriege überzogen das Land. Die Medizin
kannte noch keine Antibiotika, Beatmungsgeräte oder Herzschrittmacher. Jede Zahnwurzelentzündung konnte zum Tod führen. Die Lebenserwartung der Menschen lag bei irgendetwas um 30 Jahre. Noch zu Luthers Zeiten war die Angst vor dem nahen Weltuntergang allgegenwärtig.

Und trotzdem tanzten die Menschen. Sie feierten den Frühlingsbeginn. Den Sommer. Sie sangen Lieder.

Denn die Freude gibt dem Menschen Halt, Trost und Kraft.

Als 2005 die 22-jährige Meike Schneider an Leukämie starb, die Tochter des damaligen Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und späteren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, berichteten die Eltern Anne und Nikolaus später davon, wie sehr sie sich trotz allen Schmerzes getröstet gefühlt hätten. Es waren die Kraft des Glaubens und die Freude über die Liebe zu ihrer Tochter, die ihnen aufhalf.

Schmerz und Trost. Leid und Freude. Beides gehört zum Leben.

Die Menschen telefonieren mit Freunden und entdecken alte Bekannte. Sie fangen mit Handarbeiten an. Sie hören Andachten im Radio. Feiern Gottesdienste in Fernsehen und im Internet. Lächeln über eine Tüte mit Gaben an ihrer Haustür. Strahlen vor Freude, wenn unterm Fenster jemand ein Lied singt. Sie leben auf, wenn sich jemand erkundigt, wie es ihnen geht.

Freude ist nicht erst dann erlaubt, wenn alles wieder in Ordnung ist. Martin Luther soll sich, wenn es ihm nicht gut ging, gesagt
haben: „Ich bin getauft.“ Das gab ihm Mut und Halt.

Eine Freundin malt sich neuerdings öfter mal ein Kreuz in die Handfläche. Sicher, bei nächsten Händewaschen ist es dann wieder weg. Aber bis dahin
erinnert es sie daran: Ich gehöre zu Gott. Egal, was geschieht – nie kann ich tiefer fallen als in seine Hand. Und dann zieht sie los zum täglichen Spaziergang in den Stadtpark.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 21. April 2020, 8:35 Uhr


https://www.youtube.com/watch?v=IJoyXcdJZbc

Lach - dem schließe ich mich umgehend ohne Punkt und Komma an .-)

Ein langjähriger Freund aus Stuttgard sandte mir einen selbstgebastelten Videoclip mit dem Text von Rilke "Ich bin die Laute..." unterlegt mit Per-Olov Kindgrens zu eigenem Saitenspiel.
Da mich reine Streich-Flöten-Blechblas- und Mandolinenorchester stets begeistern, wollte ich unbedingt, ob es ein Lauten-Orchester und wie es tönt, wissen. Wie Otto, den ich sehr mag und der für mich überhaupt kein "alter Mann" ist, weil ich selbst schon "alt" war als er die Bühne betrat, sich nicht zu ändern vermag, ist uns allen ja die Originalität um der Ergänzung willen zu eigen :-) Und siehe die Laute findet sich europäisch als Orchester zusammen. "Ein dreimal Hoch dem Internet"
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