hg
Bild vergrößern
Foto: epd

Anzeige

Leben in der Nachfolge

Nationalsozialismus

Aus der Printausgabe - UK 15 / 2020

Helmut Frank | 9. April 2020

Märtyrer, Heiliger, Lichtgestalt – der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer steht vor allem für ein engagiertes Christentum und ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi. Ein Lebenslauf.

Bild vergrößern
Foto: epd

Anzeige

Am frühen Morgen des 9. April 1945 ist der Gefängnishof des Konzentrations-lagers Flossenbürg bei Weiden schon hell erleuchtet. Sieben Häftlinge werden aus ihren Zellen geführt. Unter ihnen ist auch ein evangelischer Pfarrer: Dietrich Bonhoeffer. Die Gefangenen hören, was ein NS-Standgericht in der Nacht beschlossen hat: Todesurteil wegen Hochverrats.

Bonhoeffer kann noch beten. Dann muss er seine Kleider ablegen. Als letzter der Verurteilten wird er an einem provisorischen Galgen ums Leben gebracht.

Dietrich Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hineingewirkt wie er. Sein leidenschaftlicher Protest gegen die nationalsozialistische Ideologie, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein gewaltsamer Tod im April 1945 finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung.

Vom Theologen zum Christen

Bonhoeffer wurde 1906 als Sohn eines Psychiatrie-Professors in Breslau geboren und wuchs mit sieben Geschwistern im Berliner Villen-Stadtteil Grunewald auf. Seine Mutter, eine Lehrerin, stammte aus einer adligen Theologen-Familie. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Kind. Die Grausamkeit des Krieges kehrte ins Haus Bonhoeffer ein, als sein zweitältester Bruder Walter im April 1918 fiel. 1923 bestand er sein Abitur mit den besten Noten – nur seine Handschrift wurde mit „nicht genügend“ bewertet.

An der Theologischen Fakultät kommt Bonhoeffer schnell voran. Mit 21 Jahren promoviert, mit 24 habilitiert und mit 25 Privatdozent. Sein Schüler Wolf-Dieter Zimmermann schilderte ihn als intellektuellen Charakter, gleichzeitig kräftig und energiegeladen: „Jeden von uns hat er im Tischtennis geschlagen.“ Bei starker Anspannung raucht er viele Zigaretten, er tafelt gerne ausgiebig mit Freunden und übernimmt dann ebenso gerne die Zeche.

Pazifist durch die Bergpredigt

Wichtige Anstöße für seine theologische Ausbildung bekommt Bonhoeffer am Union Theological Seminary in New York, wo er ab 1930 studiert. Mit seinem schwarzen Mitstudenten Albert Franklin Fisher besucht er in Harlem die Gottesdienste der schwarzen Abyssinian-Kirche und lernt die Bewegung des social gospel kennen. Später schrieb er: „Mehr als sechs Monate bin ich fast jeden Sonntag mittags um halb drei in einer der großen Negro Baptist Churches in Harlem gewesen … Ich habe in den Negerkirchen das Evangelium predigen gehört.“ Rückblickend bekannte er, in New York zum Christen geworden zu sein, zuvor sei er nur Theologe gewesen.

Mit Fisher und dem Franzosen Jean Lasserre diskutiert Bonhoeffer bis tief in die Nacht über Fragen des Glaubens und der Theologie. Von Lasserre lernt er, dass sich Nationalismus und Christsein gegenseitig ausschließen. 1932 beschäftigt er sich mit der Bergpredigt, die ihn stark anspricht. Bonhoeffer will nun ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi führen und macht sich pazifistische Ideen zu eigen.

Eine solche Haltung war für einen Pfarrer damals keinesfalls naheliegend. Für evangelische Christen war noch weithin eine Zwei-Reiche-Lehre gültig, der zufolge zwischen dem Reich Gottes und der Welt zu trennen war. Eine fatale Folge war die Überzeugung, man könne zugleich Christ und Nationalsozialist sein.

Bonhoeffer warnt früh vor den Gefahren des neuen Regimes, etwa in seiner ersten Predigt nach der Machtübernahme 1933: „Wir haben in der Kirche nur einen Altar, und das ist der Altar des Allerhöchsten. Wir haben keine Nebenaltäre für Menschenverehrung.“ Im April 1933 erwägt er unter dem Eindruck der Judenverfolgung die Möglichkeit, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“. Nur wenige Kirchenleute folgen ihm in dieser Einschätzung.

Weil Bonhoeffer in der „häretischen Reichskirche“ nicht arbeiten will, wird er im Herbst 1933 Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in London. Der Lordbischof von Chichester, George Bell, wird sein väterlicher Freund. Nach seiner Rückkehr übernimmt er 1935 die Pfarrerausbildung der Bekennenden Kirche im Ostseebad Zingst, dann im Predigerseminar Finkenwalde bei Stettin.

Er hat ein Ziel: klösterliche Gemeinschaft, aber keine „hinterwäldlerische“ Weltabgeschiedenheit. Strenge äußere und innere Zucht bestimmen sein Leben mit den Seminaristen. Mit den Seminaristen führt er ein konsequentes christliches Leben.

Diese Erfahrungen fasst er in dem Buch „Gemeinsames Leben“ zusammen – einfache, selbstverständliche, aber auch oft vergessene Regeln des Zusammenlebens: „Wir müssen bereit werden, uns von Gott unterbrechen zu lassen. Gott wird unsere Wege und Pläne immer wieder, ja täglich durchkreuzen, indem er uns Menschen mit ihren Ansprüchen und Bitten über den Weg schickt. Wir können dann an ihnen vorübergehen, beschäftigt mit den Nichtigkeiten unseres Tages, wie der Priester an dem unter die Räuber gefallenen vorüberging, vielleicht – in der Bibel lesend.“

Die strenge Bindung an das Wort der Bibel formt die Gemeinschaft, macht sie aber auch dem Regime verdächtig. 1937 schließt die Gestapo Finkenwalde; Bonhoeffer führt das Seminar im Untergrund weiter, bis auch das nicht mehr geht.

Angesichts der drohenden Kriegsgefahr 1939 kündigt Bonhoeffer dem Bruderrat der Bekennenden Kirche an, den Wehrdienst verweigern zu wollen. Die tödliche Konsequenz eines solchen Vorhabens ist seinen Freunden bewusst, sie vermitteln ihm daher eine Lehrtätigkeit in den USA. Doch er kämpft schwer mit Zweifeln und Selbstvorwürfen. Er müsse „die Prüfungen dieser Zeit mit meinem Volk teilen“, schreibt er seinem Freund Reinhold Niebuhr.

Christsein in einer religionslosen Zeit

Er macht sich Gedanken über Schuld, kirchliche Schuld. Er persönlich hat längst die Unschuld verloren, merkt er, und erklärt sich bereit zu einem Attentat auf Hitler. Er wolle zuvor aus der Kirche austreten, denn jede Anwendung von Gewalt sei Schuld. Aber: Es gibt nach Bonhoeffer Situationen, in denen ein Christ aus Liebe zum Nächsten Schuld auf sich nehmen müsse. Nach wenigen Wochen kehrt er nach Deutschland zurück.

1940 schließt er sich einer Widerstandsgruppe um Generalmajor Hans Oster im deutschen militärischen Geheimdienst an. Ein riskantes Doppelleben: Offiziell ist er Reiseagent der „Abwehr“, tatsächlich aber weiht er im Ausland kirchliche Mittelsmänner in die Putschpläne gegen Hitler ein.

Mitten in den Kriegswirren verlobt sich Bonhoeffer 1943 mit der 18-jährigen Maria von Wedemeyer, ein Kontrapunkt zum Leben im Widerstand. Doch das Paar hat nur wenig Zeit füreinander. Bonhoeffers konspirative Arbeit wird entdeckt, am 5. April 1943 wird er verhaftet. Seine Braut kann ihn nur in großen Abständen im Gefängnis besuchen.

In seiner Zelle in Berlin-Tegel erfährt er vom misslungenen Staatsstreich seiner Mitverschwörer am 20. Juli 1944. Hier schreibt er jene Briefe an seine Familie und an einen Freund, die später unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ berühmt wurden. Hier entwickelt er auch seine Gedanken über ein Christentum in einer religionslosen Zeit. Es sind aber auch erschütternde Versuche, mit der Situation als Gefangener fertigzuwerden.

Ende September 1944 findet die Gestapo belastende Akten des Abwehrdiensts, Bonhoeffer wird daraufhin im Gestapo-Keller in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße verhört. Am 8. April wird er nach Flossenbürg gefahren, von einem SS-Standgericht wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und im Morgengrauen des 9. April gehängt.

Ein Grab gibt es nicht. Seine Familie und seine Braut Maria von Wedemeyer erfahren von seinem Ende erst im Juni 1945. Das letzte überlieferte Wort Bonhoeffers ist ein Gruß an Lordbischof Bell: „Für mich ist dies das Ende, aber auch der Anfang.“

Bonhoeffer dachte als Theologe nach vorne, und damit über seine Zeit hinaus. Erstaunlich ist seine Produktivität trotz Rede-, Schreib- und Lehrverboten.

Selbstzweifel, Enttäuschungen und die Abschottung von Familie und Freunden hielten ihn nicht davon ab, Gedanken für die Zukunft von Kirche und Gesellschaft zu formulieren. In der tiefsten persönlichen Krise während der Haft dachte er frei und schrieb an seinen Freund Eberhardt Bethge: „Die Kirche muss aus ihrer Stagnation heraus. Wir müssen auch wieder in die freie Luft der geistigen Auseinandersetzung mit der Welt. Wir müssen es auch riskieren, anfechtbare Dinge zu sagen, wenn dadurch nur lebenswichtige Fragen aufgerührt werden.“

Er wollte eine weltzugewandte Kirche der Tat – als „Kirche für andere“. Das Vorbild war ihm dabei immer Jesus Christus, der für ihn „der Mensch für andere“ war.

Glaubensbekenntnis

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertigzuwerden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

0

Leser-Kommentare öffnen

Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen