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Ostermarsch der Friedensinitiative Westpfalz nahe dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz. Foto: epd

Für eine friedlichere Welt

Friedlicher Protest

Aus der Printausgabe - UK 15 / 2020

Rainer Hofmann | 8. April 2020

Als Sprachrohr der Friedensbewegung haben sie die Gesellschaft mitgeprägt. Der Politologe Gregor Hofmann erzählt zu 60 Jahren Ostermärsche in Deutschland.

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Ostermarsch der Friedensinitiative Westpfalz nahe dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz. Foto: epd

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Keine Massenbewegung mehr, aber noch immer das bekannteste Sprachrohr der Friedensbewegung: Der Politologe Gregor Hofmann erwartet, dass die Ostermärsche weitergehen werden, auch wenn sie wegen der Corona-Krise in diesem Jahr nur virtuell stattfinden können. Im Gespräch mit Rainer Hofmann würdigt der Wissenschaftler des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung die Erfolge der Ostermärsche und erläutert, wie sie auf junge Leute wirken.

Vor 60 Jahren fand der erste Ostermarsch in Deutschland statt. Welche Rolle spielten die Ostermärsche seither?
Die Ostermärsche spielen in Deutschland durchaus eine wichtige Rolle. Sie sind das bekannteste Sprachrohr der Friedensbewegung und haben auch die deutsche Gesellschaft mitgeprägt.
Die Tatsache, dass Deutschland militärisch sehr zurückhaltend ist, eng mit anderen Staaten zusammenarbeitet und es in der Öffentlichkeit eine starke Skepsis gibt, was den Einsatz von staatlicher Gewalt anbelangt, hat nicht nur mit den Erfahrungen aus der deutschen Geschichte zu tun, sondern auch mit den Protesten der Friedensbewegung. Sei es bei der Frage nach der Wiederbewaffnung, der atomaren Rüstung, dem Vietnamkrieg, den Protesten gegen den Nato-Doppelbeschluss oder den Irak-Krieg.
Immer wieder trieb dies die Menschen auf die Straße und zeigte Auswirkungen auf die deutsche Politik. Und die Ostermarschbewegung war ein wichtiger Teil davon. Man darf dabei nicht nur auf die Teilnehmerzahlen blicken. Die Friedensbewegung hat auch institutionell einges erreicht. Die Etablierung der Friedensforschung, die Entwicklung eines zivilen Friedensdienstes, die Zivile Konfliktbearbeitung, hier spielte die Friedensbewegung eine wichtige Rolle und oft waren Menschen aus der Ostermarschbewegung maßgeblich daran beteiligt.

Wie haben sich die Themen der Ostermärsche in den 60 Jahren verändert?
Die Ostermärsche spiegelten immer auch die Prioritäten der Friedensbewegung wider. Am Anfang stand die Forderung nach einer atomwaffenfreien Welt. Das ist auch heute nach wie vor wichtig. Doch in den folgenden Jahren wurden immer wieder auch aktuelle, neue Themen aufgegriffen. Dazu gehörten zuletzt die mutmaßliche Militarisierung der Europäischen Union, die Auslandseinsätze der Bundeswehr, der Syrienkonflikt, die Gefahren durch autonome Waffensysteme. All dies hat Menschen mobilisiert. Im vergangenen Jahr gab es zudem erste Kooperationen mit der Fridays for Future-Bewegung und es wurden somit Themen aufgegriffen, die derzeit viele junge Leute bewegen.

„Fridays for Future“ bringt junge Menschen auf die Straße. Könnte die Ostermarschbewegung von diesen Protesten profitieren und auch Jugendliche begeistern?
Da bin ich unsicher. Ich glaube, dass sich viele Jugendliche nicht von einem bedingungslosen Pazifismus ansprechen lassen. Laut einer Befragung des Internationalen Roten Kreuzes befürchten mehr als die Hälfte der jungen Menschen in den nächsten zehn Jahren den Einsatz einer Atomwaffe und ebenso viele glauben auch, dass sie den Dritten Weltkrieg noch erleben. Dennoch spielen diese klassischen Bedrohungen in ihrer Wahrnehmung offenbar keine so große Rolle, dass sie deswegen auf die Straße gehen würden. Bedroht fühlen sie sich eher durch die Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit oder den Klimawandel. In der Friedensbewegung haben sie zudem vielleicht auch das Gefühl, von anderen Generationen dominiert zu werden, zumal der Klimawandel dann nur noch ein Thema unter vielen wäre.

Wie attraktiv sind denn Ostermärsche überhaupt für junge Menschen?
Ich habe den Eindruck, dass die klassischen Protestformen der Friedensbewegung wie der Ostermarsch jüngere Menschen eher weniger ansprechen. In ihren Protesten spielen die sozialen Medien, Workshops, Happenings oder Online-Petitionen eine ebenso große Rolle wie Demonstrationen. Außerdem engagieren sich viele jüngere Menschen lieber spontan.
Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass die Ostermärsche wieder etwas mehr Zulauf finden. Denn die Angst vor einem Wettrüsten, die Flüchtlingssituation, die zunehmende Zahl von Konflikten, das treibt schon viele Menschen um, auch jüngere. Aber zu einer Massenbewegung wie in den 1980er Jahren wird es sicher nicht kommen.

• Glauben Sie, dass die Ostermärsche über die 60 Jahre hinaus dennoch eine Zukunft haben?
Proteste wie die Ostermärsche sind gerade dann wichtig, wenn wir vor großen existenziellen Herausforderungen stehen. Das zeigte sich beispielsweise 2003 beim Irak-Krieg, der viele Menschen auf die Straßen führte. Die nukleare Aufrüstung, kriegerische Konflikte auch in unserer Nähe, eine drohende Spirale der Aufrüstung, das bewegt auch jetzt wieder Menschen. Und hier spielen die Ostermärsche sicher eine Rolle.
Doch auch für die Friedensbewegung sind die Ostermärsche eine wichtige Ausdrucksform für ihren Protest, und sie sind für die Friedensbewegung identitätsstiftend. Daher bin ich mir sicher, dass es die Ostermärsche weiterhin geben wird. Die Welt ist leider nicht in einem guten Zustand, daher werden auch weiterhin Menschen auf die Straße gehen, um für eine bessere, friedlichere Welt zu demonstrieren.

Durch die Corona-Pandemie müssen in diesem Jahr alle Ostermärsche abgesagt werden. Glauben Sie, dass dies auch langfristig Auswirkungen auf die Proteste der Friedensbewegung hat?
Um die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen, ist eine Absage der diesjährigen Ostermärsche sinnvoll und notwendig. Es gilt, alle unnötigen sozialen Kontakte zu vermeiden. Zumal viele derer, die sich an den Ostermärschen beteiligen, der älteren Generation angehören. Langfristig wird dies die Friedensbewegung aber meiner Ansicht nach nicht schwächen. Sie wird getragen von zahlreichen Einzelpersonen und vielen kleineren Vereinen sowie größeren Organisationen, in denen sich Menschen für friedensbezogene Themen einsetzen. Diese werden ihr Engagement für ihre verschiedenen Anliegen fortsetzen, auch wenn die Ostermärsche einmal ausfallen.
Das Netzwerk Friedenskooperative arbeitet außerdem bereits an einem Konzept für einen virtuellen Ostermarsch. Vielleicht können wir somit in diesem Jahr sogar eine ganz neue Form des Protestes für den Frieden beobachten.

Friedensbewegung plant wegen Corona-Krise virtuellen Ostermarsch

Die Corona-Krise wirkt sich auch auf die Ostermärsche der Friedensbewegung aus: Genau 60 Jahre nach dem ersten Ostermarsch in Deutschland müssen in diesem Jahr alle geplanten Kundgebungen und Aktionen in bundesweit mehr als 90 Orten abgesagt werden. Stattdessen werde an einem Konzept für einen virtuellen Ostermarsch gearbeitet, sagte ein Sprecher des Netzwerks Friedenskooperative in Bonn. Details stehen noch nicht fest.
Da die Kundgebungen traditionell lokal und regional verantwortet werden, sind bislang noch nicht alle Veranstaltungen offiziell abgesagt, angesichts des von Bund und Ländern beschlossenen Kontaktverbots dürfen sie aber ohnehin nicht stattfinden. Am Fliegerhorst Büchel in der Eifel, wo die letzten US-Atomwaffen in Deutschland vermutet werden, ist bislang noch für Anfang Juni ein größerer kirchlicher Aktionstag mit der stellvertretenden Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der westfälischen Präses Annette Kurschus, geplant. epd

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