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Die große Generalpause

Angemerkt

Aus der Printausgabe - UK 15 / 2020

Bernd Becker | 3. April 2020

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Corona wird gewiss nicht das Wort des Jahres. Aber der meist benutzte Begriff 2020 ganz sicher. Mittlerweile sind auch fast alle Wortspiele und Analogien durchbuchstabiert. Der Welt­hit „My Sharona“ von 1979 musste sich mit „My Corona“ schon etliche Umdichtungen gefallen lassen. Und ja, es hat sich rumgesprochen, dass ein mexikanisches Bier „Corona“ heißt. Auch gab und gibt es diverse Automobile mit diesem Namen und einige Städtchen in den USA. Ironie des Schicksals: Im Duden bezeichnet „Korona“ eine Ansammlung von Jugendlichen. Wahlweise fröhlich oder randalierend. Zuletzt soll die heilige Corona an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Sie starb, der Legende nach, im zweiten Jahrhundert nach Christus auf grausame Weise für ihren Glauben.

Eine weitere Bedeutung von „Corona“ scheint dagegen noch eher unbekannt. Neben anderen Fotos und Videos landete jetzt ein Text von einem Musikstudenten im Handy. Er hatte ihn aus einem historischen Lexikon abfoto-grafiert. „Corona, oder Coronata“, heißt es da: „Ein Zeichen, welches, wenn es über gewissen Noten in allen Stimmen zugleich vorkommt, ein allgemeines Stillschweigen oder eine Generalpause bedeutet.“ Musikalisch Begabte haben es bereits vor Augen. Eine nach unten offene Parabel mit einem Punkt in der Mitte. Heute besser bekannt als Fermate. Hier zeigt sich in der Musik eine erstaunliche Parallele zur Realität. Corona zwingt zur Ruhe. Wenn auch zumeist nur äußerlich. Zu groß die Sorge um die Auswirkungen der Pandemie. „Ein Ruhezeichen, das Innehalten in der Bewegung anzeigt“, so beschreiben auch moderne Lexika die Fermate. Möge es helfen, das Innehalten.

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