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Wo Hamstern wirklich hilft

Glaube und Leben

Aus der Printausgabe - UK 13 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 25. März 2020

Manchmal kann Kirche seltsam sein. Sie ruft uns „Freue dich!“ zu. Und wir fragen: Wie – jetzt? Wie soll das denn gehen? Über die schwierige Frage, warum alles seine Zeit hat.

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Das sind seltsame Zeiten. Wie sehr, merkt man, wenn man oben auf die Titelseite der aktuellen UK schaut. Da steht ein „Störer“, eine knallige Nachricht, die auffallen soll: Alle Gottesdienste und Veranstaltungen müssen ausfallen. So eine Ausnahmesituation wie durch das Coronavirus mit ihren Einschränkungen, Sorgen und Herausforderungen hat von uns wohl kaum einer erlebt. Direkt daneben, rechts oben, der liturgische Name für diesen Sonntag: Lätare. Das ist lateinisch und heißt: Freue dich!

Freude in Zeiten von Corona. Wie soll das gehen?

Man mag einwenden, dass  der Mensch nicht erst jetzt Angst, Leid und Trauer kennenlernt. Lätare, dieser Name steht seit Jahrhunderten in der Mitte der Passionszeit, um genau diese Botschaft weiterzugeben: Egal, wie schmerzhaft dein Weg ist – denke daran, dass es noch Grund zur Freude gibt. Gerade als Christinnen und Christen wissen wir das ja auch. Aber dieses Jahr muss sich das Wissen neu bewähren.

Freude in Zeiten von Corona. Wie soll das gehen?

Man könnte auf Vorbilder verweisen. Auf Paul Gerhardt. Das Leben des Liederdichters und Theologen war geprägt von Leid und Katastrophen. Armut, 30-jähriger Krieg, Pest. Als er endlich eine Familie gründen kann, sterben vier der fünf Kinder. Seine Frau auch. Er muss sich entscheiden zwischen Gewissen und beruflicher Karriere. Er bleibt standhaft, nimmt erneut Leid und Entbehrung in Kauf.

Und doch  schreibt Gerhardt dutzende Liedtexte, so wunderschön, dass wir sie noch heute singen („Fröhlich soll mein Herze springen“. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich“.) Nicht von ungefähr waren es diese Lieder, die Dietrich Bonhoeffer rund 300 Jahre später in der Todeszelle der Nazis Mut und Gelassenheit gaben.

Aber: Trotz aller strahlenden Vorbilder – Freude kann man nicht verordnen. Also bleibt die Frage: Freude in Zeiten von Corona? Wie soll das gehen?

Alles hat seine Zeit, sagt die Bibel. Freude hat ihre Zeit. Auch die Angst. Die Sorge. Auch die Panik und der Hamsterkauf. Unabhängig davon, ob etwas „richtig“ oder „hilfreich“ ist – wenn etwas seine Zeit hat, dann ist es eben so. Und man muss damit umgehen.

Wie gehen die Menschen damit um? Nach der anfänglichen Verwirrung entstehen an vielen Orten Initiativen, die helfen wollen. Einkäufe für die Nachbarschaft. Mut machen per Telefon. Andachten und gute Worte per Internet. Menschen schicken einander Fotos von Frühlingsblumen. Von surrenden Hummeln. Von der erblühenden Magnolie vorm Fenster. Von gemeinsamen Erlebnissen der Vergangenheit. Segenssprüche und Gebete. So geben sie einander kleine Zeichen der Freude. Wir hamstern schöne Eindrücke, nennt das eine Bekannte.

Ob das hilft? Vielleicht nicht gegen das Virus. Da helfen nur Klugheit, Disziplin und Wissenschaft. Aber es kann helfen, die Zeit gut zu überstehen. Alles hat seine Zeit. Auch die Freude wird zurückkehren.

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