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Ein liebevoll gedeckter Tisch, ein Dach über dem Kopf und Gemeinschaft mit freundlichen Menschen – das ist es, was Heimat ausmacht. In unserer Zeit sind Millionen von Menschen in der Fremde unterwegs, als Flüchtlinge, als Arbeitsmigranten oder aus anderen Gründen. Viele von ihnen sehnen sich nach dem Gefühl, willkommen, sicher und geborgen zu sein. Diese Sehnsucht nimmt der Predigttext auf und verheißt: Es gibt diese Heimat – in Gottes Reich. Foto: shaiith

Nach Hause kommen

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 13 / 2020

Dr. Bartold Haase | 20. März 2020

Über den Predigttext zum Sonntag Lätare: Jesaja 66,10-14.

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Ein liebevoll gedeckter Tisch, ein Dach über dem Kopf und Gemeinschaft mit freundlichen Menschen – das ist es, was Heimat ausmacht. In unserer Zeit sind Millionen von Menschen in der Fremde unterwegs, als Flüchtlinge, als Arbeitsmigranten oder aus anderen Gründen. Viele von ihnen sehnen sich nach dem Gefühl, willkommen, sicher und geborgen zu sein. Diese Sehnsucht nimmt der Predigttext auf und verheißt: Es gibt diese Heimat – in Gottes Reich. Foto: shaiith
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Dr. Bartold Haase (44) ist Theologischer Vorstand und Vorstandssprecher der Stiftung Eben-Ezer in Lemgo.

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Predigttext
10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12 Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet‘s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Marlene lebt in der Stiftung Eben-Ezer in Lemgo. Sie hat ein gemütliches Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Mit ihren drei Mitbewohnerinnen versteht sie sich gut. Marlene ist seit zwei Jahren im Ruhestand. Früher hat sie in der Weberei der Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet.

Marlene liebt Spaziergänge durch den Wald. Dabei sammelt sie Vogelfedern und klebt sie in ein Album. Manchmal macht sie eine Reise. Mit einer Gruppe aus Eben-Ezer war sie in Israel. Davon erzählt sie noch heute. Besonders die goldene Kuppel des Felsendoms in Jerusalem hat sie beeindruckt. Aber je ferner sie der Heimat ist, desto größer wird das Heimweh. „Ich lebe gern in meiner WG. Ich möchte dort bis zu meinem Tod leben. Das sollen alle wissen“, sagt sie. Marlene ist gern unterwegs – aber noch lieber kehrt sie zurück in ihre vertraute Umgebung.

Von Rückkehr träumen alle Verbannten

Rückkehr – davon träumen auch die Exilierten an den fernen Wassern Babylons. Die Jüngeren sind hier geboren. Sie kennen nur das Leben im Exil und haben sich eingerichtet. Doch die Alten denken voller Sehnsucht an die Heimat, an Jerusalem, das für sie mehr ist als eine Stadt. Auch für Jesaja klingt mit dem Namen Jerusalem Gottes Verheißung von Heil und Frieden. Wenn er durch die verlassenen Straßen geht, seinen Blick über zertrümmerte Häuser, eingestürzte Mauern und verlassene Plätze schweifen lässt, dann sieht er die Zurückgekehrten vor sich. Sie werden die Stadt mit neuem Leben füllen. Sie werden ihre Häuser wieder aufbauen, Gärten pflanzen, sich auf den Plätzen begegnen. Dann werden Wunden heilen und Lebenskräfte wachsen. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.“

Trost und Heimat – das ist eng miteinander verbunden. Das spüren besonders die Menschen, die fern ihrer Heimat im Exil leben. Hilde Domin schreibt:

Rückkehr
Meine Füße wunderten sich, dass neben ihnen Füße gingen, die sich nicht wunderten. Ich, die ich barfuß gehe und keine Spur hinterlasse, immer sah ich den Leuten auf die Schuhe. Aber die Wege feierten Wiedersehen mit meinen schüchternen Füßen. Am Haus meiner Kindheit blühte im Februar der Mandelbaum.

Jesajas Vision von einem Jerusalem, durch das Frieden wie ein Strom fließt, hat sich nicht erfüllt. Bis heute nicht. Die, die aus dem Babylonischen Exil zurückgekehrt sind, fanden eine zertrümmerte und fremde Stadt. Die Träume von Trost und Neubeginn zerplatzten schnell. Bis heute ist Jerusalem Schauplatz politischer Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern, Religionen und Kulturen. Freude über Jerusalem – wird das für immer eine Vision bleiben?

Die biblischen Visionen sehen in Jerusalem mehr als nur eine den Wirren der Geschichte unterworfene Stadt. Jerusalem, das ist Gottes Reich, aufgerichtet unter den Menschen. Am Ende der Zeit werden sie dort sitzen, Arme und Reiche, Juden, Christen und Moslems, Draufgänger und Verzagte – alle an einem Tisch und Gott mitten unter ihnen. Am Ende der Zeit fließt Frieden wie ein Strom.

Bis dahin sind wir unterwegs, wanderndes Volk Gottes, unterwegs in einer vielfach bedrohten Welt. Angetrieben von unserer Sehnsucht nach Rückkehr, Trost und Heimat. Sie wird sich erfüllen, das ist Jesajas Botschaft. Nicht erst am Ende der Zeit, sondern immer wieder auch schon jetzt. Überall dort, wo Menschen willkommen geheißen werden, wo ein Dach über dem Kopf und ein liebevoll gedeckter Tisch warten, ein offenes Gartentor und ein blühender Mandelbaum. Überall dort, wo Menschen wie Marlene sich zu Hause wissen und geborgen fühlen.

Gebet

Ewiger Gott, nach Trost und Heimat sehnen wir uns. Menschen müssen fliehen.  Städte werden zerstört. Rückkehr bleibt oft ein Traum. Das, was uns trägt und bewegt, ist Hoffnung auf dein Friedensreich. Hilf uns, an dieser Hoffnung festzuhalten und auf dich zu vertrauen. Amen.

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