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Photo by Rubén Rodriguez on Unsplash

Virtuelles Klassenzimmer schützt vor Viren

Unterrichtsausfall

Marcus Mockler (epd) | 16. März 2020

Wegen des Coronavirus geschlossene Schulen müssen nicht automatisch zu Unterrichtsausfall führen. Eine kleine Reformschule auf der Schwäbischen Alb hat seit acht Jahren Erfahrung mit dem virtuellen Klassenzimmer.

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Stuttgart/Laichingen (epd). Um die schnelle Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, werden derzeit bundesweit Schulen geschlossen. Was für viele Schüler und manchen Lehrer einen willkommenen Unterrichtsausfall bedeutet, ist aus pädagogischer Sicht ein Problem. Denn die Schüler müssen den Stoff dann in kürzerer Zeit nachholen. Dass es auch anders geht, zeigt eine evangelische Schule in Laichingen bei Ulm.

   Die Ergänzungsschule setzt bereits seit 2012 auf eine Kombination aus virtuellem Klassenzimmer und einem Präsenztag pro Woche. Grundlage dafür ist der sogenannte Uracher Plan für dezentrales Lernen. Die Abgrenzung zum in Deutschland verbotenen Hausunterricht darin ist scharf: Inhaltlich orientiert sich die Schule am Bildungsplan des Landes, die Lehrer müssen eine anerkannte
pädagogische Ausbildung vorweisen, und die Schule unterstellt sich der Aufsicht der Behörden - all das ist bei Hausunterricht nicht gewährleistet. Mitgewirkt haben an diesem Plan unter anderem der frühere Bildungsdezernent der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Werner Baur, sowie die Pädagogikprofessoren Hartmut von Hentig und Hans Alois Schieser.

   Jonathan Erz, Vorsitzender des Schulvereins in Laichingen, sieht im digitalen Lernen die Zukunft. An zwei Tagen pro Woche hätten die Kinder Schulunterricht über das Internet, erläutert er. Die Mädchen und Jungen wählen sich in ein virtuelles Klassenzimmer ein und treffen dort ihren Lehrer und die Schulkameraden - alle sind auf dem Bildschirm zu sehen. Der Lehrer kann sein Unterrichtsthema vermitteln, auch Diskussionen der Schüler sind möglich.

   An zwei weiteren Tagen lernen die Kinder der «Dietrich Bonhoeffer Internationale Schule» völlig autonom, haben aber immer die Möglichkeit, die Lehrerin oder den Lehrer über das Internet anzusprechen. «Das Digitale soll nicht alles beherrschen», betont Erz. So werde bis zur achten Klasse großen Wert darauf gelegt, dass schriftliche Arbeiten der Kinder nicht eingetippt, sondern von Hand geschrieben sind.

   Erz ist überzeugt, dass die normale Schule in Zeiten von Corona eine Umstellung aufs virtuelle Klassenzimmer nicht gut stemmen kann. «Deren Pädagogik ist einfach nicht aufs virtuelle Klassenzimmer abgestimmt», sagt er. Seine Schule habe dagegen einen reichen Erfahrungsschatz. Kurzfilme, die etwa eine Einheit über ein mathematisches Problem oder eine Epoche der Geschichte erklärten, stünden im Internet bereits in großer Menge zur Verfügung. Wer Englisch spreche, könne aus einem geradezu unüberschaubaren Fundus
schöpfen.

   Wichtig bleibe dabei aber die Begleitung durch einen Pädagogen, der die Inhalte mit den Kindern nacharbeite, ihre Fragen beantworte, eigenen Stoff präsentiere und teste, was bei den Schülerinnen und Schülern angekommen sei. Die Laichinger Ersatzschule schreibt keine Klassenarbeiten, das Niveau der Kinder wird unmittelbar von den Lehrern überprüft. Außerdem müssen die jungen Leute ihre Arbeit ausführlich dokumentieren, etwa durch Wochenberichte.

   Derzeit lernen 26 Schüler nach dieser Methode, sie werden von drei Lehrern unterrichtet. Einen staatlich anerkannten Abschluss, der durch eine sogenannte Schulfremdenprüfung abgelegt werden muss, haben in den vergangenen Jahren zehn Schüler geschafft. Etwa zwölf mussten - etwa wegen eines Umzugs - auf eine reguläre Schule wechseln, was aber immer problemlos funktioniert habe, sagt der Vereinsvorsitzende.

   So begeistert Erz von diesem Schulmodell ist - die Behörden sind es nicht. Das Regierungspräsidium Tübingen hat der Schule eine offizielle Zulassung verweigert, weil es dort zu wenig Klassengemeinschaft und zu viel Hausunterricht sieht. Im nachfolgenden Rechtsstreit gab zuletzt das Verwaltungsgericht Sigmaringen der Schulbehörde recht. Die Parteien werden sich voraussichtlich noch in diesem Jahr im Berufungsverfahren vor dem
Verwaltungsgerichtshof in Mannheim treffen.

   Schulreformer Erz wünschte sich in Zeiten von Digitalisierung und Corona einen Ruck in der Bildungspolitik. Beispielsweise könnte seine Schule als Modellprojekt des Landes anerkannt werden, um mehr Erfahrungen mit dem dezentralen Lernen zu gewinnen. Er sehe in dem Projekt auch eine Chance für den ländlichen Raum, wo zunehmend Schulen geschlossen würden.

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