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Fröhlich bei der Arbeit: Pfarrerin Magdalena Smetana hat sich vom Perfektionismus befreit. Sie ist flexibler und belastbarer geworden, weil sie besser auf ihre Bedürfnisse, ihre Gefühle und ihren Körper hört. Foto: privat/Lia Smetana

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Die Fachfrau fürs Gelingen

Burn Out

Aus der Printausgabe - UK 11 / 2020

Willi Wild | 11. März 2020

Magdalena Smetana hat es geschafft: Die Pfarrerin hat ihren Burnout überwunden und hat wieder viel Freude an ihrem Beruf in der Gemeinde. Wie sie es geschafft hat, was ihr geholfen hat und welche Tipps sie auf Lager hat – darüber berichtet sie gern.

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Fröhlich bei der Arbeit: Pfarrerin Magdalena Smetana hat sich vom Perfektionismus befreit. Sie ist flexibler und belastbarer geworden, weil sie besser auf ihre Bedürfnisse, ihre Gefühle und ihren Körper hört. Foto: privat/Lia Smetana

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Erschöpfung kennt jeder. Wenn der Zustand über längere Zeit anhält, kann das ein Anzeichen für Überlastung sein. Magdalena Smetana, Pfarrerin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, war rund um die Uhr verfügbar. Vor fünf Jahren ging es nicht mehr. Nach einem Klinikaufenthalt ist sie wieder zurück in ihrer Gemeinde. Heute ist sie mit sich und ihrem Beruf im Reinen. Mit Willi Wild sprach sie über ihre Erfahrungen.

Wie konnte Ihnen damals geholfen werden, und was gab Ihnen letztlich wieder Stabilität im Leben?
Es waren die Basics, die ich neu lernen musste. Durchschlafen, mich selbst spüren und wahrnehmen, Grenzen finden, nicht perfekt sein müssen und vor allem das Gefühl loswerden, ich wäre für die ganze Welt verantwortlich. Das haben die Therapeuten und Therapeutinnen in der Klinik sehr schnell herausgefunden und mit mir daran gearbeitet.

Sie sind nach der Therapie in die Gemeinde, in die alten Verhältnisse zurück. Was hat sich verändert?
Man sagt: Entweder musst du danach die Verhältnisse oder den Ort wechseln. Ich habe mehr oder weniger beides beibehalten. Ich habe aber sehr offen darüber gesprochen und meine Grenzen formuliert. Ich habe mir ganz bewusst Zeit für mich genommen, zum Teil zu Hause, aber oft auch außerhalb. Meine Familie lebt in Prag, meine Schwester in Korfu – da gab es gute Zufluchtsorte.

Wie haben Sie sich verändert?
Ich kann mich heute besser wahrnehmen, kann schneller und klarer „nein“ oder „stopp“ sagen. Ich bin empfindsamer mir, aber auch den anderen gegenüber. Und wahrscheinlich auch ein wenig spiritueller – denn in dieser Zeit habe ich ganz besonders Gottes Begleitung gespürt.

Wie hat man Sie aufgenommen? Wie ging die Gemeinde damit um?
Das war eine spannende Situation. Denn plötzlich wurde den Menschen klar: Die Pfarrerin ist auch nur ein Mensch und keine Superfrau mit Superkräften. Ich habe extrem viel Unterstützung und Wohlwollen erfahren. Und Menschen haben angefangen, mir ihre eigenen Geschichten zu erzählen – Männer wie Frauen. Als ob ich jetzt eine Fachfrau fürs Scheitern wäre. Es gab und gibt viele gute und bewegende Situationen und Gespräche.

Die Arbeitsbelastung ist sicher nicht weniger geworden. Mit welchen Vorsätzen sind Sie gestartet?
Eine Freundin sagte vor Jahren zu mir: „Suche dir einen Bereich aus, den du ein Jahr lang mit links machst.“ Das geht natürlich nur, wenn man eine gewisse Erfahrung hat. Aber es lässt sich auf die gesamte Arbeit übertragen – es muss nicht immer alles 100 Prozent perfekt sein. Natürlich gibt es die Stoßzeiten um Ostern und Weihnachten. Da kann es schon mal eine 70- Stunden-Woche geben. Aber danach wird es meistens wieder ruhiger. Diese Flexibilität braucht es im Pfarramt.

Welche Unterstützung hatten Sie von Ihrer Landeskirche?
Im Vorfeld hatte meine stellvertretende Dekanin sehr darauf gedrängt, dass ich mich behandeln lasse. Sie selbst hatte diese Erfahrung auch gemacht und hat meine Situation klarer eingeschätzt als ich selbst. Nach dem Klinikaufenthalt gab es eine Wiedereingliederung, die von der Personalabteilung, vom Dekanat und von der Gemeinde mitgetragen wurde. Da hatte ich sehr viel Glück und Unterstützung.

Wie konnten Sie dauerhaft die Trennung von Arbeit und Privatleben organisieren?
Sowas gibt es auf dem Land eigentlich nicht. Es ist ja kein Job wie jeder andere. Für mich ist es eine Berufung, und ich stehe immer, wenn ich aus dem Haus gehe, in der Öffentlichkeit. Ich bin mit meinem Gefühl und meinen Gedanken so gut wie immer präsent. Wenn der Krankenwagen vorbeifährt, frage ich mich, wer es wohl ist, der jetzt ins Krankenhaus muss. Beim Metzger werde ich nach dem Tauftermin gefragt, und bei Partys werden mir Geschichten über Kirchenaustritte und Erfahrungen mit der Kirche erzählt. Ob ich es will oder nicht. Aber sich bewusst machen, dass es so ist, ist schon ein guter Anfang.

Auf welche Alarmzeichen achten Sie, und wie reagieren Sie darauf?
Wenn ich anfange schlecht zu schlafen, ist Vorsicht geboten. Dann heißt es: Pause machen, rausgehen zum Laufen, Wochenende frei nehmen, mit meiner Tochter ins Kino gehen, Freundinnen besuchen, zum Frisör gehen, ein gutes Buch in die Hand nehmen.

„Wenn ich Gott nicht hätte, wäre es mit mir vorbei“ haben Sie damals einer Freundin gesagt. Welche Auswirkung hatte die Krise auf Ihren Glauben?
Das war damals die Antwort auf die Frage: „Wo ist denn jetzt dein Gott, wo du im Eimer bist?“ Die Frage habe ich mir zu dem Zeitpunkt aber gar nicht gestellt. Erst im Laufe der Zeit. Ich habe rückblickend gemerkt, dass Gott mich gerade an den tiefen Punkten meines Lebens begleitet und getragen hat. Denn es war beileibe nicht nur die Arbeit, die mich bedrückt hat. Es gab einige familiäre Belastungen. Meine Schwester starb ein Jahr zuvor, und da stellt sich die Frage nach Gott ganz laut.
Ich habe für mich Rituale entwickelt, Räume, in denen ich mit Gott in Verbindung sein kann. Ein wichtiges Ritual sind meine täglichen Kurzgebete, die ich bei Twitter seit zwei Jahren jeden Morgen zur Tageslosung unter dem #twittergebet schreibe.

Beeinflusst das Erlebte Ihre Predigten oder die gemeindliche Seelsorge?
Auf jeden Fall. In den Predigten ist es oft die Frage, wie Gott in den Brüchen des Lebens wirkt. Wo trägt er mich? Wie kann ich ihm vertrauen? In den seelsorgerlichen Gesprächen gibt es seitens der Gesprächspartner beides – eine gewisse Vorsicht, mich nicht zu sehr zu belasten, aber auch eine größere Offenheit, über die eigenen Brüche zu erzählen. Das ist sehr schön.

Wie geht es Ihnen heute, wie leben Sie, und wie schützen Sie sich vor Überlastung?
Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Ich bin nach wie vor sehr gerne Pfarrerin, bin vielleicht noch flexibler und belastbarer, weil ich besser auf meine Bedürfnisse, meine Gefühle und meinen Körper höre. Und ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, etwas nicht perfekt zu tun.

Was können Sie Menschen raten, die sich überfordert fühlen?
Suchen Sie sich Hilfe! Ab einem gewissen Zeitpunkt schafft man es nicht mehr allein.

Wie können Gemeinden ihre Pfarrerin oder ihren Pfarrer unterstützen?
Das ist eine wichtige Frage, denn Ehrenamtliche sind heute genauso belastet wie Hauptamtliche. Es darf die strukturelle Problematik der Kirche nicht auf ihren Schultern abgeladen und ausgetragen werden.
In der Hannoverschen Landeskirche stand das Jahr 2019 unter der Überschrift „Zeit für Freiräume“: ein Jahr für Aufbrüche und Fragen, für Unterbrechungen, Besinnung und vielleicht auch für Neubeginn. Eine großartige, vorbildliche Aktion. Wir haben in Württemberg gerade die Kirchengemeinderäte (Presbyterien/Kirchenvorstände) neu gewählt, und bei unserer ersten Klausurtagung haben wir das Thema „Freiräume“ in den Vordergrund gestellt. Nicht die Frage: Was machen wir noch schneller, noch besser, noch mehr? Sondern: Wo schaffen wir Freiräume für das Dasein, für Spiritualität, für Begegnungen? Es war ein neuer Blickwinkel auf dieses Ehrenamt, und ich hoffe, es gelingt uns auch in der Praxis. Für das neue Gremium war es sehr entlastend.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Was haben Sie für Ziele?
Ich plane weniger. Ich nehme die Veränderungen in meinem Leben bewusster wahr, stelle mich gerne neuen Herausforderungen und versuche, mit mehr Leichtigkeit und Freude durchs Leben – berufliches und privates – zu gehen.

Wege aus der Stressspirale

Tipp 1: Schauen Sie genau hin.
Nehmen Sie sich Zeit, um herauszufinden, was Ihnen genau den Schlaf raubt. Fragen Sie auch Ihre Freunde und Familie um Rat. Gemeinsam ist es oft einfacher, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Denn nur wer das Problem erkennt, kann es auch angehen.

Tipp 2: Verändern Sie Ihre Arbeitssituation.
Permanente Überstunden oder Aufgaben, die Ihren Tätigkeitsbereich überschreiten, sind auf Dauer keine Option. Tauschen Sie sich deswegen mit Ihren Kollegen aus und haben Sie keine Scheu, mit Ihrem Betriebsarzt und Vorgesetzten über Möglichkeiten der Entlastung zu sprechen.

Tipp 3: Setzen Sie Grenzen.
Der Mensch ist keine Maschine. Es muss nicht immer alles sofort erledigt werden und Sie müssen nicht jederzeit erreichbar sein. Machen Sie das Arbeitshandy zu Hause aus, genießen Sie Ihren Feierabend und setzen Sie sich, Ihren Kunden und Ihrem Arbeitgeber Grenzen – das schützt Sie vor Überlastung.

Tipp 4: Schaffen Sie einen Ausgleich zur Arbeit.
Planen Sie Freizeit fest in Ihren Terminplan ein und nehmen Sie sich auch während der Arbeitszeit immer wieder ein paar Minuten, in denen Sie sich mit schönen Dingen ablenken. Und achten Sie generell auf eine gesunde Lebensweise, wie zum Beispiel auf eine ausgewogene Ernährung, feste Schlafenszeiten und genügend Bewegung an der frischen Luft. Auch Entspannungstechniken können helfen, Stress abzubauen.

(Quelle: macht-immer-sinn.de)

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