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Fassaden in Brüssel (Foto: epd)

Der große Kontrast in Europas Hauptstadt

Brüssel

Uwe Kammann (epd) | 8. März 2020

Architekturexperten hadern mit den Gebäuden der EU in Brüssel. Die Stadt entdeckt stattdessen seit einiger Zeit ihr Jugendstil-Erbe wieder. Beim Festival BANAD im März können viele der schönsten Privathäuser sogar von innen besichtigt werden.

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Fassaden in Brüssel (Foto: epd)

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Brüssel (epd). Im Fernsehen sieht Brüssel meist so aus: Das kreuzförmige Kurvenhaus der Europäischen Kommission, der Würfel des Ratsgebäudes, das Europäische Parlament mit Glaskonstruktion auf einer Ellipse. Wegen dieser Grundform wird es von den Brüsselern gerne als "Caprice des Dieux" verspottet, nach der Schachtel des gleichnamigen Weichkäses.

In diesem Spitznamen schwingt beißende Kritik mit. Und zwar an dem, was Stadtplaner "Brüsselisierung" nennen. Gemeint ist die Überlagerung alter Stadtviertel durch neue, als gesichtslos empfundene Großbauten. Ihnen sind zahlreiche Straßenzüge mit vielfältigen Stadthäusern zum Opfer gefallen.

Gebaute "Metastasen"

Albert Dewalque, Architekt mit viel Erfahrung bei der Restaurierung alter Häuser und Brüssel-Führer, beschreibt dies nüchtern. Das alles habe Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre eingesetzt, sagt er. Man habe den sich schnell vergrößernden europäischen Institutionen den nötigen Arbeitsraum bieten wollen. Exzellente Architektur habe da keine Rolle gespielt. Gelungene EU-Bauten fänden sich woanders, sagt er: beim kühn geschwungenen Europarlament in Straßburg, beim markanten Doppelturm der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main.

"Aufgeblasen", "nur scheinbar um Transparenz bemüht", so charakterisiert auch Christian Kühn, Dekan der Architekturfakultät der Technischen Universität Wien, das architektonische Erscheinungsbild der EU. Eine identitätsstiftende Wirkung gehe von diesen gebauten "Metastasen" nicht aus.

Architekturliebhaber wenden sich in Brüssel lieber den Gebäuden der Moderne an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu. Die Stadt war damals Vorreiter und stilbildend beim Aufbruch der Bautradition: Es entstand die "Art Nouveau", wörtlich: Neue Kunst. In Deutschland wurde der neuartige Baustil etwas blumiger "Jugendstil" genannt, in Österreich "Secessionsstil", in Katalonien "Modernisme".

Reiches Erbe fast verspielt

In dieser Zeit entstand ein reiches Erbe an zunächst ornamentalen und floralen, immer schwungvoll-dekorativen und oft raffiniert-eleganten Ausdrucksformen - in dieser Art und Vielfalt außer in Brüssel nur noch in Barcelona und Wien zu finden. Fast hätte Brüssel dieses reiche Erbe verspielt: Musterbeispiele wie das "Volkshaus" der Arbeiterpartei wurden abgerissen, ebenso wie viele andere der oft schmalen Stadthäuser. Ihre ursprüngliche Zahl halbierte sich, nach Schätzungen auf gut 500.

Inzwischen werden die Jugendstilhäuser - und ihre schlichteren Nachfahren des Art Déco - als Juwelen geschätzt. Einige sind sogar Unesco-Weltkulturerbe und damit auch touristische Attraktionen. Für sie legt sich die Stadt mittlerweile besonders ins Zeug: Zum vierten Mal veranstaltet sie in diesem Jahr das Festival "BANAD" (Brussels Art Nouveau & Art Déco).

Die große Besonderheit: An drei Wochenende im März lassen sich die schönsten, interessantesten und typischsten Häuser nicht nur von außen unter kundiger Führung besichtigen, sondern einige öffnen ihre Türen - auch jene, hinter denen Privatleute wohnen.

Zu ihnen zählt Olivier Berckmans, ein Kunsthistoriker, der sich mit Liebe und Begeisterung um das Brüsseler Architekturerbe kümmert. Sein eigenes Haus ist ein Kuriosum, weil es mit einem inneren Knick zu zwei Straßenseiten schmale Fassaden zeigt.

Der Künstler Philippe Leblanc wiederum residiert in einem prächtigen Art-Déco-Wohnhochhaus, das mit sterngezacktem Turm seine Adresse, Rond-Pont de l’Etoile, aufnimmt und unter der krönenden Kuppel einen Gemeinschaftsraum für die 20 Mietparteien bietet - eine Anfang der 30er Jahre noch ungewohnte Wohnform. "Eine wunderbare Mischung von Gemeinsamkeit, Großzügigkeit, Stil und Freiheit", schwärmt Leblanc.

Blattgold auf den Fensterrahmen

Puren Individual-Luxus erlebt der Besucher hingegen in der inzwischen perfekt renovierten Villa Empain. Der Sohn des steinreichen und jugendstilbegeisterten Stahl-Magnaten Edouard Empain ließ sich das Gebäude Anfang der 30er Jahren vom Architekten Michel Polak errichten. Es entstand eine in jeder Hinsicht kostbare Art-Déco-Residenz mit Blattgold auf den Fensterrahmen, die durch edle Klarheit beeindruckt. Inzwischen beherbergt die Villa die Bhogossia-Stiftung, die sich vor allem um Ost-West-Kulturvermittlung bemüht.

Zu den bekanntesten Gebäuden gehört das Hotel Solvay, ein repräsentatives Stadthaus, erbaut von Victor Horta (1861-1947). Er war der Stararchitekt der Epoche, seine rund 50 Bauten prägen das Brüsseler Jugendstil-Bild. Horta war zu seiner Zeit geradezu umstürzlerisch modern, er liebte unverkleidete Stahlstützen und dünne, vorgehängte Fassaden mit viel Glas. Er legte auf funktionale Raumfolgen ebenso viel Wert wie auf elegante Details bei der Ausstattung, so dass bewohnbare Gesamtkunstwerke zu bestaunen sind.

Albert Dewalque sieht in Brüssel mittlerweile Anzeichen einer Bewusstseinsänderung, Anzeichen, dass Originalität, Schönheit, Anmut der historischen Bauten mehr gewürdigt werden. Er wirbt für ein gezieltes, behutsames und räumlich klar definiertes Einfügen neuer Bürogebäude, sowohl der EU als auch anderer Großeinrichtungen. Doch dafür, sagt er, "fehlt ein Masterplan."

Das Festival BANAD bietet an den Wochenenden vom 14. bis 29. März geführte Spaziergänge und auch Führungen durch normalerweise nicht zugängliche Art-Nouveau- und Art-Déco-Gebäude. Dazu gibt es viele weitere Aktivitäten, von Konzerten über Konferenzen bis zu einer Antiquitätenmesse (Informationen unter www.banad.brussels).

Die Recherchereise des Autors wurde unterstützt durch die Brüsseler Tourismus-agentur visit.brussels und die Zuggesellschaft Thalys.

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