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Grafik: TSEW

Die Qual der Wahl

Presbyterwahl

Aus der Printausgabe - UK 10 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 1. März 2020

In 1200 evangelischen Gemeinden werden am Sonntag die Vorstände neu besetzt. Eine Wahl findet kaum noch statt. Warum das schlecht ist ­– aber man sich mit Kritik zurückhalten sollte.

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Demokratie ist in diesen Tagen ein heiß diskutiertes Thema. Nach den Wahlen in Hamburg und Thüringen zeigt sich, wie schwierig und anstrengend es sein kann, den Anspruch umzusetzen, der heißt: Das Volk regiert.

Auch die Kirchen melden sich zu Wort. Als gesellschaftlich prägende Kraft gehört das zu ihrer Verantwortung. Zumal sie mit dem Anspruch antreten, eine ewige Wahrheit zu bekennen, an der sich alle anderen Wahrheiten messen lassen müssen. Auch die heiklen.

Heikel ist der Umgang mit der Demokratie allerdings auch innerhalb der Kirche. Nämlich bei den Vorstandswahlen in ihren Gemeinden, den Presbyterwahlen.
Die Fakten: Am Sonntag wählen die rund 1200 evangelischen Kirchengemeinden in Westfalen, Lippe und Rheinland ihre Vorstände neu. Zumindest in der Theorie. Tatsächlich aber finden die Wahlen kaum noch statt. Meist werden gerade so viele Kandidatinnen und Kandidaten aufgestellt, wie Plätze im Presbyterium oder (lippisch) Kirchenvorstand zu vergeben sind. Manchmal kommen selbst die nicht zustande.

Eine Demokratie, die ohne Wahlen auskommt? Möglich. Aber auf Dauer irgendwie nicht stimmig. Nicht zuletzt, weil es ja gerade die Kirchen sind, die in der gesellschaftlichen Debatte zu mehr Zivilcourage, Gemeinsinn und Demokratie aufrufen – siehe oben.

Nun ist es leicht, darüber herzuziehen. Schaut man sich aber vor Ort um, in den Kirchengemeinden, erkennt man schnell: Hinter der beklagenswerten Lage steckt keine Absicht. Schon gar keine böse.

Im Gegenteil: An vielen Orten reißen sich Pfarrerinnen und Pfarrer, Presbyterinnen und Presbyter, ehrenamtlich und hauptamtlich Mitarbeitende ein Bein aus. Sie wollen ja Menschen zum Mitmachen bewegen. Sie schuften und ackern. Und können am Ende froh sein, wenn sie überhaupt jemanden finden, der bereit und fähig ist, eine Kirchengemeinde mit all ihren Einrichtungen und dem Personal mitzuleiten.

Schwindende kirchliche Verwurzelung. Mangelnde Leitungserfahrung. Sinkende Bereitschaft, sich längerfristig und verbindlich festzulegen – all das spielt eine Rolle. Dazu das Risiko, dass eine echte Wahl ja immer auch Verlierer produziert. Wer ist schon ohne Not bereit, sich erst zum Mitmachen breitschlagen zu lassen, um am Ende dann zu erleben: Die wollen mich gar nicht?

Demokratie ist mühsam. Es gibt sie nicht umsonst. Nicht ohne Anstrengung. Und oft auch nicht ohne Schmerzen. Nicht nur da draußen, in Hamburg und Thüringen. Sondern auch hier, bei uns. In den Kirchengemeinden. Insofern müssen wir immer wieder aufrufen, immer wieder ermutigen: Macht mit!
Aber wir brauchen auch Verständnis. Und Respekt. Für diejenigen, die sich vor Ort mühen und anstrengen, damit diese Demokratie trotz allem halbwegs funktioniert. Mäkeln, kritteln, Nase rümpfen über die Wahlen? Klar, kann man machen. Aber dann bitte auch die Nagelprobe: Wäre ich denn bereit, da mitzumachen?

Informationen darüber, ob in Ihrer Gemeinde eine Wahl stattfindet und wann die Wahllokale geöffnet sind, erhalten Sie auf der Homepage Ihrer Kirchengemeinde und im Gemeindebrief.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 1. März 2020, 19:39 Uhr


DANKE! Die Schilderung erfasst auf den Punkt, was auch ich zum Thema beobachte. Kritik ist so schnell angebracht, sie selbst auszuhalten und ernsthaft mit ihr umzugehen ist den kritisierenden Kandidaten jedoch kaum bis nicht gegeben. Die Starken gehen in die Wirtschaft und das erschreckt mich, weil Parteien wie auch die Kirchen im Hintergrund wirklich gute bis sehr gute Vertreter haben. Steht denn Geldwert wirklich immer an erster Stelle, oder sind es die Medien mit ihren sich überschlagenden Meldungen, die Menschen, die sonst mögen würden, diese verständliche Zurückhaltung produzieren? Einmal ins Visier geraten, kann eine Existenz und damit alles (z.B. Familie) was davon abhängt, zu Grunde gehen.
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