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Das geistliche Oberhaupt der Tibeter: der 14. Dalai Lama. Foto: epd

80 Jahre auf dem Thron

Jubiläum

Aus der Printausgabe - UK 10 / 2020

Alexander Brüggemann | 4. März 2020

Der 14. Dalai Lama kam schon mit vier Jahren auf den Thron und wird als ein „Ozean der Weisheit“ bezeichnet. Doch er musste sein Land verlassen, als die chinesische Armee in Tibet einmarschierte. Ob es einen Nachfolger geben wird, ist ungewiss.

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Das geistliche Oberhaupt der Tibeter: der 14. Dalai Lama. Foto: epd

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Seit vielen Jahrzehnten gehört er zu den Popstars der Weltreligionen, auf Augenhöhe mit Papst Johannes Paul II., Mahatma Gandhi oder Mutter Teresa: Der 14. Dalai Lama (84), exilierter Gottkönig der Tibeter, ist ein Stück verkörpertes Weltgewissen. Vor 80 Jahren, am 22. Februar 1940, krabbelte er als Kleinkind auf den Thron.

Seit dem 17. Jahrhundert gilt der Dalai Lama den Tibetern als Wiedergeburt des Buddhas des Mitgefühls. Während sich in Europa Absolutismus, Aufklärung, Revolution, Diktaturen und Parlamentarismus die Klinke in die Hand gaben, blieb er stets nicht nur geistliches, sondern auch weltliches Oberhaupt Tibets. Nach dem Tod des Dalai Lama suchen die Mönche des Landes nach einem Kind, in dem nach ihrer Überzeugung die Seele des Buddhas fortlebt.

Der 14. Dalai Lama, mit bürgerlichem Namen Lhamo Thondup, wurde am 6. Juli 1935 im Nordosten Tibets als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Doch zu einer Kindheit im eigentlichen Sinne kam es nicht. Schon 1937 wurde er als Reinkarnation des Dalai Lama erkannt. Mit viereinhalb Jahren wurde der kleine Junge mit dem Mönchsnamen Tenzin Gyatso als Dalai Lama inthronisiert und 1950, mit Erreichen der Volljährigkeit von 15 Jahren, zum Oberhaupt eines unabhängigen Tibet ausgerufen.

Noch im selben Jahr marschierte die chinesische Armee ein. Nach einem niedergeschlagenen Volksaufstand musste er 1959 bei Nacht und Nebel aus der tibetischen Hauptstadt Lhasa fliehen. Seither lebt er im Exil in Indien. Die meisten Klöster und Tempel seines Landes wurden damals zerstört.

Im indischen Dharamsala stand der Dalai Lama einer Exilregierung für schätzungsweise sechs Millionen Tibeter weltweit vor – bis er diese Aufgabe 2011 einer zivilen Exilregierung unter Ministerpräsident Lobsang Sangay abgab. Nach wie vor wird Tibet mit Rücksicht auf die strategische und wirtschaftspolitische Bedeutung Chinas von keinem Staat der Welt anerkannt.

Durch Reisen und Medienauftritte weltweit operiert der 14. Dalai Lama als Symbolfigur eines gewaltlosen Widerstands. Ziel seines „Wegs der Mitte“ ist eine „echte Autonomie“ mit kulturellen und religiösen Freiheiten für die Tibeter unter nomineller Oberhoheit der Volksrepublik China – freilich ohne jeden Erfolg. In den USA und in Europa löste er jedoch mit seinem Einsatz für Gewaltlosigkeit einen regelrechten „Buddha-Boom“ aus. Für seinen friedlichen Widerstand gegen die chinesischen Besatzer erhielt er 1989 den Friedensnobelpreis. War er über Jahrzehnte eine regelrechte Ikone des Westens, sind seine Auftritte in Deutschland nicht mehr ganz unumstritten.

Mit Blick auf seine anschaulichen Botschaften sprechen Kritiker von einer „Fußabtreter-Philosophie“ und werfen ihm Doppelgesichtigkeit vor: eine Buddhismus-Light-Variante mit einem gewinnenden Lächeln für das fernwestliche Publikum – und eine rückwärtsgewandte Theologie nach innen.

Jeden Morgen um halb sechs hört er die BBC-Nachrichten, schon seit seiner Jugend. „So erfahre ich alles über Morde, Korruption, Misshandlungen, verrückte Leute.“ Wer wird eines Tages auf ihn folgen? Natürlich die 15. Reinkarnation, mag man sagen. Doch die Sache ist komplizierter. Seit Jahrzehnten macht Peking das „Dach der Welt“ durch Umsiedlung und „Stadtsanierungen“ immer chinesischer – und versucht stets, den Dalai Lama zu diskreditieren. So heißt es etwa, seine „reaktionäre Haltung“ unterminiere die Bemühungen um eine wirtschaftliche Entwicklung Tibets. Deshalb, so kolportiert Chinas Führung, verliere er auch den Rückhalt bei den eigenen Leuten. Tatsächlich gibt es Unzufriedene unter den Tibetern – allerdings aus einem anderen Grund. Sie glauben, die Regierung um den stets höflichen und gewaltfreien Dalai Lama mache den Besatzern zu viele Zugeständnisse. Im Lauf der Jahre hat er wiederholt Vorschläge zum verfahrenen Tibet-Status gemacht. Doch Peking will davon nichts wissen. Dort weiß man: Die Zeit arbeitet für die Besatzer; die Welt gewöhnt sich an den Status quo.

Wo er als 15. Dalai Lama wiedergeboren werden wird, da hat sich der 14. grob festgelegt – denn es handelt sich qua Lehre um eine willentliche Weitergabe: außerhalb des besetzten Tibet, Chinas Zugriff und Manipulation entzogen. Damit dürfte die Suche der Lama-Mönche noch länger dauern als sonst – und eine Verstetigung des Konflikts wäre programmiert.

Vor einigen Jahren hat der geistliche Führer gar ein ganz neues Fass aufgemacht. Ob es nicht klug wäre, fragte er, die Tradition mit einer weltweit angesehenen Inkarnation enden zu lassen, statt die Nachfolge eines „dummen“ oder umstrittenen 15. Dalai Lama möglich zu machen. „Dumm“ meint wahrscheinlich: eine vermeintliche Reinkarnation unter Kontrolle Pekings. Das US-Repräsentantenhaus billigte jedenfalls Ende Januar prophylaktisch einen Gesetzentwurf zur Sanktionierung chinesischer Behördenvertreter, die sich in die Findung eines 15. Dalai Lama einmischen.

Über sechs Jahrzehnte hat sich der 14. Dalai Lama Respekt und Sympathie der internationalen Gemeinschaft erarbeitet. Was er nicht geschafft hat, ist, dort auch dauerhafte Unterstützung einer tibetischen Autonomie zu erhalten. Und wenn das einem altersweisen Friedensnobelpreisträger nicht gelungen ist, würde es seiner kleinkindlichen 15. Reinkarnation gelingen? Am Kotau vor Peking hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht die Bohne geändert.

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