hg
Bild vergrößern
Grafik: TSEW

Der Dämon im Rührei

Fastenzeit

Aus der Printausgabe - UK 09 / 2020

Karin Ilgenfritz | 25. Februar 2020

Früher fürchtete man sich vor bösen Mächten in der Nahrung und verzichtete darum auf bestimmte Lebensmittel. Heute wird anders gefastet – zum Beispiel beim Verzicht auf Pessimismus

Bild vergrößern
Grafik: TSEW

Anzeige

Ist da ein Dämon im Schnitzel? Im Rührei oder im Salat? Was sich für uns heute absurd anhören mag, war in früheren Zeiten eine gängige Vorstellung. Und wenn da ein Dämon im Essen wäre, dann wäre Fasten naheliegend. Dann nimmt man nämlich keine Dämonen über die Nahrung auf. Fasten gibt Kraft gegen Dämonen – das war einer der frühen Grundgedanken hinter dem Nahrungsverzicht.

Am Mittwoch beginnt die Fastenzeit. Heute glaubt wohl niemand mehr daran, dass essen in dieser Weise gefährlich ist. Dennoch fasten Menschen. Und vielleicht, ganz spielerisch, lassen wir uns einen Augenblick auf das Gedankenexperiment ein: Welche moderne Dämonen könnten uns heute im Griff haben? Etwa die Bequemlichkeit – lieber mit dem Auto zu fahren, als das Rad oder öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Oder viel zu viel Zeit am Handy, dem Tablet oder Computer zu verbringen? Oder die Lust auf Süßigkeiten, Fleisch, Alkohol oder Nikotin? Da gäbe es wohl einiges, worauf wir uns im Verzicht üben könnten.

Die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche schlägt vor, auf Pessimismus zu verzichten. Stattdessen: Zuversicht und Optimismus. Im Begleitbuch zur Aktion erzählt Andreas Malessa eine Anekdote über Thomas Alva Edison, den genialen Erfinder. Es heißt, er sei als Junge eines Tages von der Schule nach Hause gekommen mit einem Brief, der an die Mutter gerichtet war. Mit Tränen in den Augen liest die Mutter vor, dass Thomas zu klug für die Schule sei und nicht gefördert werden könne. Sie solle ihn zu Hause unterrichten. Das tut sie. Der Junge entwickelt sich prächtig. Er wird zu einem brillanten Denker und Tüftler. Als er 24 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. In ihren Unterlagen findet Edison jenen Brief. Er faltet ihn auf und liest: „Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir wollen ihn nicht mehr in unserer Schule haben.“

Wer weiß, was aus dem jungen Edison – er war übrigens schwerhörig, deshalb die irrige Annahme der Lehrer – geworden wäre ohne die Zuversicht seiner Mutter. Wer erlebt hat, dass andere an ihn glauben und immer wieder ein „du schaffst das“ hört, kann selbst leichter Zuversicht und Optimismus entwickeln.

Die Fastenzeit kann eine gute Chance sein, sich neu auf ein positives Lebensgefühl auszurichten. Sich zu überlegen, mit welchen Sätzen man selbst durch das Leben geht. Jeder Mensch kann Zuversicht entwickeln. Wer optimistisch ist, lebt leichter. Außerdem hat es Auswirkung auf die Mitmenschen. Es schafft eine bessere Atmosphäre, wenn jemand zuversichtlich ist und nicht in erster Linie Schwierigkeiten und Probleme sieht.

Auch ohne den Glauben an Dämonen: Es lohnt sich, immer wieder neu um Zuversicht zu ringen. Das mag in manchen Lebenssituationen schwerfallen. Da ist man dann auf die Zuversicht anderer angewiesen. Aber Christinnen und Christen leben auf Ostern zu. Gerade in der Fastenzeit wird das besonders deutlich. Ostern heißt: Am Ende wird alles gut. Und davon können wir schon jetzt zehren und daraus Kraft gewinnen.

Mehr zur Fastenaktion der evangelischen Kirche gibt es morgen auf unserekirche.de

Per E-Mail empfehlen