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Ein Ort, wo man einfach hingehen kann: Susanne Mette, Damaris Seidel und Christian Gras in der Küche der „Guten Stube“. Fotos: Anke von Legat

Wohnzimmer mitten in der Stadt

Gemeindeformen

Aus der Printausgabe - UK 08 / 2020

Anke von Legat | 17. Februar 2020

Die „Gute Stube“ in Lüdenscheid ist Gemeinde mal anders: ein ungezwungener Treffpunkt für Familien mit Kindern und junge Erwachsene, getragen von Freiwilligen.

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Ein Ort, wo man einfach hingehen kann: Susanne Mette, Damaris Seidel und Christian Gras in der Küche der „Guten Stube“. Fotos: Anke von Legat
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Nadine Baysal (links) mit Mia auf dem Schoß und Yesim Demirer fühlen sich in der „Guten Stube“ zuhause.
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Pfarrerin Monika Deitenbeck-Goseberg

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Raúl ist der Erste. „Hey, hier ist ja noch gar keiner“, stellt der kleine quirlige Junge fest, als er mit seiner Mutter um kurz nach drei aus dem Schneetreiben draußen in die „Gute Stube“ weht. Er lässt sich von Mütze und Jacke befreien und tobt erst einmal durch den großen verwinkelten Raum, während seine Mutter sich mit einer Tasse Kaffee in die gemütliche Sofaecke zurückzieht.

Lange muss Raúl nicht auf Spielkameraden warten: Ab Viertel nach drei erscheint eine Mutter nach der anderen in dem ehemaligen Buchladen. Mal mit einem Kind, mal mit zweien, viele noch im Kinderwagen. Freundlich werden sie von Damaris Seidel und Susanne Mette begrüßt. Die beiden Mitarbeiterinnen kennen die meisten mit Namen; es gibt Umarmungen und Fragen. Wer neu ist, bekommt eine kurze Erklärung: Hier gibt es Kaffee, dort ist die Toi­lette mit Wickeltisch, und um fünf wird gemeinsam gekocht.

Eine persönliche Begrüßung für alle

Die große Spielecke hinter dem weißen Zaun im rechten Bereich der Guten Stube füllt sich immer mehr, der Geräuschpegel steigt. Nadine Baysal und Yesim Demirer sitzen trotzdem entspannt am Rand des Spielbereichs und unterhalten sich. „Das ist hier wie zuhause“, sagt Nadine. „Du sitzt hier, kommst ganz schnell mit anderen ins Gespräch, und die Kinder erleben was.“ Ihre Tochter Mia Erva wackelt kurz vorbei, hält sich aber nicht länger auf. „Die Mitarbeiter sind total nett“, fügt Yesim hinzu. „Und es ist toll, dass wir zusammen essen. Für die Kinder ist das schon das Abendessen, die können zuhause gleich ins Bett.“

Die „Gute Stube“ ist eine Initiative von Christinnen und Christen aus verschiedenen Lüdenscheider Gemeinden und Gemeinschaften. Mitbegründerin Damaris Seidel erzählt von den Anfängen, als das Ladenlokal der ehemaligen christlichen Buchhandlung Stier zur Disposition standen. „Damals haben viele Leute gesagt: Es wäre doch total schade, wenn wir die Räume in dieser zentralen Lage aufgäben“, so die 33-Jährige. „Also haben sich einige Menschen zusammengetan, die um Ideen für eine gute neue Verwendung gebetet haben.“

Lange Zeit geschah nichts  – bis Damaris Seidel neu dazustieß. „Ich hatte damals schon eine Vision von einem Ort, zu dem man Leute einfach mitnehmen kann; wo es Kaffee gibt und die Kinder Platz zum Spielen haben“, erzählt sie. Diese Vision passte. Drei junge Familien übernahmen 2015 gemeinsam die Verantwortung für das Projekt – eine davon die Familie Seidel, die zudem in die Wohnung über dem Ladenlokal einzog. „Das ist schon so etwas wie eine Lebensentscheidung“, sagt Damaris Seidel. In den ersten Jahren legte sie ihre Kinder oben schlafen und ging mit Babyphone die Treppe hinunter in die „Gute Stube“, um die Tür aufzuschließen. „Ich habe sogar das Geschirr bei mir oben gespült, weil wir unten noch keine Küche hatten.“

Eine Art Wohnzimmer für junge Erwachsene und Familien mit kleinen Kindern sollte die „Gute Stube“ sein; ein Ort, an dem man miteinander ins Gespräch kommen kann, über das Leben und, wenn es sich ergibt, auch über den Glauben. Ein Jahr lang haben sich die Verantwortlichen Zeit genommen, um zu schauen, „ob das wirklich dran ist“, wie Seidel formuliert. Inzwischen ist die „Gute Stube“ über das Anfangsstadium längst hinaus. „Unsere Angebote wurden so gut angenommen und es gab so viel Ermutigung und Fürbitte, dass wir gemerkt haben: Wir sind auf einem guten Weg.“

Seit 2018 ist das Projekt ein selbstständiger Verein unter dem Dach des CVJM Lüdenscheid. „Wir wollten bewusst eine eigene Marke bleiben und kein anderes Label übernehmen“, erklärt Seidel. Der Kreis der Mitarbeitenden ist groß und stammt ebenso aus Kreisen des CVJM wie aus landeskirchlichen und freikirchlichen Gemeinden. Neben den Öffnungszeiten für Eltern mit Kindern dienstagnachmittags und mittwoch- und donnerstagmorgens gibt es noch ein Angebot für junge Erwachsene ab 18 Jahren am Freitagabend. Außerdem lädt die Evangelische Jugendallianz Lüdenscheid alle zwei Monate sonntagabends zur „Bewohn-Bar“ ein, einer Mischung aus Kirche und Pub.

„Zwischendurch hatten wir einen Durchhänger; freitags kamen so gut wie keine Leute mehr“, erzählt Seidel. Um neue Perspektiven zu finden, nahm das Team die Beratung von Andreas Isenburg vom Institut für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste in Dortmund in Anspruch. Das half: „Wir haben verschiedene Teams gebildet, die jetzt für die Angebote und die Gestaltung sorgen. Dadurch haben wir mehr Abwechslung drin.“

Nach wie vor gilt: Das Angebot ist getragen von einem missionarischen Grundgedanken, aber der christliche Glaube wird niemandem aufgedrängt. „Wir möchten natürlich von unserem Glauben erzählen, aber auf einem ganz langfristig angelegten Beziehungslevel“, beschreibt Damaris Seidel den missionarischen Ansatz der „Guten Stube“. Gerade während der Vormittags- und Nachmittagsöffnungszeiten nutzen viele Mütter mit Migrationshintergrund die Möglichkeit, in der Lüdenscheider Innenstadt unter Leute zu kommen. „Da ist Fingerspitzengefühl gefragt“, sagt Seidel. „Wir wollen auf keinen Fall die verschrecken, die gerade hier andocken.“

Inzwischen ist mit Christian Gras ein weiterer Mitarbeiter zum Team gestoßen. Er gehört zu einer der drei Familien, die die Gute Stube tragen. Mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm sitzt er in der Sofa-Runde und atmet mitten im Gewusel erstmal durch. „Bis gerade brummte mir noch der Kopf, aber hier ist es ruhiger“, meint er – „hier spielt sich halt das Leben ab.“ Bis 18 Uhr wird er noch dabei sein und mithelfen, oder auch länger, denn es gibt immer einige, die am liebsten noch bleiben möchten. Aber auch das sehen Damaris Seidel, Susanne Mette und Christian Gras gelassen. „Wir haben noch niemanden rausgeschmissen.“.

Pfarrerin Deitenbeck-Goseberg plötzlich verstorben

Monika Deitenbeck-Goseberg, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Lüdenscheid-Oberrahmede, war eine der Initiatorinnen der „Guten Stube“. Sie ist am 7. Februar mit 65 Jahren überraschend verstorben. „Sie war immer eine Türöffnerin. Keine Idee war ihr zu verrückt, zu viel oder zu unrealistisch“, schreibt das Team der „Guten Stube“ in Erinnerung an ihren „hartnäckigen und ausdauernden“ Einsatz.

Der Superintendent des Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg, Klaus Majoress, zeigte sich tief betroffen. „Sie war nicht nur eine begnadete Predigerin und Seelsorgerin. Sie hatte auch ein Herz für die Menschen, wie es kaum noch einmal zu finden ist. Getragen vom Glauben an die grenzenlose Liebe Gottes war ihr jeder Mensch wichtig“, so Majoress.

Monika Deitenbeck-Goseberg war vielfältig aktiv. Als Pfarrerin in Oberrahmede gründete sie den Obdachlosenförderkreis (OFK), engagierte sich für Flüchtlinge und brachte zuletzt noch die „Arche Lüdenscheid“ auf den Weg, die Schwerstkranke, Sterbende und ihre Angehörige berät und begleitet. Auch überregional war Deitenbeck-Goseberg bekannt, unter anderem für ihr Engagement in der Deutschen Evangelischen Allianz. Allianzgeneralsekretär Reinhardt Schink würdigte sie auf der Internetseite des evangelikalen Dachverbandes als „eine Schwester im Glauben, von der immer eine unglaubliche Ermutigung ausging“. UK

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