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Grafik: TSEW

Göttliche Strahlen

Licht

Aus der Printausgabe - UK 08 / 2020

Anke von Legat | 19. Februar 2020

Die Sonne weckt unsere Lebensgeister. Kein Wunder, dass sie in anderen Religionen als Gott verehrt wird. Die Bibel dagegen weiß: Sie ist ein Geschöpf Gottes – und gleichzeitig ein Bild seiner Gnade.

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Wie sehr uns etwas fehlt, erkennen wir häufig erst dann, wenn es zurückkehrt. Zum Beispiel die Sonne: Sie fehlt uns in den dunklen Wintermonaten. Wenn durch die Netzhaut unserer Augen nicht mehr genug Sonnenlicht einfällt, schüttet unser Körper vermehrt das Hormon Melatonin aus. Das macht träge und schläfrig, im Extremfall sogar depressiv. Alles wird mühsamer im ständigen Zwielicht der Wintertage.

Kehrt aber jetzt im Frühjahr die Sonne allmählich zurück, dann reagieren Sensoren in unseren Körpern auf die Wellen des Lichts. Weniger Schlafhormone kreisen in unserem Blut; wir fühlen uns wacher, motivierter, lebendiger. Und wie uns Menschen geht es Tieren und Pflanzen, die sich mit zunehmendem Licht erneut in den Kreislauf des Lebens stürzen.

Die nüchternen Daten der Wissenschaft belegen, was Menschen eigentlich immer schon wussten: Sonne ist Leben. Darum wurde die Sonne wahr-scheinlich seit Anbeginn der Menschheit als göttlich verehrt.

Den antiken Hochkulturen, von denen das Volk Israel in alttestamentlicher Zeit umgeben war, galt der jeweilige Sonnengott als Besieger des lebensfeindlichen Chaos, das in der Finsternis schlummerte. Der immer wiederkehrende Gang der Sonne über das Firmament machte ihnen jeden Tag aufs Neue deutlich: Die Mächte der Finsternis sind gebannt. Das lebensfreundliche Licht bleibt Sieger.

Auch das Alte Testament kennt diesen Lobpreis der Sonne, aber im Unterschied zu den Nachbarreligionen wird in der alttestamentlichen Theologie durch die Jahrhunderte immer klarer: Nicht die Sonne selbst ist göttlich; vielmehr ist sie ein Geschöpf des einen Gottes, des Schöpfers der Welt. Er hat sie an den Himmel gehängt, um seiner Schöpfung Licht und Wärme zu geben. Zwar sehnen die Dichter der Psalmen nach einer verzagten Nacht den Sonnenauf-gang herbei; aber sie erwarten die Hilfe nicht von der Sonne selbst, sondern von Gott, dessen lebensspendende Macht sie mit der Kraft der Sonnenstrahlen vergleichen.

So wurde die Sonne zuerst vom Judentum entzaubert. Die Naturwissenschaften haben ein Übriges dazu getan, ihre Magie zu brechen: Sie haben sie zu einem „Zwergstern“ degradiert; sie wissen, dass ihre Energie aus der Fusion von Wasserstoff und Helium stammt; und sie haben sogar ihr Ende berechnet, das in – grob geschätzt – acht Milliarden Jahren eintreffen wird.

Trotzdem empfinden wir Menschen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen als einen Zauber, als eine Wohltat für Leib und Seele, und wer an Gott glaubt, sieht darin ein Bild für Gottes Gnade und seine liebevolle Zuwendung, die uns schenkt, was wir zum Leben brauchen.

Und wer weiß: Vielleicht steckt noch etwas in uns vom Wissen des uralten Kampfes des Lichts gegen die Chaosmächte der Finsternis. Warum sonst juckt es uns in den Fingern, mit dem großen Frühjahrsputz zu beginnen, sobald die Februarsonne ihre schrägen Strahlen in die dunklen Ecken unserer Wohnungen schickt?

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