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Matthias Nagel trat neben einigen anderen bei der Fachtagung auf (Foto: gmh)

Ein Lied! Aber welches?

Kirchenmusik

Aus der Printausgabe - UK 07 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 11. Februar 2020

Welche Lieder braucht die Gemeinde? Choral? Neues Geistliches Lied? Gospel? Praise ‘n‘ Worship? Die Antwort: Ja! Bei einer Fachtagung in Witten zeigte sich, dass all diese Spielarten von Kirchenmusik wichtig sind – und nur gemeinsam eine Zukunft haben.

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Matthias Nagel trat neben einigen anderen bei der Fachtagung auf (Foto: gmh)
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Timo Böcking (Foto: gmh)
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Fritz Baltruweit (Foto: gmh)

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WITTEN – Der Mann spricht Klartext: „Mit dieser Art von Musik habe ich bislang nichts zu tun gehabt. Aber von meinen Kindern kriege ich immer wieder mit, dass die das toll finden. Also bin ich hier, um mir das mal anzuschauen.“ Diese Art von Musik – damit meint er die Lieder aus dem Bereich „Praise ‘n‘ Worship“. Was auf Deutsch so viel wie „Lobpreis“ heißt. Und an vielen Stellen der Kirche die Gemüter spaltet.

Ort: das Lukas-Zentrum in Witten. Evangelische Kirche von Westfalen und Creative Kirche haben zu einer Fachtagung geladen. Zwei Tage lang diskutieren Fachleute unter dem Titel „Praise ‘n‘ Worship, NGL & Co.“ die Frage: „Welche Popularmusik braucht die Gemeinde?“ Um die einhellige Antwort vorwegzunehmen: Die inneren Grabenkämpfe der Kirchenmusik müssen aufgegeben werden; die Kirchenmusik muss breiter aufgestellt werden.

Längst haben moderne Formen der Musik wie Neues Geistliches Lied, Gospel und Worship im Gemeindealltag ihren Platz erobert. Die Ausbildung von Kirchenmusikerinnen und -musikern muss diesen Bereich neben der traditionellen klassischen Musik sehr viel stärker berücksichtigen. „Es ist an der Zeit, das Schubladendenken aufzugeben“, sagt der Leiter des Instituts für Aus-, Fort- und Weiterbildung der westfälischen Kirche, Peter Böhlemann, am Donnerstag in Witten. „Nur wenn sie gemeinsam auftritt, hat die Kirchenmusik eine Zukunft“, betont auch der in der Landeskirche zuständige Dezernent, Landeskirchenrat Vicco von Bülow. Die Evangelische Kirche von Westfalen sieht er dabei auf einem guten Weg: Mit der Evangelischen Popakademie Witten und der Ausbildung von Popkantorinnen und -kantoren habe man die Weichen in die richtige Richtung gestellt.

Wichtig vor allem: Die Gemeinde muss singen

Mehr als 100 Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker sowie interessierte Gemeindemitglieder sind hier im Lukaszentrum. Die ganze Bandbreite ist vertreten, von absoluten Fans der jeweiligen Musikrichtungen bis hin zu skeptischen Menschen – siehe oben. Was im Lauf der zwei Tage überdeutlich wird: Die Gemeinde braucht vor allem und zu allererst singfähige Lieder, es macht dabei keinen Unterschied, aus welcher Zeit oder Kategorie sie stammen.

Referenten und Teilnehmer berichten, wie sehr Richtungskämpfe und Abgrenzungen die Entwicklung von Gottesdiensten und Gemeinden blockieren können. Neben dem Streit, ob der klassische Orgelchoral oder moderne Bandmusik geeigneter sei, kämen auch Auseinandersetzungen um neuere Formen der Musik hinzu. So sehe sich die Worshipmusik, die an vielen Stellen für volle Kirchen sorgt, oft innerkirchlicher Kritik ausgesetzt. „Die Lobpreisszene verengt das biblische Gottesbild auf den Vater und König, und sie hat die Tendenz, den christlichen Glauben ganz auf das individuelle Wohlgefühl im Moment der Anbetung zu reduzieren“, bemängelt etwa der Publizist Andreas Malessa. Vielen Kirchenmusikern und Pfarrerinnen sei sie auch musikalisch zu simpel in Aufbau und Textform. „Da wird ein Vers dreimal wiederholt und nur ein Wort dabei ersetzt“, so Malessa.

Die Musik muss weiterentwickelt werden

Allerdings seien auch andere, vermeintlich moderne Formen der Kirchenmusik für weite Teile der Bevölkerung längst veraltet. „Das sogenannte Neue Geistliche Lied stammt aus den 60ern, die Musik, die wir im Radio oder Internet hören, ist längst weitergegangen“, erklärt Experte Malessa. Notwendig sei es aber nicht, derartige Ansätze wie Worship, Gospel oder NGL aufzugeben, sondern sie weiterzuentwickeln. Außerdem werde es immer wichtiger, Musik nicht nur vorzutragen, sondern die Gemeinde anzusprechen, ihre Emotionen zu wecken und sie zum Mitsingen zu bringen, so Malessa.

An dieser Stelle betonen etliche der anwesenden Kirchenmusikerinnen und -musiker, dass ihre Ausbildung sie auf derartige Aufgaben nicht vorbereite. Ansätze wie die der Evangelischen Kirche von Westfalen, inzwischen auch Pop-Kantoren auszubilden, seien ein Schritt in die richtige Richtung. Notwendig sei aber, nicht nur Teilzeitstellen, sondern ausreichend 100-Prozentstellen einzurichten. Wo das einer Gemeinde alleine nicht möglich sei, solle man über Kooperationen  mit Nachbargemeinden nachdenken. Dabei dürfe auch die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche kein Tabu sein.

Am Ende der Tagung ist deutlich eine Stimmungsveränderung zu spüren: Mehr Verständnis für einander, auch mehr Respekt. Kein schlechter Ausgangspunkt, um in der Kirchenmusik weiterzukommen.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 11. Februar 2020, 17:22 Uhr


https://www.youtube.com/watch?v=GOp889W0u9A
Danke und ja, sich mit dem vertraut machen, was Neuankömmlinge uns mit ihrer Anwesenheit übertragen , dient der Verständigung auf Augenhöhe.
Da unsere Kirche die Welt unter seinem Dach vereint, sollten sich darunter auch ALLE Menschen daheim fühlen.
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Erika Moers, 12. Februar 2020, 17:27 Uhr


Singen in Gottesdiensten halte ich für ein wesentliches Moment, das unbedingt zu pflegen ist.
Was für einen Schatz an altem Liedgut besitzen wir doch, das sich sicherlich nicht ohne Grund zum Teil über Jahrhunderte gehalten hat. Und wie erfrischend sind oft neue Lieder, wenn wir sie dort im Gottesdienst zu singen lernen.
Nicht alt ODER neu, sondern alt UND neu, so wünsche ich es mir.
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Schallblech, 13. Februar 2020, 9:19 Uhr


Genau, Erika Moers, dem kann ich ohne Einschränkung zustimmen.
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ellybe, 13. Februar 2020, 16:42 Uhr


Wenn, wie ich es schon oft erlebt habe, nicht einmal der Pastor/die Pastorin das (von ihm/ihr) selbst ausgesuchte "moderne" Lied (mit)singen konnte, geschweige denn erst einmal vorsingen - was bringt es dann uns, der Gemeinde? Also: Nicht nur Kirchenmusiker sollten entsprechend ausgebildet werden, sondern auch unsere Pastor/innen! Und sich im Amt=in der Praxis auch daran halten!
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Schallblech, 14. Februar 2020, 10:31 Uhr


Der Gemeinde neue Lieder bei- und nahezubringen ist Aufgabe der Kirchenmusiker, nicht der Pfarrer. Daß ein Pfarrer aber wissen sollte, wie das ausgesuchte Lied klingt, das finde ich auch.

ellybe, 14. Februar 2020, 13:30 Uhr


Grundsätzlich richtig. Aber wenn der/die Pfarrer/in ein weitgehend unbekanntes oder neues Lied aussucht für den Gottesdienst, den er/sie hält, dann sollte er/sie es auch selber singen können bzw. richtig mitsingen - und nicht vorne am Mikro stehen, ohne den Mund zu bewegen oder sogar falsche Töne aus demselben hervor zu bringen. Dann singt nämlich keine/r mit bzw. kann keine/r mitsingen - wie ich es mehrfach miterlebt habe. Und wenn der/die Kirchenmusiker/in es vor dem Gottesdienst einüben soll, muss der/die Pastor/in es ihm/ihr natürlich auch sagen. - PS:
Es gibt Gemeinden, in denen die Kirchenmusikerstelle aufgeteilt ist - eine nur für den Organistendienst, eine nur für den Kirchenchor. Bei uns ist das auch so.
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Schallblech, 15. Februar 2020, 12:04 Uhr


Da kann ich nur empfehlen, bei der Gemeindeversammlung mal den Mund aufzumachen.
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