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Grafik: TSEW

Der garstige Graben

Kirche

Aus der Printausgabe - UK 06 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 3. Februar 2020

Was will Gott von uns? Darüber können Christinnen und Christen bis aufs Blut streiten. Wie sehr, zeigt sich jetzt am Schicksal eines Mannes, der für viele Vorbild ist, für manche aber Hassfigur.

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Auf den ersten Blick eine dürre Personalie: Michael Diener, seit 2009 Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, tritt nicht mehr an zur Wahl für das Leitungsamt dieses großen evangelischen Dachverbandes (Seite 2). Dahinter aber verbirgt sich ein Abgrund.

Rückblick, 1960er Jahre. Damals – im Zusammenspiel von Zeitgeist und Wissenschaft – entstand jene revolutionäre Grundstimmung, die Autoritäten in Frage stellte. Stichwort: 68er. Auch in Theologie und Kirche. Die Bibel wurde stärker als zeitgeschichtliches Dokument gesehen. Lebensumstände der Autoren, Politik, moralische Konventionen, Machtinteressen – all das konnte bei der Abfassung der biblischen Schriften die Gedanken führen.

Solche Schriften mussten plötzlich anders verstanden werden. Wer daraus göttliche Weisung ziehen wollte, musste unterscheiden: Was an diesem Text ist göttlicher Wille – und was menschliches Beiwerk?

Der eine Teil der Christenheit hierzulande empfand das als Befreiung: Wir können uns mit der Bibel der modernen Welt stellen; Vorschriften, dass etwa die Frauen in der Kirche nichts zu sagen hätten, sind keine ewigen göttlichen Weisungen, sondern zeitgebundene Vorstellungen.

Der andere Teil war schockiert: Das ist Verrat an der Bibel. Dann kann sich jeder sein eigenes Evangelium zurechtzimmern.

Und so tobte der Streit um Bibel und Bekenntnis. Jahrzehntelang. Bis hinauf in die Spitze der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland. Hier die „Liberalen“ oder „Fortschrittlichen“. Dort die „Frommen“ oder „Evangelikalen“.

Um die Jahrtausendwende änderte sich der Ton. Die Liberalen konnten, wohl auch wegen der Schrumpfung der Kirche, plötzlich das Wort „Mission“ in den Mund nehmen, zuvor ein Kampfbegriff der Evangelikalen. Die Frommen ihrerseits schrien nicht gleich „Antichrist“, wenn eine Kirchenleitung über neue Familienbilder und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sprach.

Hoffnungsträger dieser Entwicklung war nicht zuletzt Michael Diener. Der Pfälzer Pastor, selbst im evangelikalen Bereich verortet, steht wie kaum ein anderer für das Bemühen um Verständigung. Als Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Mitglied des Rates der EKD hatte sich Diener immer wieder zu Wort gemeldet: „Wir müssen einander zuhören und dürfen uns nicht das Christsein absprechen.“

Vielen war Diener damit Vorbild. Wie viel Anfeindung er aber hat einstecken müssen, kann man nur ahnen. Er selbst schweigt. Aus seinem direkten Umfeld sind Stimmen verbürgt, die sagen: Es war der pure Hass, der ihm von Glaubensgeschwistern entgegenschlug. Der hat ihn mürbe gemacht.

Für alle, die für die innerprotestantische Gemeinschaft beten und arbeiten, ist der Rückzug von Michael Diener eine Ernüchterung. Aber auch ein Aufruf, sich nicht von dem neu aufkommenden Lagerdenken anstecken zu lassen. Die Anstrengung für Verständigung und Liebe muss auf mehr Schultern verteilt werden. Für einen allein ist es auf Dauer zu viel.

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