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Wie wir das Monster füttern

Gesellschaft

Aus der Printausgabe - UK 05 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 26. Januar 2020

Wie dunkel kann Deutschland wieder werden? Beim Blick zurück zeigen sich beunruhigende Parallelen. Was wir tun müssen, damit 2020 nicht zu einem neuen 1930 wird.

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Vor 75 Jahren befreite die Rote Armee das KZ Auschwitz. Die Massenvernichtungs-Fabrik gilt bis heute als Inbegriff des Bösen. Von „Befreiung“ sprechen die Deutschen spätestens seit 1985 (Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker) auch, wenn es um das Ende der Nazi-Herrschaft insgesamt geht. Das weckt Bilder, als ob Deutschland von einem Dämon befallen gewesen wäre. Mit Hilfe der Alliierten habe dieser Dämon besiegt und in den folgenden Jahrzehnten bis auf einige hartnäckige Überreste ausgetrieben werden können.

So sind wir aufgewachsen. Wer im Nachkriegsdeutschland geboren wurde und ordentlich erzogen, wuchs im Bewusstsein auf von Schuld, Scham und Verantwortung. All die Warnungen à la „fruchtbar noch / der Schoß, aus dem dies kroch“ waren ehrenwert und richtig, irgendwann vielleicht auch ein bisschen abgenutzt. Aber dass so etwas wie der Nationalsozialismus noch einmal passieren könnte, tatsächlich und einem selbst und zu eigenen Lebzeiten – das war uns Nachgeborenen schlicht unvorstellbar.

Bislang. Aber allmählich kann einem mulmig werden.
Als in den vergangenen sechs Jahren erst Pegida, dann die AfD entstand, erschien das dem Großteil der Gesellschaft unanständig und unappetitlich. Aber noch nicht bedrohlich. Man war empört, aber noch nicht wirklich alarmiert. Jede Gesellschaft hat ihre fünf bis acht Prozent rassistisch-völkisch Verblendeten, sagen die Soziologen. Und auch wenn sich um diesen harten Kern von Unbelehrbaren dann noch einmal ein paar Hunderttausend Wut- und Hassbürger sammeln – die sind doch keine echten Nazis… glaubte man.

Sondern Irrläufer, die – zum Teil aus sogar nachvollziehbaren Gründen – gegen „die da oben“ wettern und schlicht einer falschen Alternative für das Land auf den Leim gehen. Die können eine Gesellschaft doch nicht umdrehen.
So wiegten wir uns in Sicherheit. Dass diese Sicherheit aber vollkommen falsch sein könnte, zeigt sich beim Blick zurück.

Wie war das denn, damals in den 1930er Jahren? Hitler kam nicht an die Macht, weil alle Deutschen gleich fertige Nazis gewesen wären. Sondern weil die meisten von ihnen wegschauten. Und später Beifall klatschten (Arbeit, Autobahnen, Auferstehen in nationaler Stärke). Weil sie nach verlorenem Krieg und Wirtschaftskrise Gründe hatten, unzufrieden und verängstigt zu sein. Weil sie einen vermeintlichen Sündenbock geliefert bekamen. Und weil sie es schlicht nicht wahrhaben konnten oder wollten, was für ein Monster sie damit fütterten und heranwachsen ließen.

Und das ist womöglich auch heute wieder ähnlich: Man interessiert sich nicht wirklich, denkt Dinge nicht zu Ende, lässt aus Bequemlichkeit und Trägheit den Mob laufen, „ach, so schlimm wird’s schon nicht wieder werden“. Hier gilt es zu widerstehen. Hier gilt es, „Stopp!“ zu rufen. Diesmal früh genug.

Denn am Ende ist es egal, ob man „echter Nazi“ war oder einfach nur weggesehen hat: Wer sich dem Bösen nicht entgegenstellt, macht sich mitschuldig.

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Leser-Kommentare öffnen

Ulrich Keßler, 26. Januar 2020, 19:14 Uhr


"Wer sich dem Bösen nicht entgegenstellt, macht sich mitschuldig." -
Sehr geehrter Herr Hoeffchen:
Nicht jede/r war und ist (aus den unterschiedlichsten Gründen) stark genug, sich dem Bösen, von dem Sie sprechen, (gemeint ist wohl "offen") entgegenzustellen. Nicht jede/r hat/te die Kraft zum offenen Wider-Stand. Manche/r hat/te gerade genug Kraft oder braucht/e alle Kraft für den eigenen täglichen Überlebenskampf. Und nicht wenigen Menschen fehlt/e sogar diese.
Abgesehen davon gibt es sicher nicht wenig Menschen, die nicht mehr vermögen, als sich selbst immer wieder dem Einfluss des Bösen zu entziehen, sich von ihm fernzuhalten und/oder ihm nicht zu erliegen, denn es hat eine ungeheure (Verführungs-) Kraft. -
Deshalb kann ich Ihre Aussage in dieser verallgemeinernden Form nicht stehen lassen, denn sie macht Menschen unberechtigt zu (Mit-) Schuldigen.
Akzeptieren könnte ich sie etwa in dieser Form:
'Wer sich dem Bösen nicht in sich selbst oder offen nach Außen entgegenstellt, obwohl er die Kraft und die Möglichkeit dazu hat, macht sich mitschuldig.'
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