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Wer neu in einen Ort gezogen ist, freut sich meistens, wenn er Besuch bekommt und Anschluss findet. Da ist der Besuchsdienst, den viele Kirchengemeinden organisieren, eine gute Idee. Foto: sergeyzapotylok

Von Stammtisch bis „Instawalk“

Gemeindearbeit

Aus der Printausgabe - UK 05 / 2020

Carina Dobra (epd) | 29. Januar 2020

Vor allem junge Menschen müssen für den Job häufig umziehen. In der neuen Stadt könnte eine Kirchengemeinde Ort der Zuflucht sein. Wie Gemeinden neue Mitglieder begrüßen.

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Wer neu in einen Ort gezogen ist, freut sich meistens, wenn er Besuch bekommt und Anschluss findet. Da ist der Besuchsdienst, den viele Kirchengemeinden organisieren, eine gute Idee. Foto: sergeyzapotylok

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Betreff: „Kirchensteuer – ihr Zuzug nach Bayern.“ „Sehr geehrter Herr Schramm. Herzlich willkommen in der Evangelisch-Lutherischen Kirche!“ Immerhin – so fängt das Schreiben an den 28-jährigen Jonas Schramm an. Dann ein paar wenige warme Worte. Es folgen ausführliche Informationen zur Kirchensteuer und die Bitte, diese zu überweisen. Eine herzliche Begrüßung sieht anders aus, findet Schramm. Der Journalist ist genervt: „Und die Kirche wundert sich, wenn die Mitglieder wegrennen. Peinlich“, twittert er unter den Screenshot des Schreibens.

Häufig treten junge Erwachsene aus

Dabei sind neue Kirchenmitglieder essenziell, wie der Blick auf die sogenannte Freiburger Studie zeigt, die im vergangenen Mai vorgestellt wurde. Die Untersuchung prognostiziert eine Halbierung der Mitgliederzahlen bis 2060. Besonders häufig treten junge Menschen zwischen 20 und 35 Jahren aus. Die Kirchensteuer schreckt viele ab.

Der Umgang mit Neu-Mitgliedern treibt auch Kirchenleitende um. Für eine abgestufte Mitgliedschaft plädiert zum Beispiel der Berliner Bischof Christian Stäblein. So sollte es auch Fördermitgliedschaften oder ruhende Mitgliedschaften geben. Ähnlich hatte sich der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung geäußert. Er denkt über Steuererleichterungen für junge Mitglieder nach. Solche Modelle seien jedoch nur auf Ebene der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem Zusammenschluss der 20 Landeskirchen, zu realisieren, betont Jung.

Ein kurzes Schreiben gehört bei den meisten Gemeinden zum Standardprogramm. In einigen Gemeinden kommt außerdem der Besuchsdienstkreis zu neuen Mitgliedern nach Hause. Die Ehrenamtlichen führen Gespräche, informieren über Angebote und laden zu Gottesdiensten und Veranstaltungen ein.

In der Evangelischen Kirche von Westfalen ist beides verbreitet. „Für den Besuchsdienst führen wir sogar Schulungen durch“, sagt Kuno Klinkenborg vom Institut für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste. „Wir raten, bei Besuchen den aktuellen Gemeindebrief und ein kleines Geschenk mitzubringen.“ Bedauerlich findet der Pfarrer, dass es auch Gemeinden gibt, in denen gar nichts passiert. „Wenigstens ein Begrüßungsschreiben sollten Neuzugezogene bekommen. Nach dem Motto: Schön, dass Sie da sind.“

In der Solinger Luther-Kirchengemeinde erwartet die Neuen ein Willkommenspaket. Darin kleine Geschenke wie Tee und Popcorn sowie eine Einladung auf den Kirchturm der Lutherkirche. Eine schöne Idee, findet Gerhard Wegner, ehemaliger Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Hannover. Er könne sich auch Freikarten für Konzerte vorstellen. All das könne aber nur ein Anfang sein, betont er. Der Sozialwissenschaftler kritisiert die „Trägheit der Kirche“. Durch die Kirchensteuer sei sie nicht gezwungen, sich zu verändern, meint Wegner. Die Kirche müsse einen „Quantensprung“ in Sachen Kommunikation machen.

Vor allem die jeweiligen Heimatgemeinden müssten mit jungen Menschen nach einem Wegzug die Verbindung aufrechterhalten, sagt der Theologe. Etwa mit einem Newsletter, Geburtstags- und Weihnachtsgrüßen. Dabei müssten sie Medien wie E-Mail und die sozialen Netzwerke nutzen. „Jede Firma kann das“, kritisiert Wegner das fehlende Engagement vieler Kirchengemeinden.

Ideen gibt es – zumindest theoretisch. Der 31-jährige Pfarrer Steve Kennedy Henkel an der Erlöserkirche München schlägt eine Art Stammtisch für Zugezogene vor. Das Problem: Er hat neben Gottesdienst, Seelsorgegesprächen und Büroarbeit kaum Zeit für solche innovativen Projekte, erzählt er.

Sein Kollege Jörg Niesner aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau hatte zum Start seiner Pfarrstelle in der Kirchengemeinde Laubach zu einem „Instawalk“ eingeladen. Bei dem Spaziergang durch die Stadt machten die Teilnehmer Fotos und posteten sie auf Instagram. Mit der Gruppe möchte der Pfarrer in Kontakt bleiben, um neue Formate zu entwickeln.

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