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Restauratorin Margrit Bormann konserviert einen Koffer in der Werkstatt der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz in Polen. Foto: KNA

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Löcher in der Geschichte

Auschwitz

Aus der Printausgabe - UK 05 / 2020

Markus Nowak und Oliver Hinz | 27. Januar 2020

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz kämpfen Fachleute im dortigen Museum gegen den Verfall wichtiger Erinnerungsstücke. Denn der Holocaust darf nicht vergessen werden. Das fordert auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

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Restauratorin Margrit Bormann konserviert einen Koffer in der Werkstatt der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz in Polen. Foto: KNA
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Unzählige Schuhe von Opfern der NS-Diktatur sind im Museum von Auschwitz zu sehen. Foto: Dawid Galus/Wikipedia

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In manchen Räumen stehen weiße Tische mit Mikroskopen, Messbechern und Reagenzgläsern; in der Luft liegt ein strenger Chemikaliengeruch. Margrit Bormann kratzt vorsichtig mit einem Skalpell an den Beschlägen eines alten Koffers. „Ich nehme die Korrosion herunter und muss aufpassen, nicht in das Metall zu schaben.“ Die Löcher und Quetschungen am Koffer repariert sie nicht. Lediglich ein Schutzlack kommt über das Gepäckstück, ehe es fotografiert und danach zurück ins Magazin des Museums Auschwitz-Birkenau gebracht wird.

Grausige Relikte des Massenmordes

Dort erinnert es an die grauenhaften Vorgänge im damaligen Vernichtungslager der Nationalsozialisten, das vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, von der Roten Armee befreit wurde. Die Existenz von Auschwitz ist gerade für Deutsche nach wie vor ein Anlass zu tiefer Scham, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrem ersten Besuch der Gedenkstätte am 6. Dezember.

Margrit Bormann ist ebenfalls Deutsche und arbeitet im Team der Konservatoren-Werkstatt des Museums. In den Magazinen des zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden NS-Lagers in der südpolnischen Kleinstadt Oswiecim lagern grausige Relikte: Rund 110 000 Schuhe, fast 4000 Koffer, über 300 Häftlingsanzüge, Regalmeter an Dokumenten und unzählige weitere Habseligkeiten wie Zahnbürsten oder Brillen von Holocaust-Opfern.

Objekte werden für die Nachwelt restauriert

Hinzu kommen immobile Objekte wie die über 150 Gebäude auf dem Gelände – darunter die Lagerbaracken, Gaskammern und Krematorien sowie kilometerlange Zäune. Möglichst alles soll konserviert und damit für die Nachwelt bewahrt bleiben, sagt Pawel Sawicki, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit im Museum. „Denn das Fundament für die Erinnerung ist der authentische Ort Auschwitz“, gerade wenn die letzten Zeitzeugen sterben. Daher müsse man die Authentizität des Ortes für die nächsten Generationen bewahren. Eine Ausnahme bilden die zwei Tonnen Menschenhaar. Als menschliche Überreste werden sie nicht konserviert.

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Denn 75 Jahre nach der Befreiung des Lagers sind viele Objekte in einem schlechten Zustand. Erschwerend hinzu komme auch die „mindere Qualität der Materialien“ vieler Objekte, ergänzt Aleksandra Papis, die Leiterin der Konservatoren-Werkstatt. Andere Museen hätten in ihren Sammlungen Objekte von höchster Qualität, etwa von Königen und Herrschern. In den Auschwitz- Magazinen sei es gerade umgekehrt: Papier etwa wurde im Krieg wegen des Rohstoffmangels nur in schlechter Qualität produziert. Daher setze der Zerfall schneller ein.

Löcher, die aus der Zeit vor der Befreiung stammen, werden nicht geflickt, ebenso wenig werden Spuren von Blut oder Erde beseitigt. Bei solchen Verunreinigungen wird die in Köln ausgebildete Konservatorin schon nachdenklich. „Ich habe aber gelernt, gedanklich nicht zu tief in die Geschichte einzusteigen, weil es dann schwer wird mit dem Gegenstand“, erzählt sie. Gerade ein Koffer sei so ein Objekt: „Der Mensch kauft ihn, benutzt ihn auf Reisen. Und wir wissen, sein letztes Ziel war Birkenau, denn der Eigentümer wurde hier ermordet.“

Mehr als 1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz und den Nebenlagern während der Zeit des Nationalsozialismus umgebracht. Nicht alle Opfer sind namentlich bekannt. Daher gleicht es einer kleinen Sensation, wenn sich etwa in einem Schuh eine Nachricht findet und dieser einer konkreten Person zugeordnet werden kann, sagt Werkstattleiterin Papis. „Das kommt aber nicht so oft vor.“

Häufiger dagegen wird Margrit Bormann gebeten, deutschsprachige Dokumente oder Baupläne des Lagers zu übersetzen. Sie arbeitet seit neun Jahren im Museum Auschwitz. Fällt es ihr als Deutscher nicht schwer, täglich auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers zu arbeiten? Sie habe gelernt, mit dem Schuldgefühl umzugehen, sagt sie nach langem Nachdenken. Und sie sieht in ihrer Arbeit auch eine große Verantwortung. „Es hilft mir, dass ich als Restauratorin selbst mit meinen Händen dazu beitragen kann, dass dieser Ort und diese Geschichte nicht in Vergessenheit geraten.“

Die Erinnerung soll wachgehalten werden

Auch Merkel betonte bei ihrem Besuch anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Stiftung Auschwitz-Birkenau die Verpflichtung, die Erinnerung wachzuhalten. Der Name Auschwitz stehe für den „millionenfachen Mord an den Jüdinnen und Juden Europas, für den Zivilisationsbruch der Schoah, dem sämtliche menschlichen Werte zum Opfer fielen“.

Das Interesse an der Gedenkstätte nahm in den vergangenen Jahren stark zu. 2007 überschritt die Besucherzahl erstmals die Millionenmarke. Der „Rekord“ von 2018 mit 2,15 Millionen wurde bereits Ende November 2019 übertroffen. Deutsche Besucher stehen in der Statistik allerdings nur an sechster Stelle nach Polen, Briten, US-Amerikanern, Italienern und Spaniern.

„Auschwitz war ein deutsches, von Deutschen betriebenes Vernichtungslager“, betonte Merkel im Dezember. Die Täter deutlich zu benennen, sei wichtig. „Das sind wir Deutschen den Opfern schuldig und uns selbst.“

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