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Eine Maske getragen. Jahrelang. Bis niemand mehr weiß, wie der Mensch dahinter wirklich aussieht; bis es sich so anfühlt, als wäre das falsche Gesicht das richtige. Und dann: eine Kata­strophe. Alles bricht zusammen. Ein „weiter so“ ist nicht mehr möglich. Die harte Maske muss runter und dahinter kommt der weiche Mensch zum Vorschein. So einen Moment beschreibt der Predigttext. Die Menschen liegen am Boden – und entdecken ganz neu: Auch aus der Tiefe kann man zu Gott rufen. Foto: zephyr_P

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Weich werden

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 04 / 2020

Beate Balzer | 17. Januar 2020

Über den Predigttext zum 2. Sonntag nach Epiphanias: Jeremia 14,1(2)3–4(5–6)7–9.

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Eine Maske getragen. Jahrelang. Bis niemand mehr weiß, wie der Mensch dahinter wirklich aussieht; bis es sich so anfühlt, als wäre das falsche Gesicht das richtige. Und dann: eine Kata­strophe. Alles bricht zusammen. Ein „weiter so“ ist nicht mehr möglich. Die harte Maske muss runter und dahinter kommt der weiche Mensch zum Vorschein. So einen Moment beschreibt der Predigttext. Die Menschen liegen am Boden – und entdecken ganz neu: Auch aus der Tiefe kann man zu Gott rufen. Foto: zephyr_P
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Beate Balzer (65) ist Pfarrerin im Ruhestand und lebt in Bielefeld.

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Predigttext
1 Was als Gottes Wort den Propheten Jeremia wegen der großen Dürre erreichte: 2 Juda trauert, seine Tore verfallen und liegen in Trauer am Boden, der Klageschrei Jerusalems steigt empor. 3 Die Mächtigen dort schicken ihre Untergebenen nach Wasser. Sie gehen zu den Zisternen, finden aber kein Wasser und kehren mit leeren Gefäßen zurück. So gehen sie schändlich zugrunde und verhüllen ihr Haupt. 4 Weil der Ackerboden ausgedörrt ist – es fiel ja kein Regen mehr auf die Erde –, sind die Bauersleute vernichtet und verhüllen ihr Haupt. 5 Selbst die Hirschkuh gebiert auf dem Feld und lässt dann ihr Junges im Stich, denn es gibt kein Gras mehr. (...) 7 Wenn unsere Vergehen gegen uns sprechen, Gott, so handle um deines Namens willen. Ja, zahlreich sind unsere Verfehlungen, an dir haben wir Unrecht verübt. 8 Du Hoffnung Israels, du Rettung in der Zeit der Bedrängnis, warum verhältst du dich wie eine Ortsfremde im Land, wie ein Reisender, der nur zum Schlafen bleibt? 9 Warum bist du wie ein verschüchterter Mensch, wie ein kraftvoller Mann, der aber nicht helfen kann? Du bist doch in unserer Mitte, Gott, dein Name ist über uns ausgerufen. Verlass uns nicht!
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache

So hatten sie sich das nicht vorgestellt.
Bisher war doch immer alles gut gegangen.

Anerkannte Stimmen hatten sie bestätigt. Stimmen von außen. Die, die es wissen mussten. Die Politischen. Die Religiösen. Stimmen in ihrem Innern. Alles gut. So soll es bleiben.

Frieden ist. Gott ist gut. Ihr braucht euch nicht zu fürchten. Gott will, dass es euch gut geht.

Und gut ging es ihnen wahrhaftig. Dachten sie. Weiter so. Das war die Botschaft.
Eigentlich doch eine frohe Botschaft, oder? Wer hört das nicht gern: „Bleib, wie du bist“?

Und dann das: der Zusammenbruch. Der vollständige. Da war es, als würde ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen. Wo sie auch hinschauten: Vernichtung. Das politische System brach zusammen. Dabei hatten sie fest daran geglaubt. Land und Landschaft brachen weg. Die Stadt, die sie die schöne, gotterfüllte genannt hatten. Da lag sie am Boden, ihres Schutzes und ihres Stolzes beraubt. Ihr Bild von Gott, o, o … es erwies sich als brüchig und hohl. Der liebe, barmherzige, der nur gute schien erschreckend dunkle Seiten zu haben. Davor hatten sie doch lange erfolgreich die Augen verschlossen. Dazu das persönliche Scheitern. Bis in die Beziehungen hinein ging es. Weiter: ihre natürlichen Lebensgrundlagen zerstört. Der Ackerboden – vertrocknet mit tiefen Rissen. Verendete Tiere. Geburten zum Tode. Mit den Insekten hatte es angefangen. Es fließt nicht mehr. Der Regen nicht, das Wasser nicht. Die fließende, heilvolle Lebensenergie ist versiegt.

So hatten sie sich das nicht vorgestellt. Es ging doch gut – wann lief es schief?
Und jetzt? Nach Jahren des Hartseins, auch nach Jahren des Beschwichtigens, fingen sie wieder an, zu spüren. Sie spürten sie körperlich, die Katastrophe. Da wurde etwas schrecklich und schmerzlich weich in ihnen. Eine Gegenwart, eine liebevolle?, öffnete den Raum, zu spüren. Sie fingen an, sich wieder zu fühlen. Da erschloss jemand Raum und Zeit, dass wahr sein durfte, was ist. Sie fühlten den Schmerz ob ihres Scheiterns. Da brach sich endlich Bahn, was sie erfolgreich verleugnet hatten. Wer spürt auch schon gern dahin, wo es wehtut?

Sie trauerten. Sie weinten. Sie ängsteten sich sehr. Gemeinsam. In ihren Gottesdiensten, Gott sei Dank. Auch allein. Was, wenn das nie wieder aufhört, die Zerstörung? Wenn sie nur noch auf das Ende zugingen? Sie selbst schienen auszutrocknen ob ihrer vielen Tränen. Trauern ist wie vertrocknen.
Es schien hoffnungslos.

Sind wir noch zu retten? Es schrie aus ihnen heraus! Was, wenn es zu spät ist?
Da hörten einige von ihnen diese Worte: Nichts ist gut. Fürwahr. ABER. Katastrophe kommt von sich hinunterwenden. Zugrunde gehen heißt auch, wieder Grund finden.

Uns wenden, ja, nach unten, uns niederknien. Und uns wandeln lassen. Darin liegt unsere Chance. Und ja, aus der Tiefe, da von ganz unten „Gott“ schreien. Sie an ihr Versprechen erinnern: „Ich bin für euch da.“ Ihn an den ausgeschütteten RegenSegen erinnern: Nach deinem Namen sind wir genannt. Segnend hast du deinen Namen auf uns gelegt. Niemand und nichts kann uns dies wegnehmen. Trotz allem, dennoch, in allem. Wir sind – unglaublich ist das – deine geliebten Söhne und Töchter. Ja, schuldig sind wir am Du. Am Du deiner Schöpfung. Verfehlt haben wir dich und damit uns in unserem tiefsten Selbst.
Und wir sehen deine Tränen, Gott. Du selbst weinst über den schweren Zusammenbruch in deiner Menschenwelt.

Du weinst mit uns.

So hatten wir uns das nicht vorgestellt.

Gebet:

Hör nicht auf / mich zu träumen gott / ich will nicht aufhören / mich zu erinnern / dass ich dein Baum bin / gepflanzt den wasserbächen des lebens (Dorothee Sölle)

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