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Grafik: Christine Wolf

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„Kreuzgefährliche“ Veränderungen

Glosse

Aus der Printausgabe - UK 04 / 2020

Sybille Marx | 23. Januar 2020

Der Jahresbeginn ist die Zeit der guten Vorsätze – die Wochen danach die Zeit der Resignation. Unsere Autorin hat sich die Neujahrsvorsätze eines Teufelchens ausgemalt.

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Grafik: Christine Wolf

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Dass sich die eigene Zukunft gestalten lässt: Selten spüren Menschen das so klar wie zu Beginn eines neuen Jahrs. Sie schöpfen Hoffnung, sie schmieden Pläne, sie beginnen Neues... aber da gibt es angeblich kleine Teufelchen, die Veränderung verhindern wollen. Tatsächlich sind Tagebuchaufzeichnungen eines solchen Teufelchens jetzt in einem kirchlichen Archiv aufgetaucht. Eine aufschlussreiche Lektüre für alle, die ihre Zukunft lieber selbst in die Hand nehmen wollen.

Teufelchens Tagebucheintrag vom 1. Januar
Kruzifix, jetzt geht diese verdammte Neujahrszeit wieder los. Ich hasse sie. So viel Hoffnung, die wieder in den Menschen aufkeimt, so viel Lust darauf, die eigene Zukunft schön werden zu lassen. Und ich kleines Teufelchen soll das aufhalten! Berge von Überstunden schrubben! Ich muss mir unbedingt klarmachen, welche Strategien am besten dagegen wirken. Vielleicht liege ich dann schon im März wieder in meiner Hängematte, die aus menschlichem Frust gestrickt ist. Also:

1. Wenn Menschen von ihren Zielen im neuen Jahr sprechen, achte ich darauf, dass sie das Wort „Neujahrsvorsätze“ benutzen. Denn im Bekanntenkreis wird sicher bald einer erzählen, wie seine „Neujahrsvorsätze“ versackt seien. Und dann glauben die ersten gleich, dass ihnen das auch passieren wird. Fatal wäre, wenn alle merkten, dass sie eigene Ziele haben, dass es bei ihnen ganz anders laufen kann und dass im Grunde jeden Tag Silvester ist!

2. Wenn Menschen klagen, dass ihnen eine Veränderung nicht gelingt, muss ich dafür sorgen, dass sie im Präsens reden: „Ich kann nicht, ich schaffe nicht...“ Solche Selbstsuggestionen wirken bombe. Niemals dürfen sie sagen: „BISHER ist es mir nicht gelungen.“ Dann würde ihr Unbewusstes ja merken, dass die Zukunft noch offen ist!

3. Dieser Journaling-Quatsch muss wieder aufhören; dieses Tagebuchgeschreibe, dieses widerliche Selbst-Reflektieren. Wenn Menschen dem auf die Spur kommen, was sie sich zutiefst wünschen, wird‘s richtig übel. Vielleicht entwerfen sie dann lockende Bilder von ihren möglichen Zukünften, vielleicht spüren sie körperlich schon die Freude, die sie am Ziel hätten. Und fragen als nächstes auch noch, was sie haben, um dorthin zu gelangen und was sie noch bräuchten…Pfui Teufel!

4. Die Bibel muss ich gut verstecken. Dieses Buch strotzt nur so vor Bildern und Geschichten, die Hoffnung auf Neuanfang machen. „Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!“, heißt es da etwa über jemanden, der sich in Gott verankert. Ach, aber wer liest schon die Bibel...

5. Dass menschliche Identität immer im Fluss ist, werde ich streng geheim halten. Den meisten ist ja nicht bewusst, dass sie ihr So-Sein jede Sekunde aktiv herstellen, dass sie ihre Denk- und Verhaltensmuster immer wieder neu wählen. Klar, das läuft unbewusst ab. Aber sie könnten hier und da bewusst ausbrechen, nachher analysieren, wie ihnen das gelungen ist und daraus lernen. Hölle!

6. Kreuzgefährlich ist auch der Bibel-Satz „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Nichts macht ja freier, gebender, hoffnungsvoller als die Selbstliebe! Nur gut, dass viele lieber klagen und über andere schimpfen als ihren Neid, ihre Wut oder Traurigkeit als Signal zu verstehen. Wenn sie der Frage nachgingen, was sie selbst eigentlich vermissen und wie sie ihre Bedürfnisse in Zukunft besser erfüllen könnten – wo kämen wir da hin!

Ach, aber jetzt fühle ich mich schon wieder viel besser. Und träume von meiner Hängematte aus menschlichem Frust, in der ich bald liegen werde. Entspannt von den Hörnern bis zu den Hufen! In allen Muskeln, jeder Körperzelle werde ich diese Entspannung spüren...mmmh… eine wunderbare Zukunft kommt mir entgegen.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 24. Januar 2020, 12:31 Uhr


Als der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831; Vertreter des deutschen Idealismus) Dozent an der Berliner Universität war, machte ihn einer seiner Studenten darauf aufmerksam, dass er in seiner Vorlesung Folgerungen aus Tatsachen gezogen habe, die in dieser Form gar nicht vorhanden seien. Hegel meinte dazu nur: "Tja, das ist natürlich schlimm für die Tatsachen."
UND
Was wär...
…der Zoll ohne Stock?
…die Feier ohne Tag?
…das Auto ohne Dach?
…der Zauber ohne Stab?
…die Butter ohne Faß?
…das Herz ohne As?
…der Kragen ohne Knopf?
…die Sonne ohne Schein?
…das Eis ohne Bär?
…ich ohne Dich?

(Annie Wieser)

Ulrich Keßler, 26. Januar 2020, 17:31 Uhr


Was wäre...
...das Jahr ohne Anfang und Ende?
...die Liebe ohne das Herz und die Hände?
...das Wetter ohne den Wind und den Regen?
...die Hoffnung ohne Erfüllung und Segen?
...das Spiel mit dem Ball ohne Schüsse aufs Tor?
...und UNSERE KIRCHE ganz ohne Humor?
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