hg
Bild vergrößern
Manchmal ist das Scheitern unausweichlich. Bei sogenannten „Fuck-Up Nights“ können sich Gescheiterte austauschen. Graphik: blocberry

Anzeige

Krachend gescheitert und laut bejubelt

Scheitern

Aus der Printausgabe - UK 04 / 2020

Carina Dobra (epd) | 20. Januar 2020

Kündigung, Ehe-Aus, ein verlorenes Fußballspiel – Scheitern ist verpönt. In vielen Städten sind vielleicht gerade deswegen „Fuck-Up Nights“ ein Erfolg. Dabei erzählen Gründer von ihren größten Pleiten. Die Botschaft: aufstehen, weitermachen.

Bild vergrößern
Manchmal ist das Scheitern unausweichlich. Bei sogenannten „Fuck-Up Nights“ können sich Gescheiterte austauschen. Graphik: blocberry

Anzeige

Sonja Kreye lernt Matthias kennen. Mit ihm ist alles anders. Vorher hielten ihre Beziehungen höchstens zwei Jahre, wie die blonde Frau mit Lederjacke erzählt. Mit Matthias bekommt sie ein Kind. Beruflich hat sie Lust auf etwas Neues, macht sich selbstständig als Marketing-Beraterin. Alles scheint perfekt. Doch nach einem Jahr ist klar: Sie ist gescheitert. Kontostand: Null. Das Pech ist vollkommen, als auch noch ihr Mann sie verlässt.

Pannen, Pech und Pleiten von Leidensgenossen

„Uiiii!“, ruft das Publikum entsetzt. Aus einer Ecke des Raums kommen Pfiffe. Einige schütteln den Kopf, schauen mitleidig zu der ehemaligen PR-Mitarbeiterin für die Formel 1 auf die Bühne. Kreye ist eine der Referentinnen und Referenten auf der ersten Darmstädter „Fuck-Up Night“. Rund 150 Zuschauer sind in den Irish Pub „An Sibin“ gekommen, um die Pannen, Pech- und Pleiten-Geschichten von Kreye und ihren Leidensgenossen zu hören. „Fuck up“, das heißt „vermasseln“.

Nicht alle schaffen den Ausweg aus der Krise. Die „Fuck-Up Nights“ wollen bewusst Positiv-Beispiele zeigen. Das Konzept stammt aus Mexiko: 2012 kamen dort fünf Freunde auf die Idee, Geschichten von beruflichem Versagen als Event zu inszenieren. Bei den Veranstaltungen erzählen Unternehmer, was sie aus Misserfolgen gelernt haben.

Inzwischen gibt es das Format überall auf der Welt. In Nordrhein-Westfalen unter anderem im Ruhrgebiet, etwa in Dortmund, oder in Ostwestfalen. Die Universität Bonn veranstaltet eigene Studenten-„Fuck-Up Nights“.

Auch Prominente wie der FDP-Chef Christian Lindner waren schon zu Gast: 2016 berichtete der Politiker in Frankfurt über den Fehlschlag des Start-ups, das er während seines Studiums gegründet hatte.

In Darmstadt hat der Pfarrer Stefan Hund die „Fuck-Up Night“ mit organisiert. Er sagt, jeder brauche eine solche „Stunde Null“, wie er den Moment des Scheiterns nennt. Er ist überwältigt davon, wieviele Besucher heute da sind. Gerechnet hatten seine Kollegen von der örtlichen Wirtschaftsförderung und er mit höchstens 50, wie der Klinikseelsorger aus Darmstadt-Eberstadt in der Pause erzählt.

Wenn zur Insolvenz die Depression dazukommt

Im Hintergrund prosten sich die Leute mit ihren Bierkrügen zu. Vor allem jüngere Menschen hätten sich angemeldet, sagt Hund, der auch Unternehmer berät. Von vielen wüsste er, dass sie gerade selbst eine Firma gründen wollten oder vor einer wichtigen beruflichen Veränderung stünden.

So geht es auch Sven Franzen. „Ich weiß gerade nicht so ganz, was ich will“, erzählt der 30-jährige Firmengründer aus Offenbach. Die Offenheit von Sonja Kreye hat ihn schwer beeindruckt. „Und das in Deutschland“, wie der Jungunternehmer betont. Er habe einige Jahre in Brasilien gelebt. Dort herrsche eine ganz andere Mentalität im Umgang mit wirtschaftlichem oder auch privatem Scheitern. Die Menschen würden das entspannter sehen. Hierzulande heiße es dagegen immer: „Höher, schneller, weiter!“, sagt Franzen und nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche.

Auch Referent Bert Overlack war einmal ganz oben. Viele Jahre hat er gemeinsam mit seinem Vater ein Familienunternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern geführt. Dann: Marktzusammenbruch und Insolvenz. Es folgte eine Depression. Erst als sein Sohn feststellte: „Mein Papa hat schon seit Jahren nicht gelacht“, habe er sein Leben noch einmal in die Hand genommen und neu angefangen, wie der Autor berichtet. Heute steht er selbst Managern beratend zur Seite.

Es gehe heute Abend nicht darum, das Scheitern zu feiern, hält Moderator und Pfarrer Stefan Hund fest. Mut machen, die Chancen im Scheitern entdecken – das treffe es eher. Das habe auch etwas zutiefst Theologisches, erklärt er und verweist auf die Ostergeschichte. Karfreitag lasse sich zunächst als Moment des Scheiterns bezeichnen – Jesus ist am Kreuz gestorben. Wenige Tage später, am Ostersonntag, sehe die Welt jedoch ganz anders aus. Die Bibel beschreibt die Auferstehung, Gott ist stärker als der Tod.

Aus der Niederlage lässt sich etwas lernen

Das Hoffen und die Zuversicht seien christliche Motive, erklärt Hund. Jeder sollte sich nach einem Misserfolg fragen: Was kann ich daraus lernen? Oft bemerke man auch erst im Nachhinein, dass es vielleicht doch gut so war. „Es gibt keine Neuanfänge ohne Ende“, betont der Geistliche.In den USA stellten einige Firmen bewusst Manager ein, die schon einmal gescheitert seien, erzählt Hund, der einen Podcast über das Scheitern produziert. Solche Führungskräfte wüssten, wie man mit Krisen umgehe.

Geschäftsmann Overlack wirkt mit seinem Anzug wie ein Fremdkörper auf der hölzernen, rustikalen Bühne des Pubs mit den alten Straßenlaternen im Hintergrund. Sein Auftritt aber kommt an. Als er seinen Vortrag beendet, applaudieren die Gäste lange. Moderator Hund holt die Frau des Unternehmers auf die Bühne, Federica Paganelli stellt sich neben ihren Mann. „Es gibt wenige Ehen, die so etwas überleben“, sagt der Seelsorger zu dem Paar. Die drei kennen sich. Overlack stehen die Tränen in den Augen. Auch wenn er es mit Hilfe seiner Familie durch die schwere Zeit geschafft habe, betont der Ex-Manager: „Niemand scheitert gerne.“

Internet: www.fuckupnights.com; https://fun-ruhr.de/; www.fuckupnightsowl.de.

4

Leser-Kommentare öffnen

Ulrich Keßler, 20. Januar 2020, 17:55 Uhr


"In Darmstadt hat der Pfarrer Stefan Hund die „Fuck-Up Night“ mit organisiert." Usw. usw. - Ich frage mich allen Ernstes:
Auf welches Niveau will unsere evangelische Kirche eigentlich noch sinken? Soll der Karfreitag in Zukunft vielleicht als "Fuck-Up-Day" bezeichnet werden? Und soll dementsprechend Jesus am Kreuz (nach Markus) nicht mehr "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?", sondern "Fuck up, my father!" rufen? Wäre das der neue "Kirchensprech"? - Quo vadis, ecclesia?
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login

Alwite, 21. Januar 2020, 11:05 Uhr


Wie ich lese:
>Auf dem Prinzip "Versuch und Irrtum" fußt die Ideologie des Silicon Valley – der IT-Tüftler an der US-Westküste, die mit ihren digitalen und mikroelektronischen Erfindungen gerade dabei sind, die Welt nach ihren Vorstellungen und Algorithmen zu formen.<

Springe ich nun auf diesen Zug auf und denke daran zurück, dass ich den Ausdruck "Fuck" zum ersten mal 1946 von einem gepflegt-gekleideten, elegant aussehenden Amerikanischen Offizier, während er einem Hochglanz-Jeep entstieg hörte, wie entsetzt ich als halbes Kind darüber war und mich an die Gelassenheit des Sprechers erinnere, könnte ich den Ausdruck für hoffähig halten.

Meine Enkel sprechen mit mir in gleicher Sprache, wenden aber untereinander andere Ausdrücke an.
Wenn ich nun an Rilkes "Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort..." denke, wehrt sich "mein moralisches Gesetz in mir," von dem wiederum Kant spricht, dennoch gegen das Fuck.
Nun frage ich mich, ändert Sprache meine Moral oder ist das Gegenteil der Fall?

Ulrich Keßler, 21. Januar 2020, 13:33 Uhr


Es ist die alte Frage: Was bestimmt? Das Sein das Bewusstsein? Oder das Bewusstsein das Sein? ---
Das Ordinäre ist salonfähig geworden - und die Kirche macht begeistert mit: Vielleicht wird ihr "Salon" dadurch (auch) wieder voll? Die Frage dabei ist aber doch:
Mit welchem Niveau ist das Evangelium (noch) vereinbar? Wenn es in ihm auch um die Würde des (verlorenen) Menschen geht: Darf man sich dann bei seiner Verkündigung einer entwürdigenden Sprache bedienen? Ist (auch) in der Kirche alles erlaubt, was man sich außerhalb ihrer alles erlaubt? Muss kirchliche Sprache nicht dem entsprechen, wovon das Evangelium spricht?

Alwite, 22. Januar 2020, 6:45 Uhr


Bestätigt sich hier nur eine Regel: Je vulgärer je inner?
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login
Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen