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Besser als Wegwerfen: Der ehemalige Elektromechaniker Harald Rinno (links) hat in einem Repair-Café das Bügeleisen eines „Kunden“ auseinandergenommen. Foto: epd

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Vom Wertverlust des Kugelschreibers

Nachhaltigkeit

Aus der Printausgabe - UK 02 / 2020

Christoph Arens | 12. Januar 2020

Verpackungsmüll und Einwegprodukte sind ein wesentliches Zeichen für unsere Konsumgesellschaft. Technikforscher Wolfgang König beschreibt in seinem Buch die Geschichte der Wegwerfgesellschaft – und hofft auf einen Bewusstseinswandel.

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Besser als Wegwerfen: Der ehemalige Elektromechaniker Harald Rinno (links) hat in einem Repair-Café das Bügeleisen eines „Kunden“ auseinandergenommen. Foto: epd

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Ein neuer Computer, neue angesagte Klamotten: Hunderttausende gehen nach Weihnachten auf Schnäppchen-Jagd. Früher gab es den Winterschlussverkauf Ende Januar. Die Rabattangebotkarte gibt es nach wie vor – nur setzt das Ganze nun viel früher ein. Bereits sofort nach Weihnachten locken Geschäfte und Online-Händler mit Sonderangeboten. Geschenk-Gutscheine werden umgesetzt und so manche Ware wird umgetauscht und dabei gleich das ein oder andere Schnäppchen gemacht.

Da passt es, dass der Berliner Technikforscher Wolfgang König kürzlich ein Buch zur Kehrseite des Konsums vorgelegt hat – eine „Geschichte der Wegwerfgesellschaft“. Das Thema hat Konjunktur: In der Klimadebatte steht der Massenkonsum unter Beobachtung.

Früher wurde sehr viel weniger weggeworfen

Jährlich errechnen Umweltorganisationen den Erdüberlastungstag, an dem die Menschheit die Ressourcen für das gesamte Jahr verbraucht hat. Er rückt immer weiter vor. 2017 haben die Entsorgungsfirmen in Deutschland insgesamt 38,3 Millionen Tonnen Abfälle allein bei den Haushalten eingesammelt – 462 Kilogramm pro Kopf. Allein in der Bundesrepublik landen jährlich rund 12 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll.

König, der Professor für Technikgeschichte an der TU Berlin ist, beantwortet die Frage, ob sich das derzeitige Konsumverhalten noch beliebig verlängern lässt, mit einem klaren Nein. In seinem Buch betont er, dass die Menschen das Wegwerfen über einen längeren Zeitraum erst einüben mussten. „Früher wurde viel weniger weggeworfen. Die Dinge waren teurer, sie wurden länger verwendet, wurden repariert, umgenutzt, wieder aufgearbeitet“, schreibt König.

Den Beginn des Wegwerfzeitalters datiert der Technikforscher für die USA auf 1930 und für die Bundesrepublik auf 1960. In den USA galten Produkte mit geringer Haltbarkeit schon früh als Garant für wirtschaftliche Stabilität. Besonders die rasante Zunahme des Verpackungsmülls – dazu trugen Selbstbedienungsläden ebenso wie das Internet bei – symbolisiert den Wandel.
In acht Kapiteln untersucht König den Umgang mit Industrie- und Siedlungsabfällen. So wurde erst in den 70er Jahren auch im ländlichen Raum eine geregelte Müllabfuhr aufgebaut; die Zahl der vielfach wilden oder unregulierten Müllkippen wurde deutlich reduziert. Verschleiert wird das Problem durch den Export in Dritte-Welt-Länder: Hauptabnehmer China hat 2018 seine Importmengen von Plastikmüll deutlich reduziert. Die Europäer müssen sich nach anderen Abnehmern umsehen oder ihre Recyclingkapazitäten ausbauen.

Einwegprodukte sind eine relativ neue Erfindung

Unter der Überschrift „Pioniere und Perversitäten des Wegwerfens“ verfolgt König besonders anschauliche Produktkarrieren – wie die des Einwegfeuerzeugs, des Partygeschirrs oder des Kugelschreibers, der sich innerhalb von 70 Jahren von einer kostspieligen Investition der britischen Luftwaffe in ein mehrheitlich kostenloses Werbeprodukt verwandelte. Schon früh stand die Wegwerfgesellschaft in der Kritik. Die Liste der Warner reicht von Erich Fromms Buch „Haben und Sein“ (1976) bis zur Umweltenzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus (2015). König diskutiert Möglichkeiten, die Wegwerfgesellschaft zumindest teilweise zu überwinden. Dabei zeigt er sich skeptisch: Eine vollständige Kreislaufwirtschaft sei wohl unmöglich, argumentiert er.

Auch technischer Fortschritt oder Tauschwirtschaft (von Ebay, Tauschmärkten bis Carsharing) hätten zwar Potenzial, Ressourcen zu schonen. Zugleich könnten die dabei erzielten Einsparungen aber zu mehr Konsum führen – etwa in der Autoindustrie, wo energie-sparsamere Technik letztlich zu mehr PS-Stärken führte.

König weist einseitige Schuldzuweisungen an die Industrie zurück. „Produzenten und Konsumenten sind Täter und Opfer zugleich.“ Smartphones etwa hätten eine Haltbarkeit von zehn Jahren – dennoch musterten Konsumenten ihre Handys nach zwei bis drei Jahren aus, auch weil die Hersteller neue Geräte mit zusätzlichen Funktionen und neuem Design anbieten.

Wissenschaft setzt auf Bewusstseinswandel

Hoffnung setzt der Wissenschaftler auf einen Bewusstseinswandel: Umfragen zeigten, dass Glück und Lebensqualität ab einem bestimmten Level nicht mehr durch immer mehr Güter gesteigert werden könnten. Wenn eine intakte Umwelt in die Definition von Lebensqualität einbezogen würde, könnte dies eingefahrene Sichtweisen auflockern.

Das Stichwort: Repair-Café

Nicht immer gleich alles wegwerfen – das ist der Gedanke eines Repair-Cafés. Das Konzept dieser Einrichtungen und Veranstaltungen stammt aus den Niederlanden. Es wurde vor über zehn Jahren entwickelt: Initiativen organisieren Treffen, bei denen die Teilnehmer gemeinsam defekte Alltagsgegenstände reparieren. Dabei werden sie von ehrenamtlichen Helfern unterstützt. Nicht alle nennen sich Repair-Café, andere Bezeichnungen sind: Reparatur-Café, Reparier-Bar, Elektroniksprechstunde, Reparatur-Treff, Elektronikhospital oder Café Kaputt und ähnliches.

Mittlerweile hat sich die Idee in vielen europäischen Ländern und in Nordamerika verbreitet. In Deutschland gibt es nach Angaben der Stiftung „Anstiftung“ weit über 600 Initiativen und weitere, die sich in Gründung befinden. Die deutsche Stiftung berät bei der Gründung solcher Cafés, informiert über praktische Fragen und vernetzt die Initiativen bundesweit auf der Webseite www.reparatur-initativen.de.

Erklärtes Ziel der Initiativen ist es, Müll zu vermeiden und Ressourcen zu schonen, indem Alltagsgegenstände deutlich länger genutzt werden. Sie sollen kein kostenloser Reparatur-Service sein, sondern verstehen sich als gemeinsam organisierte „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Dabei geht es auch um den Gemeinschaftsgedanken: Menschen in der Nachbarschaft sollen generationenübergreifend enger zusammenrücken, voneinander lernen und Zeit miteinander verbringen. „Kaffee und Kuchen sind genauso wichtige Bestandteile wie Schraubenzieher und Lötkolben“, beschreibt das Netzwerk Reparatur Initiativen die Grundidee.

Auch viele Kirchengemeinden bieten Repair-Cafés an. Dort steht der Gemeinschaftsgedanke besonders im Mittelpunkt. Für viele Menschen ist so ein Treffen ein wichtiger Anlaufpunkt. Handwerklich begabte Gemeindemitglieder stellen ihre Fähigkeiten den anderen zur Verfügung.

Die niederländische Initiative Repair Café berichtet auf ihrer Internetseite (repaircafe.org), dass im Jahr 2018 durch die Arbeit der Repair Cafés weltweit ungefähr 350 000 Kilogramm Abfall vermieden wurden. 1653 Repair-Café-Gruppen waren aktiv, die sich durchschnittlich einmal im Monat trafen, um Dinge zu reparieren. Während eines solchen Treffens werden im Durchschnitt 18 Gegenstände erfolgreich repariert – und ein Neukauf vermieden.

Nicht jedes Repair-Café ist in den Portalen aufgeführt. Deshalb lohnt ein Blick auf beiden Seiten – oder das Stichwort „Repair-Café“ bei einer Suchmaschine eingeben. epd/kil

• Weitere Informationen im Internet: www.reparatur-initiativen.de; www.repaircafe.org.

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