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Die Logik der Gewalt

Krieg und Frieden

Aus der Printausgabe - UK 02 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 7. Januar 2020

Wie schafft man die Gewalt ab? Wer jetzt die Augen verdreht und sagt „Das geht eh nicht“, hat Recht. Und liegt trotzdem falsch. Gedanken zum neuen Jahr.

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Jahresanfang. Zeit für gute Vorsätze und Wünsche. Weit vorn steht die Sehnsucht nach dem Ende von Krieg und Gewalt. Aber wie realistisch ist das? Auf den ersten Blick nicht sehr. Weltweit haben sich Konflikte verfestigt. Dazu kommt auch in westlichen Gesellschaften eine Verrohung im Umgang miteinander. Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung scheint wieder normal zu werden; etwa, wenn in einer großen deutschen Zeitung der Kommentar dazu aufruft, im Blick auf den Rechtspopulismus müsse man wieder „hassen lernen“ – weil ja auch dort der Hass regiere.

Aber das hilft uns nicht weiter. Nicht Hass und Gewalt müssen wir einüben. Sondern: die Gewalt zu ächten.

Das heißt nicht, dass man Gewalt abschaffen könnte. In einer Welt, die eine gefallene Schöpfung ist, wird das wohl niemals ganz möglich sein. Wenn es erst mal so weit ist, dass der IS bombt, Boko Haram vollbesetzte Kirchen abfackelt, Tyrannen Gasgranaten auf Krankenhäuser schießen lassen oder Nazis Juden in KZs umbringen, dann kann es das Gebot der Stunde sein, dem Bösen in den Arm zu fallen. Auch mit Waffen. Nicht, weil Gewalt und Töten dann keine Sünden mehr wären. Sondern weil tatenlos zuzusehen die vielleicht noch größere Sünde wäre. Die Kirche nennt das „ultima ratio“, den letzten Ausweg, wenn alles andere versagt.

Umso stärker muss die Anstrengung sein, dass es so weit nicht kommt. Ursachenforschung. Deeskalationstraining. Erziehung zur Gewaltlosigkeit. Gewaltfreie Konfliktlösung schon im privaten, persönlichen Umfeld – das sind die Aufgaben, denen sich eine zivilisierte Gesellschaft verpflichten muss. Und zwar als Teil der allgemeinen Schul- und Persönlichkeitsbildung. Wenn die Staaten in die Friedensforschung nur, sagen wir: zehn Prozent ihrer Militärausgaben stecken würden, wäre da vieles möglich.

Amaryllis Fox, Ex-Agentin des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA, infiltrierte auf der ganzen Welt Terrorgruppen und Kriegsbanden. In ihrem Buch „Life Undercover“ fasst sie ihre Erfahrung zusammen: „Wir können unsere Feinde nicht vernichten. Je mehr wir es versuchen, desto mehr riskieren wir neue Feindschaft. Gewalt entsteht durch Erniedrigung, Scham, Verletzung. Wir müssen reden. Zuhören.“ Anders, so Fox, lassen sich Kriege nicht beenden.
Ist das utopisch? Ja, vielleicht.

Da sind wir wieder bei den guten Vorsätzen. Man mag Jahr für Jahr hinter den gesteckten Zielen zurückbleiben. Aber dadurch, dass man es immer wieder versucht, lehnt man sich gegen das Scheitern auf. Und hin und wieder, hier und da, mag sich auf lange Sicht dann eben doch das eine oder andere zum Guten wenden. Christinnen und Christen nennen das: die Hoffnung auf Gottes neue Welt. Die heile, geheilte Welt steht noch aus. Aber schon jetzt kann sie durchschimmern. Wie ein Aufblitzen, eine Ahnung von dem, was noch kommen wird.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 7. Januar 2020, 9:15 Uhr


Ganz lieben Dank. Wenn Kritik Lösungen anbietet, ist sie ganz besonders lesenswert. Sie erinnert an Dietrich Bonnhoeffers: "Wohltun geschieht in all den Dingen des täglichen Lebens."
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