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Wenn nach dem vorweihnachtlichen Stress endlich Ruhe eintritt, ist Zeit, um auf die Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres zu blicken. Manche nutzen diesen Rückblick, um einen Jahresbrief für Verwandte und Freunde zu schreiben. Foto: StockPhotoPro

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Was bisher geschah

Jahresrückblick

Aus der Printausgabe - UK 52 / 2019

Angelika Prauß | 29. Dezember 2019

Am Ende des Jahres ist Zeit für einen Rückblick auf die Ereignisse des Jahres. Die Psychologin Elisabeth Mardorf erzählt im Interview über das Verfassen von Jahresbriefen.

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Wenn nach dem vorweihnachtlichen Stress endlich Ruhe eintritt, ist Zeit, um auf die Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres zu blicken. Manche nutzen diesen Rückblick, um einen Jahresbrief für Verwandte und Freunde zu schreiben. Foto: StockPhotoPro
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Elisabeth Mardorf Foto: Privat

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In zahlreichen Familien und Freundeskreisen ist es zum Jahresende Tradition, sich einen Jahresbrief zu schreiben, um andere an den wichtigsten Ereignissen der vergangenen Monate teilhaben zu lassen. Psychotherapeutin und Buchautorin Elisabeth Mardorf, bekennende Tagebuch- und Jahresbriefschreiberin, erläutert im Interview mit Angela Prauß, worauf man achten sollte.

Frau Mardorf, Sie schreiben nicht nur Tagebuch, sondern auch einen Jahresbrief an Verwandte und Freunde, warum?
Nachdem wir mehrmals umgezogen sind, kennen wir zahlreiche uns nahestehende Menschen an verschiedenen Orten. Im Alltag bleibt oft zu wenig Zeit, um mit jedem Einzelnen in engem Kontakt zu bleiben und Briefe oder Mails auszutauschen. Durch einen Jahresbrief bekommt man die wichtigsten Veränderungen im Leben und in der Familie der anderen mit – auch über den räumlichen Abstand hinweg. Dieser Brief ist auch eine schöne Möglichkeit, das Jahr selbst noch einmal Revue passieren zu lassen. Mein Mann und ich haben die Idee von Freunden aufgegriffen, weil wir uns selbst freuen, auf diese Art mit Menschen in Kontakt zu bleiben.

Wie gehen Sie beim Schreiben vor?
Ich schaue mir in meinem Kalender die wichtigsten Ereignisse und Erlebnisse der zurückliegenden Zeit an. Am Computer entsteht so das grobe Gerüst, in dem mein Mann und ich jeweils berichten, was in unserem Jahr so passiert ist. Meist ergänzen wir noch ein paar von Hand geschriebene persönliche Zeilen an jeden Einzelnen.

Worin besteht der Unterschied zwischen einer privaten Jahresbilanz im Tagebuch und einem Jahresbrief?
Wenn ich in meinem Tagebuch an einem der letzten Tage im Jahr für mich selbst einen Rückblick auf die zurückliegenden Monate schreibe, dann ist der natürlich ungefilterter. Bei dem Brief an meine Freunde sind – zumindest in dem Teil, den alle bekommen – manche Stellen neutraler formuliert. Bei Menschen, die mir besonders nahestehen, ergänze ich in den persönlichen Zeilen mitunter auch noch etwas Privateres. So sind in diesem Jahr mehrere Freunde gestorben, was mich sehr traurig macht. An meiner Traurigkeit lasse ich nicht jeden teilhaben; aber solche Gefühlte schreibe ich natürlich ungefiltert in mein Tagebuch.

Ist das Verfassen von solchen Briefen nicht ohnehin eine Gratwanderung? Besteht nicht die Gefahr, in Fettnäpfchen zu treten, wenn man von der tollen Karibikkreuzfahrt schwärmt oder vom ersten Enkelkind? Wie kommt das beim Gegenüber an, das vielleicht kein Geld zum Verreisen oder keine Kinder hat?
Es gibt in der Tat heikle Themen. Die Sache mit den Enkelkindern kennen mein Mann und ich selbst. Wir sind ungewollt kinderlos geblieben. Ich möchte trotzdem von den Menschen, die mir wichtig sind, ihre Freude mitbekommen und wie sich deren Familienleben entwickelt. Ich fände es schade, wenn meine Freunde sich nicht mehr trauen, uns ihr Enkelglück mitzuteilen. Es liegt nicht in ihrer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es uns damit gut geht.

Wie kann ich vermeiden, dass mein Brief andere verletzt?
Natürlich ist das eine Gratwanderung, wie auch beim Thema Tod und Krankheit. Man sollte schon überlegen, wem man welche Information zumutet. Im Zweifelsfall scheue ich mich auch nicht, bei einzelnen Menschen einen bestimmten Passus ganz rauszulassen; das lässt sich ja am Computer gut machen. Ich möchte niemanden verletzen; wenn da was zur Sprache käme, von dem ich weiß, dass jemand beim Lesen ganz traurig würde, dann würde ich diesen Passus in dem Brief an diese Person löschen.

Vor Jahren gab es den bekannten Werbeslogan „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Ist es nicht sehr verlockend, im Jahresbrief die persönliche Bilanz zu beschönigen? Wie viel Scheitern und Misserfolge haben Platz in einem solchen Brief?
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich bemühe mich selbst um eine gute Balance und vermeide es zu schreiben, wie toll alles ist. Ich habe im vergangenen Jahr eine Diagnose bekommen, die mich mein weiteres Leben begleiten wird; solche Dinge erwähne ich dann durchaus. Dieses nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist mir zu oberflächlich. Auf der anderen Seite würde ich aber in so einem Rundbrief nicht über eine persönliche Krise schreiben.

Wie schreibt man also einen guten Jahresbrief, haben Sie konkrete Tipps?
Das kann man nicht verallgemeinern; jeder sollte seinen eigenen Stil finden. Ein Jahr passt kaum auf zwei beidseitig beschriebene Blätter; dennoch bemühe ich mich, dieses Maß nicht zu überschreiten. Die Kunst ist, sich so kurz zu fassen, dass es für die Empfänger nicht langatmig wird. Dazwischen streue ich einige Farbfotos ein, denn wir verändern uns ja auch über die Jahre – und das lockert den Brief auf.
In dem Jahresbrief sollte man auch nicht nur von sich selbst erzählen; im handschriftlichen Teil gehe ich auch immer auf den Adressaten ein und frage konkret nach Themen, die vielleicht zwischendurch auch mal am Telefon angeklungen sind. Bei einem befreundeten Paar ist beispielsweise der Mann dement geworden. Den Jahresbrief wird wohl nur seine Frau lesen, natürlich werde ich auf ihre neue Lebenssituation eingehen. Man sollte das Gegenüber also nicht mit den eigenen Belangen total zupflastern; genauso wichtig finde ich das Eingehen auf den anderen – wie in einem guten Gespräch.

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