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Der Evangelist Markus, dargestellt in einer armenischen Vierevangeliar-Handschriftbibel aus dem Jahr 1504. Die Bibel stammt aus dem Bibelmuseum Münster. Foto: epd

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Von der Frohbotschaft Jesu

Bibellese

Aus der Printausgabe - UK 52 / 2019

Stefan Alkier | 31. Dezember 2019

Die Ökumenische Bibellese bewegt sich im Jahr 2020 einmal durch das Markusevangelium. Das kürzeste der Evangelien ist ein Buch mit vielen Rätseln – und mit einem offenen Schluss.

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Der Evangelist Markus, dargestellt in einer armenischen Vierevangeliar-Handschriftbibel aus dem Jahr 1504. Die Bibel stammt aus dem Bibelmuseum Münster. Foto: epd

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Das Markusevangelium erzählt die Geschichte von der Frohbotschaft Jesu Christi. Aber kann eine Frohbotschaft – das ist die wörtliche Übersetzung von „Evangelium“ – mit der Feststellung enden: „Und nachdem sie herausgekommen waren, flohen sie weg vom Grab, es hatte sie nämlich Zittern und Entsetzen dauerhaft ergriffen und niemandem, nichts sagten sie – sie fürchteten sich nämlich inständig“? (Mk 16,8; Übersetzung hier und im Folgenden S. Alkier, T. Paulsen, Frankfurter NT, siehe Kasten unten).

Nach den besten Überlieferungen des Markusevangeliums bildet dieser Vers den rätselhaften Schlusspunkt des Evangeliums, das demnach – fast wie eine moderne Kurzgeschichte – einen offenen Schluss aufweist. Dieser Schluss hat offensichtlich schon früh viele Leser ratlos zurückgelassen. Die Verse 16,9-20 sind wohl der spätere, unpassende Versuch, das Markusevangelium an die anderen Evangelien anzupassen.

Nicht nur sein offener Schluss, sondern auch sein Beginn weist über sich hinaus, denn den Anfang der Frohbotschaft sieht das Markusevangelium bei den Propheten Israels. In verdichteter Weise steht dafür der Name des Propheten Jesaja: „Anfang der Frohbotschaft Jesu Christi, wie er geschrieben ist in Jesaja, dem Propheten“ (Mk 1,2a).

Den Inhalt der Frohbotschaft spricht Jesus in Mk 1,15 aus, wo er zum ersten Mal das Wort ergreift: „Erfüllt ist der Augenblick und nahe gekommen ist das Königreich Gottes. Denkt um und vertraut auf die Frohbotschaft!“

Wenn das die gute Nachricht des Markusevangeliums ist, wie kann dann der von den Propheten angekündigte Bote in der Gestalt Johannes des Täufers von Herodes geköpft werden? Wie können seine engsten Vertrauten unverständig und hartherzig bleiben? Wie kann der Messias selbst verspottet, gefoltert und gekreuzigt werden? Wie kann er am Kreuz die letzten Worte sprechen: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Das Markusevangelium erzählt doch wohl kaum eine wirkliche Frohbotschaft und eher die Tragödie vom Scheitern Jesu, der dann doch unmöglich der Messias, der Sohn Gottes, sein kann.

Leserinnen und Leser werden angesichts der Tragödie Jesu stilecht Entsetzen und Mitleid empfinden, wie es schon Aristoteles in seiner Abhandlung über die Poetik formulierte. Wie soll denn da eine Frohbotschaft wirksam werden? Liegt hier nicht ein Antagonismus vor, ein unüberwindbarer Widerspruch im Markusevangelium?

Man würde gern Markus selbst befragen, aber über ihn ist nichts Zuverlässiges zu erfahren. Man wusste schon im 2. Jh. nicht mehr, wer dieser Markus war, wo er lebte und wann er sein Evangelium schrieb. Einige Legenden über den Verfasser des Markusevangeliums sind in der Kirchengeschichte des Eusebius von Cäsarea verzeichnet, die aber eher das Unwissen der Überlieferung bezeugen, als zuverlässige Informationen zu liefern.

Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts galt das Markusevangelium als das jüngste der kanonischen Evangelien. Auf der Basis eines ideologischen Ursprungsdenkens, das am Anfang stets das Kürzere sieht, wurde es publikumswirksam von Johann Gottfried Herder als Geniestreich an den Ursprung der Evangelienliteratur katapultiert.

Dieser Einfall der Genieästhetik setzte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts unter der Etablierung romantischer Weltanschauung langsam aber sicher durch – und wird bis heute in vielen Lehrbüchern als Quasifaktum gehandelt – eine Datierung, die aber wie nahezu alle Datierungen biblischer Schriften auf tönernen,  rein hypothetischen Füßen steht.

Abfassungszeit und -ort sind nach wie vor unbekannt und ob es vor oder nach Matthäus und Lukas geschrieben wurde, hängt gänzlich von hypothetischen Modellen frühchristlicher Literaturgeschichte ab. Man weiß es nicht und kann es auf der Basis der zurzeit bekannten Überlieferung nicht ermitteln.

Wir wissen über „Markus“ nur, was wir aus der Kompetenzanalyse seiner Schrift philologisch erschließen können. Er – oder vielleicht auch sie – war ein gebildeter Mensch, der gutes Koine-Griechisch schrieb, in dem sich auch manche Latinismen verbergen. Er – vielleicht auch sie – war mit den Heiligen Schriften Israels bestens vertraut und stellt das Markus­evangelium als Fortschreibung der Propheten Israels dar. Da auch einige aramäische Worte ins Griechische übersetzt und einige jüdische Bräuche erklärt werden, wird es sich um einen jüdischen Menschen gehandelt haben, der beziehungsweise die mit einem vorwiegend nicht jüdischen Publikum gerechnet hat. Über die Abfassungszeit lässt sich sicher nur sagen, dass sie nach der Kreuzigung Jesu liegt und spätestens in der Mitte des 2. Jahrhunderts anzusetzen ist. Man wird die Rätsel des Markusevangeliums nur mit Hilfe seiner Lektüre beantworten können.

Das Markusevangelium hat es nämlich in sich. Es fordert uns ein mitdenkendes Lesen ab, das umdenken lässt. Das Markusevangelium hat alles in sich, was es braucht, um es so lesen zu können, dass man nicht wie die Schüler Jesu (in der Lutherbibel als „Jünger“ übersetzt) bis zum Ende unverständig bleibt und dann voller Furcht und Zittern Jesus verleumdet und wie die Frauen am leeren Grab vor Entsetzen gänzlich verstummt.

Das Markusevangelium bildet Leserinnen und Leser, die aufmerksam von Anfang bis Ende lesen. Es traut ihnen zu, dass sie umdenken können und ihre krummen Wege verlassen, um den Weg der Nachfolge zu gehen. Sie lernen auf ihrem Leseweg, dass Johannes der Täufer die Aufgaben Elias übernommen hat, dass Jesus von Nazareth nicht nur der Messias der Juden ist, sondern Sohn Gottes für alle Welt. Sie lernen, dass Gottes Macht alle Grenzen, selbst die des Todes, zu überwinden vermag. Sie lernen, dass diese Wunderkraft Gottes durch den Heiligen Geist auf Menschen übertragbar ist und solches Vertrauen darauf es ermöglicht, gerade Wege zu gehen und Grenzen zu überwinden, die man für unbezwingbar hielt. All das lässt sich von Markus lernen, wenn man sein Evangelium von Anfang bis Ende aufmerksam als ein zusammenhängendes Ganzes liest.

So wird der Leseweg zum Lebensweg: Wer das Markusevangelium aufmerksam liest, wird neue Wege gehen, auch wenn sie unbequem werden. Wer das Markusevangelium versteht, wird frohen Herzens von der Auferweckung des Gekreuzigten erzählen und damit lähmende Angst überwinden.

Man wird selbst zum vertrauensvollen Boten, zur Botin werden und die Frohbotschaft zuversichtlich inmitten der von Konflikten und Antagonismen geprägten Lebenswirklichkeit weitertragen: „Erfüllt ist der Augenblick und nahe gekommen ist das Königreich Gottes. Denkt um und vertraut auf die Frohbotschaft!“

Die Autorinnen und Autoren der Bibellese-Texte zum Markusevangelium haben diesmal nicht die Luther-Bibel als Grundlage genommen. Sie beziehen sich auf eine ganz neue Übersetzung: das „Frankfurter Neue Testament“, das Stefan Alkier, Professor für Neues Testament und Geschichte der Alten Kirche an der Universität Frankfurt a. M., gerade gemeinsam mit Thomas Paulsen, Professor am Institut für Klassische Philologie in Frankfurt, im Laufe der nächsten Jahre anfertigt. Dabei stellen die beiden Wissenschaftler sprachwissenschaftliche Kriterien in den Vordergrund und brechen mit mancher kirchlichen Tradition: So wird „Buße“ mit „Umdenken“ übersetzt, „Jünger“ mit „Schüler“ und „Evangelium“ mit „Frohbotschaft“. Auf solche neu übersetzten Begriffe wird in den Texten der Bibellese jeweils hingewiesen.

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