hg
Bild vergrößern
Eine Umarmung bei ruhiger See für das Filmpaar Nele Kiper und Martin Gruber. Nicht ganz so einfach gestalteten sich die Dreharbeiten bei Windstärke acht im Frühstücksrestaurant, wie Pfarrer Volker Keller als Komparse beobachten konnte. Foto: ZDF/Dirk Bartling

Ein Kuss bei Windstärke acht

Interview

Aus der Printausgabe - UK 52 / 2019

Angelika Prauß | 23. Dezember 2019

Volker Keller ist Pfarrer auf dem „Traumschiff“ und hat als Komparse bei den neuesten Folgen der beliebten Fernsehreihe mitgespielt. Im Interview plaudert er über Erlebnisse an Bord. An Neujahr kann er im ZDF das Ergebnis seiner Tätigkeit begutachten.

Bild vergrößern
Eine Umarmung bei ruhiger See für das Filmpaar Nele Kiper und Martin Gruber. Nicht ganz so einfach gestalteten sich die Dreharbeiten bei Windstärke acht im Frühstücksrestaurant, wie Pfarrer Volker Keller als Komparse beobachten konnte. Foto: ZDF/Dirk Bartling

Anzeige

Zur Feiertagsgemütlichkeit um Weihnachten gehört es für viele Menschen, die neuen „Traumschiff“-Folgen zu sehen. Volker Keller, Gemeindepastor in Bremen, arbeitet regelmäßig als Seelsorger auf Kreuzfahrtschiffen und hat als Komparse auf der MS Amadea die Dreharbeiten zur Neujahrsfolge miterlebt. Mit Angelika Prauß spricht Keller über die Seelsorge an Bord und seine Erlebnisse beim TV-Dreh.

Herr Keller, wie wird man überhaupt Pfarrer auf einem Kreuzfahrtschiff?
Ganz einfach, indem man sich für diese Arbeit bewirbt. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat da eine entsprechende Stelle, ähnlich wie die katholische Kirche. Da wird dann geprüft, ob man überhaupt geeignet ist. So wird man als autoritärer Typ an Bord nicht zurechtkommen; in dieser Urlaubssituation werden andere Menschen gebraucht. Nach einem positiven Bewerbungsgespräch bekommt man eine Probefahrt. Nach Ende einer Reise wird jeder an Bord Beschäftigte von den Mitarbeitern, den Vorgesetzten, aber auch allen Passagieren bewertet. Wenn das Urteil positiv ausfällt, wird man in einen Pfarrerpool aufgenommen und darf auch Wünsche äußern, wo man gerne hinfahren und welches Schiff man begleiten möchte. Ich bin seit etwa zwölf Jahren dabei.

Wie lange sind Sie jeweils auf See im Dienst?
Die Einsatzdauer ist sehr unterschiedlich. Mein längster Einsatz war bei einer fünfwöchigen Südseekreuzfahrt, von Chile bis Australien. In Europa gibt es aber auch Kreuzfahrten von wenigen Tagen. Meine bremisch-evangelische Kirche stellt mich – wie in allen evangelischen Landeskirchen üblich – für diesen Dienst frei. Wir machen im Grunde nichts anderes als an Land.

Braucht man besondere Qualifikationen als Seelsorger?
Seefest sollte man auf jeden Fall sein. Ich habe gerade erst vier Tage auf dem Atlantik mit ununterbrochen Windstärke acht bis zehn erlebt; das muss man schon aushalten können. An Bord herrscht eine entspannte Urlaubssituation. Man sollte sich unterhalten können, nicht dogmatisch und besserwisserisch sein. Die Menschen wollen vom Bordseelsorger nicht belehrt, sondern angeregt und inspiriert werden. Der Pfarrer an Bord muss auch gute Vorträge halten können, die zur Reiseroute passen. Mir kommt es zugute, dass ich auch Religionswissenschaften mit Schwerpunkt Islam und Buddhismus studiert habe. Mir macht es viel Freude, mit den Urlaubern darüber an Land oder bei einem Vortrag ins Gespräch zu kommen. Und passable Englisch-Kenntnisse sind auch von Nutzen, sonst bekommt man als Bordseelsorger keinen Kontakt zu den englischsprechenden philippinischen Matrosen. Das wäre schade, denn sie sind eigentlich die Frömmsten an Bord und gute Katholiken. Sie freuen sich sehr, wenn für sie mal ein englischer Crew-Gottesdienst stattfindet; meist nach 23 Uhr, nach ihrem Dienstschluss.

Auch auf See hat ein Seelsorger also keinen Nine-to-five-Job?
Man sollte schon sehr flexibel sein, denn die Aufträge an Bord können sehr plötzlich kommen. Ich habe mal um 21.30 Uhr einen Anruf erhalten, dass ein philippinischer Seemann schwer verunglückt ist und seine Kollegen sehr betroffen sind. Ich musste dann bis 23 Uhr einen englischen Gottesdienst vorbereiten und die passenden Worte finden. An Bord muss man sich schnell auf neue Situationen einstellen können. Der Geistliche muss sich in die Crew einfügen und wie alle anderen Mitarbeiter die Anweisungen ohne Diskussion ausführen. Anders als manchmal an Land spielt der Geistliche hier nicht die erste Geige.

Kommt man auf See – mit Abstand zum Alltag – mit den Menschen und Gott anders ins Gespräch?
Zu Hause ist man in seinem Alltag oft ganz eingefahren. Deshalb fährt man ja in Urlaub, weil man neue Erfahrungen machen möchte, etwas Neues – und auch sich selbst – kennenlernen möchte. Die Menschen sind auf See auch offen für Gespräche über Religion. Manche Menschen warten regelrecht auf Anregungen, sich über ihren Glauben, von dem sie sich vielleicht verabschiedet haben, wieder Gedanken zu machen.

Fördert das Meer vielleicht auch die Sensibilität für spirituelle Fragen?
Bei einer guten Kreuzfahrt ist das Meer der Hauptdarsteller. Die Passagiere sitzen oft an Deck und schauen aufs Meer – und das bewirkt natürlich was. Bei den einen stellt sich eine tiefe Ruhe ein – endlich mal nichts sehen und zu sich kommen können. Bei Hochseefahrten sieht man bis zum Horizont einfach nichts. Das kann sehr erholsam sein. Es entsteht eine meditative Stimmung. Es können sich Fragen einstellen, die man so im hektischen Alltag nicht hat: Wer hat das alles erschaffen? Was ist Unendlichkeit? Gibt es die Ewigkeit? Andere können mit der plötzlichen Abwesenheit von Reizen nicht umgehen, sie sind völlig unruhig. Sie fragen sich dann, warum sie diese Ruhe nicht aushalten können. Die Erfahrung des Meeres ist die Chance für den Bordgeistlichen, auf das Thema Schöpfer und Schöpfung zu kommen – also die Erfahrung der Passagiere christlich zu deuten.

Sie haben als Komparse die „Traumschiff“-Dreharbeiten miterlebt...
Ja, das war ein großes Glück. Ich habe erst kurz vor meiner Abreise erfahren, dass an Bord gedreht wird und das ganze Schiffsleben dadurch beeinflusst wird. Denn die „Traumschiff“-Crew kommt mit 30 Leuten und zehn Tonnen Equipment. Jeden Tag werden Teile des Schiffes wegen Dreharbeiten abgesperrt. Ich habe noch nie gesehen, wie so ein Film entsteht. Jetzt habe ich eine Vorstellung davon – etwa, dass man für zwei Filmminuten zwei Stunden dreht.

Kommen die Promis auch schon mal zum Bordgottesdienst?
Das hängt natürlich von jedem Einzelnen ab. Barbara Wussow und Harald Schmidt etwa waren sehr zugänglich gegenüber den Passagieren. Ich mache immer Gottesdienste im „populären Stil“, mit Interviewgästen. Beide haben da sehr persönlich über ihren Glauben erzählt: Barbara Wussow, dass sie sehr katholisch ist, gerne in München in die Messe geht, dass sie das Jesus-Bild der Schwester Faustina immer auf Reisen in ihrer Handtasche hat und dass sie den Tod nicht fürchtet, weil sie ihre Eltern bis zuletzt gepflegt hat.
Harald Schmidt hat über seine katholische Vergangenheit erzählt, dass er auch Orgel gespielt hat. Ich habe den Eindruck, er ist ein Bewunderer von Papst Benedikt XVI; ihm gefällt diese Strenge. Er wollte von mir viel über meine Erfahrungen in einer Zen-buddhistischen Gemeinschaft wissen, Zen ist ja eine soldatische Meditationsweise aus Japan. Da kam eine ganz andere Facette seiner Persönlichkeit durch. Im Fernsehen wirkt er sehr locker, aber im Religiösen liegt ihm viel an Ordnung und Strenge.

Was war Ihre Aufgabe als „Traumschiff“-Komparse?
Ich habe an einem Galadinner auf Deck teilgenommen, an einer festlich gedeckten Tafel gesessen und zwei Stunden gegessen und Rotwein getrunken; das Opfer muss man dann schon mal bringen (schmunzelt). Die eigentliche Szene spielte sich hinter meinem Rücken ab, aber ich durfte mich ja nicht umdrehen und gucken. Ein anderes Mal saß ich bei Dreharbeiten bei Windstärke acht im Frühstücksrestaurant. Die Schauspieler (Nele Kiper und Martin Gruber, Anm.d.Red.) sollten sich am Ende küssen, was nicht klappte, weil das Schiff so schwankte. Wir Komparsen wurden langsam unruhig, aber die Schauspieler drehten die Szene in aller Ruhe wieder und wieder, bis alles gepasst hat.

An Neujahr läuft „Ihre“ Traumschiff-Folge aus Kolumbien. Schauen Sie sich den Film an?
Das ist für mich jetzt natürlich Pflichtprogramm. Ich habe nur in kleinen Szenen mitgespielt und kenne die genaue Handlung gar nicht. Deshalb bin ich gespannt, wie das dann im Film aussehen wird und worum es genau geht. Das Schöne beim Traumschiff ist ja: Am Ende ist alles gut, und alle sind glücklich. Das werde ich mir am 1. Januar auf jeden Fall gönnen.

Seit 1981 legt das „Traumschiff“ ab und ist bei Zuschauern sehr beliebt – was spricht die Zuschauer an?
Unsere Zeiten sind so düster und pessimistisch; die Menschen haben kaum eine positive Zukunftserwartung. Und dann sehen sie diese heile Welt auf diesem weißen Schiff mit schönen Menschen und traumhaften Landschaften – und am Ende geht auch alles noch gut aus. Für mich zeigt sich darin diese andere Seite von uns, mit der Sehnsucht nach einem heilen Leben. Und wenn wir es selbst nicht haben und hinkriegen, dann möchten wir es wenigstens vorgeführt bekommen und sehen: Ja, so könnte es auch sein.

Per E-Mail empfehlen