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Die Jugendlichen lauschen interessiert dem, was ihnen Mert und Scharafeddin über die Moschee erzählen. Vorher haben sie bereits ein Gebet miterlebt. Fotos: kil

Gottes viele Häuser

Abrahamsfest

Aus der Printausgabe - UK 51 / 2019

Karin Ilgenfritz | 17. Dezember 2019

Ältere Jugendliche stellen jüngeren Jugendlichen ihr Gotteshaus vor: Die Klasse 8a der Martin-Luther-King Gesamtschule in Marl macht eine „Rundreise“. Dabei besuchen die Schülerinnen und Schüler eine katholische Kirche, eine Moschee und eine Synagoge.

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Die Jugendlichen lauschen interessiert dem, was ihnen Mert und Scharafeddin über die Moschee erzählen. Vorher haben sie bereits ein Gebet miterlebt. Fotos: kil
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Xenia hat sich gut vorbereitet und erzählt, was eine Synagoge ausmacht.
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Hendrik (re.) und Tristan zeigen ein Messdienergewand.

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Ein Junge kauft eine Rose. Sie kostet einsfünfzig. Die schenkt er seiner Freundin. Die beiden hatten einen heftigen Streit. Jetzt entschuldigt er sich, sie versöhnen sich wieder. Für das Mädchen ist die Rose sehr wertvoll – nicht wegen der zwei Euro. Sondern weil sie die Versöhnung symbolisiert.

Mit der kleinen Geschichte erklärt Hendrik seinen Gästen, wie er die Bedeutung der gesegneten Hostie versteht. Hendrik ist katholisch. „So ähnlich ist das mit den Hostien. Die werden gesegnet und bekommen dadurch eine besondere Bedeutung. Sie werden Leib Christi. Diese Hostien bewahren wir an einem extra Ort auf – in der Monstranz.“

Hendrik und sein Freund Tristan sind 14 Jahre alt und in der katholischen Franziskusgemeinde in Marl-Hüls zuhause. Die beiden stellen der Klasse 8a der Martin-Luther-King Gesamtschule in Marl „ihre“ Herz Jesu Kirche vor. Später geht die Tour der Klasse weiter in eine Moschee und in eine Synagoge.

Das Ganze ist eine Aktion im Rahmen des 19. Abrahamsfestes in Marl. Es steht in diesem Jahr unter dem Thema „Frieden der Kulturen, Religionen und Völker“ und wird organisiert von der christlich-islamischen Arbeitsgemeinschaft Marl.
Die Idee dieser Rundreise der Klasse ist es, dass ältere Jugendliche Jüngeren ihr Gotteshaus vorstellen. Das Konzept kommt an. Lea ist 13 Jahre alt, wie die meisten anderen aus ihrer Klasse. Sie ist evangelisch. „Ich finde das gut, mal mehr über die katholische Kirche zu erfahren.“ Nils nickt und sagt: „Ich war noch nie in einer Moschee oder Synagoge. Darauf freue ich mich.“

Aber erst einmal geht die Tour durch die katholische Kirche weiter. Hendrik und Tristan erklären den Altar, Taufstein, die Osterkerze und die Buntglasfenster. Beim Beichtstuhl gibt es einige Fragen. „Macht das heute noch jemand?“, will ein Junge wissen. „Na ja“, zögert Tristan. „Es ist schon altmodisch, das machen fast nur ältere Leute.“ Die moderne Version sei es, mit dem Pastor „normal zu sprechen. Da kann man echt viel sagen, denn der hat Schweigepflicht wie ein Arzt.“ Hendrik ergänzt: „Früher war viel mehr Zwang. Heute darf jeder mehr das tun, was ihm gut tut.“ Er schwärmt von der guten Gemeinschaft in der Jugendarbeit.

Interessant wird es, als die beiden den Unterschied zwischen evangelisch und katholisch erklären: „Die Evangelischen glauben nicht an Heilige und bei denen dürfen auch Frauen Pastor werden.“

Schließlich geht es noch an die Orgel. Tristan gerät ins Schwärmen. Als er gefragt wird, wieviele Pfeifen sie hat, ist er unsicher. „Echt viele. Vielleicht 200?“ Jetzt wollen die Teenies auch eine Kostprobe. Wer kann spielen? Erst meldet sich niemand. Dann steht ein Mädchen mit Kopftuch auf. Nevra ist Muslimin, scheut sich aber nicht, in der Kirche Orgel zu spielen. „Boah, da bekomme ich direkt eine Gänsehaut“, sagt ein Junge.

Dann wird es Zeit, dass sich die Klasse mit ihrer Lehrerin auf den Weg zum Bus macht, der sie in die Fatih-Moschee nach Marl-Hamm bringt. Dort werden sie bereits von Imam Bünyamin Gedik erwartet.

Im Eingangsbereich der Moschee  gibt es erst mal Gedränge. Es dauert, bis alle ihre Schuhe ausgezogen und weggestellt haben. Die Jugendlichen haben gleich die Chance, an einem Gebet teilzunehmen. Es beginnt um 12.23 Uhr. Später erfahren sie, dass sich die Zeiten nach dem Sonnenauf- und Untergang richten.

Es kommen nicht viele Menschen zum Gebet, ein paar Männer. Kurz bevor es losgeht bittet Bünyamin die Mädchen und Frauen, nach oben zu gehen. Während des Gebets orientieren sich die nicht muslimischen Schülerinnen an Nevra. Sie kennt sich gut aus und weiß, wann man aufsteht, sich verbeugt oder wieder kniet. „Das war interessant“, sagt eine Schülerin danach. „Aber es klingt schon seltsam für unsre Ohren.“ Sie meint den Gebetsgesang.

Als sich wieder alle unten in der Moschee treffen, erklären Mert und Scharafeddin, was beim Gebet geschieht. „Vorher git es eine rituelle Waschung. Gesicht, Arme, Ellbogen und auch Füße werden gewaschen“, sagt Mert. Dann erst verrichtet man das Gebet. Scharafeddin erklärt: „Wenn wir die Hände nach oben nehmen, ist das ein Zeichen dafür, dass wir alles Weltliche hinter uns lassen und uns auf den Schöpfer konzentrieren.“

Anschließend führen die beiden 19-Jährigen durch die Moschee und beantworten alle Fragen zu Gebetsnische, Lehrstuhl und Predigtkanzel. Von den 30 Schülerinnen und Schülern sind 20 muslimisch, neu christlich und einer konfessionslos.

Nach einem Mittagessen geht die Tour weiter zur Synagoge in Recklinghausen. Am Eingang bekommen die Jungs eine Kippa. „Wozu das?“, will einer wissen. Xenia erklärt: „Aus Respekt vor Gott.“ Die 16-Jährige ist Jüdin. Sie fragt die Klasse, was sie denn bereits über das Judentum wissen. Das ist einiges: Dass der Samstag hier der Feiertag ist, dass es besonderes Brot gibt und natürlich, dass die Juden eine schwere Vergangenheit haben.

Doch es gibt auch viele Fragen. Etwa nach den Schabbatregeln oder danach, wie man jüdisch wird. Xenia weiß viele Antworten. Aber manchmal zuckt sie mit den Schultern und gibt die Frage an Rabbi Isaak weiter.

„Schon interessant, wie unterschiedlich die Religionen sind“, sagt Nils. Er und Lea haben den Tag genossen. Am interessantesten war für die beiden die Moschee. „Schon allein weil wir so viele Muslime in der Klasse haben“, sagt Nils. Und Lea meint: „So ein Tag macht viel mehr Spaß als Unterricht.“

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 17. Dezember 2019, 11:40 Uhr


Wenn doch nur auch viele andere diesem guten Beispiel folgen würden! Das beste Mittel gegen Vorurteile ist das Kennenlernen. Wenn das vermeintlich Fremde nicht mehr so fremd ist, bleibt auch der Hass aus, der so oft aus der Angst vor dem Fremden entsteht.
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ellybe, 17. Dezember 2019, 15:36 Uhr


In der Fatih-Moschee:
"Die Jugendlichen haben gleich die Chance, an einem Gebet teilzunehmen."
Frage:
War das Gebet ins deutscher Sprache, so dass die Jugendlichen es verstehen und damit (tatsächlich/vielleicht sogar innerlich) an ihm teilnehmen konnten? Oder erhielten sie (wenigstens) eine Übersetzung ins Deutsche? Sonst war es nämlich nur ein rein äußerliches Dabei-anwesend-sein. -
Solange, wie ich schon rein sprachlich von der Möglichkeit des Verstehens einer Religion ausgeschlossen bleibe, bleibt mir diese auch fremd, kann sie für mich kein Haus auch meines Gottes und/oder zu einem gemeinsamen Haus werden, anders als beim Judentum.
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