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Gemeinsam auf die Sonne warten – so könnte man die Grundstimmung der Christenheit beschreiben. Da ist das Hoffen, das manchmal verzweifelte Sehnen danach, dass sich Gottes Verheißung erfüllt und alles heil wird. Und da ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Arm in Arm durch das Leben gehen, einander stärken und zusammen beten, hoffen, klagen und feiern. „Erhebt eure Häupter“, heißt es im Predigttext – und schaut der aufgehenden Sonne entgegen. Foto: cppzone

Zeichen am Horizont

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 50 / 2019

Sara Schäfer | 6. Dezember 2019

Über den Predigttext zum 2. Sonntag im Advent: Lukas 21,25-33

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Gemeinsam auf die Sonne warten – so könnte man die Grundstimmung der Christenheit beschreiben. Da ist das Hoffen, das manchmal verzweifelte Sehnen danach, dass sich Gottes Verheißung erfüllt und alles heil wird. Und da ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Arm in Arm durch das Leben gehen, einander stärken und zusammen beten, hoffen, klagen und feiern. „Erhebt eure Häupter“, heißt es im Predigttext – und schaut der aufgehenden Sonne entgegen. Foto: cppzone
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Sara Schäfer (34), Pfarrerin im Probedienst in Haan/Saarland, UK-Online-Redaktion.

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Predigttext
25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. 29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. 31 So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. 32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Wir befinden uns mitten in der Adventszeit, der Zeit des Wartens und der Erwartung der Ankunft Jesu. In dieser Zeit erwarte ich viele Predigttexte, zum Beispiel von Propheten, die den Messias verkündigen, aber eigentlich keinen, in dem Jesus das Ende der Welt verkündet.

„Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Das passt nicht in meine Welt, die sich gerade darum dreht, dass die Wohnung aufgeräumt, geputzt und geschmückt ist, dass ich mich mit Geschenkelisten herumschlage und mein Horizont zwar in erster Linie bis zu den Weihnachtstagen oder vielleicht noch bis Silvester reicht, aber das alles in der Annahme, dass danach nicht das Ende aller Zeiten kommt.

Zur Zeit des Verfassers des Lukas-Evangeliums, etwa 80-90 nach Christus, lebten die Menschen in einer Zeit der sogenannten Naherwartung. Sie dachten, dass nach Jesu Tod auch das Ende der Welt mit allem, was darüber prophezeit wurde, nahegekommen ist. Es war eine Zeit des permanenten Wartens, bei dem – im Gegensatz zu unserem adventlichen Warten – nicht bekannt ist, wie lange man noch warten muss oder was bis dahin noch genau zu tun ist.

Jesus findet in diesem Text sehr klare Worte dafür, woran zu erkennen ist, dass das Ende nahe ist: „Den Völkern wird bange sein“, das meint, dass alle Nicht-Christen in Angst leben. Der Verfasser des Lukas-Evangeliums hat die ersten Christenverfolgungen in Rom miterlebt/von ihnen gehört und damit auch erlebt, wie sich die Angst von Nicht-Christen vor den Christen äußern kann.

Er umschreibt es mit einem Bild, das auch uns heute geläufig ist: „Wenn sie [die Bäume] jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist.“ Es wird unmissverständliche Zeichen geben, die ankündigen werden, dass das Reich Gottes nahe ist. Und wenn die Verfolgung von Christinnen und Christen kein solches Zeichen ist, wie deutlich sollte Gott dann noch werden?

Aus damaliger Perspektive eine verständliche Interpretation – fast 2000 Jahre später wissen wir es besser. Klüger sind wir aber leider nicht geworden: Wir verkennen, dass es seit Langem Zeichen gibt, dass unser Tun und Lassen auf der Erde ihr nicht gut tut. Dass sich inzwischen Naturkatastrophen häufen, dass Gewalt, Terror und Leid in vielen Ländern an der Tagesordnung sind.

Würden wir die in der Bibel genannten Zeichen für das nahe Weltende als Liste anlegen, könnten wir hinter erschreckend vieles einen Haken setzen. Doch es gibt Hoffnung: Menschen, die mit Demonstrationen darauf aufmerksam machen, wie schlecht es der Erde geht. Menschen, die auch vieles in ihrem Alltag verändern. Menschen, die nicht müde werden, auch den resistentesten Leugnern des Klimawandels auf die Pelle zu rücken.

Keiner weiß, wie lange wir noch bis zum jüngsten Tag haben – auch wenn wir inzwischen vieles berechnen können. Keiner weiß, welche Generation diesen Tag erleben wird. Doch in dem Wissen darum, dass „Himmel und Erde vergehen werden“, sind wir verbunden mit den ersten Christen. Mehr noch, wir sind darin mit ihnen verbunden, dass es keinen Sinn hat, in diesem Warten zu verharren.

„Erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ Wir sollen nicht verzagen, sondern hoch erhobenen Hauptes dem gegenüberstehen, was uns ängstigt. Wir wissen, dass Jesus als unser Erlöser geboren wurde und erinnern uns „alle Jahre wieder“ daran. Dieses Wissen wird nichts daran ändern, dass Ereignisse und Personen auf der Welt uns in Sorge versetzen – aber es kann uns darin bestärken, wie wir diesen Ereignissen und Personen begegnen.

Gebet:

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein. Amen.

(EG 16)

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