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Sie haben „Oldies for Future“ ins Leben gerufen und sind aktiv dabei: Leni Wiechmann, Erhard Wiechmann und Klara Ahlert (von links). Fotos: Jan Henning Rogge

Einsatz für die Zukunft der Jugend

Klimaschutz

Aus der Printausgabe - UK 50 / 2019

Jan Henning Rogge | 12. Dezember 2019

In Minden heißt es nicht nur „Fridays for Future“, sondern auch „Oldies for Future“. Im Februar begannen Jugendliche mit ihren Aktionen. Seit Juni sind die Senioren mit im Boot. Manchmal bringen die Aktivisten mehrere tausend Menschen auf die Straße.

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Sie haben „Oldies for Future“ ins Leben gerufen und sind aktiv dabei: Leni Wiechmann, Erhard Wiechmann und Klara Ahlert (von links). Fotos: Jan Henning Rogge
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An manchen Freitagen kommen wenige – nur rund 20 Demonstrierende.

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Nur auf den ersten Blick sieht es aus, wie in vielen anderen Städten. Doch wenn in Minden freitags auf dem Marktplatz die wöchentliche Mahnwache der Bewegung „Fridays for Future“ beginnt, ist mindestens ein Plakat dabei, das heraussticht: „Oldies for Future“ steht dort. Und zwischen den jungen Gesichtern sind viele mit Falten. Bei den immer wieder stattfindenden Demonstrationen geht die Zahl demonstrierender Senioren in die hunderte.

Immer dabei: Der Pfarrer im Ruhestand Erhard Wiechmann (85) mit seiner Frau Leni (83) und die „Oldies for Future“-Gründerin Klara Ahlert. Letztere vertritt ihre Positionen sogar im Fernsehen – etwa vergangenen Sonntagabend als Gast in Günther Jauchs Jahresrückblick.

Seit vielen Jahren Engagement für die Umwelt

Wann genau Wiechmann anfing, sich für den Umweltschutz zu engagieren, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Spätestens ab 1963, als er in Hessen seine erste Pfarrstelle antritt, nimmt sein Engagement zu. „Die Gemeinde dort war stark bei ,Brot für die Welt‘ engagiert und so gehörte das auch für mich als Pfarrer dazu“, erinnert sich Wiechmann. Es ist diese Arbeit, die ihm immer deutlicher macht, dass das Leben im reichen Westen nicht ohne Folgen für andere Menschen auf der Erde bleibt.

Sein pädagogisches Interesse führt ihn dann nach Ostwestfalen: Als der Kirchenkreis Minden die Stelle eines Schulreferenten ausschreibt, bewirbt er sich. Er baut die Mediothek auf, in der sich Päda­gogen noch heute mit Lehrmaterial versorgen können, etabliert ein Dritte-Welt-Projekt an Grundschulen vor Ort und engagiert sich weiter stark für „Brot für die Welt“.

Nicht zuletzt durch die Arbeit für von Dürre oder Naturkatastrophen, aber auch Umweltzerstörung bedrohten Menschen engagiert er sich mit seiner Frau auch in anderen Bereichen für den Schutz der Schöpfung. „Natürlich sind der Glaube und der Schutz der Umwelt untrennbar miteinander verbunden“, sagt der 85-Jährige. Die erste Ölkrise 1973 bringt ihn zu einer ungewöhnlichen Entscheidung: „Damals habe ich mit meiner Frau verabredet, dass wir mit dem Auto nicht mehr schneller als 100 km/h fahren.“ Und als vermutet wird, dass der saure Regen das Waldsterben auslöst, wird er aktiv: „Ich habe als erster in Minden den PH-Wert des Regens gemessen“, erzählt er. Mit den Ergebnissen versucht er, Überzeugungsarbeit zu leisten. Vor 25 Jahren schafften er und seine Frau das Auto ab. Sie nutzen nur noch das Rad und für weite Strecken die Bahn.

Als er dann von Greta Thunberg liest, erzählt er seinen Enkelkindern davon. Immer wieder spricht er mit Jugendlichen, die ebenfalls in Minden wohnen. Heute gehören sie zum Organisationsteam, der Mindener „Fridays for Future“-Gruppe. „Ich weiß nicht, ob ich sie darauf gebracht habe“, sagt er. „Aber ich finde es toll, dass sie sich engagieren.“ Gemeinsam mit seiner Frau ist er bereits bei der ersten Demonstration. 150 Schülerinnen und Schüler ziehen an diesem 22. Februar 2019 durch Mindens Innenstadt. Je nach Aktion schaffen es die Aktivisten bei besonderen Aktionen inzwischen, mehrere tausend Menschen in der Weserstadt auf die Straße zu bringen.

Klara Ahlerts Weg zur Demonstrantin verlief ganz anders: „Ich gehöre zu einer Generation, in der die Mädchen nichts zu sagen hatten“, sagt die 78-Jährige. An der Seite ihres im Jahr 2000 verstorbenen kommunalpolitisch aktiven Mannes lebte sie das Leben einer Hausfrau und Mutter. Sie engagiert sich in der katholischen Arbeitnehmerbewegung und in einer Seniorengruppe. In die Öffentlichkeit zog es sie nie. Doch immer unruhiger beobachtet sie das Artensterben, das sie in den Feldern rund um ihren Wohnort am Mindener Stadtrand deutlich wahrnimmt. „Was gab es da früher an Vögeln, Schmetterlingen und anderen Insekten – die sind alle weg. Das erschüttert mich sehr“, sagt sie.

Als in Minden die ersten Schüler auf die Straße gehen, um für Umwelt- und Klimaschutz einzutreten, ist sie beeindruckt. „Die Jungen müssen uns Alte darauf hinweisen, was wir für Fehler gemacht haben – da habe ich innerlich meinen Kopf neigen müssen.“ Eines Tages fasst sie sich ein Herz und meldet sich bei der Lokalzeitung. Ein Artikel im Mai bringt die Sache ins Rollen. Bei der Demo im Juni sind schon mehr als 50 Senioren dabei – und es werden mit jeder Aktion mehr. Sie tritt in Kontakt mit den Jugendlichen, die die unerwartete Unterstützung dankbar annehmen. Bei der nächsten Demonstration nimmt Klara Ahlert nicht nur zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Demonstration teil, sie spricht auch von der kleinen Bühne zu den Teilnehmern. Inzwischen nimmt sie regelmäßig an Organisationstreffen teil, nutzt ihr Smartphone für die Arbeit und steht regelmäßig auf der Bühne. Sogar Auftritte im WDR in der ARD-Sendung 3nach9 hat sie inzwischen absolviert.

Am vergangenen Sonntag (8. Dezember) war sie bei Günther Jauchs Jahresrückblick „Menschen Bilder Emotionen 2019“ zu Gast (RTL, 20.15 Uhr). „Die Anfrage hat mich so überrascht, dass ich erst mal ja gesagt habe. Hätte ich da richtig drüber nachgedacht, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht.“ Nun schläft sie vor Aufregung schlecht – den Auftritt will sie aber absolvieren: Schließlich sei es ihr Ziel, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Der Klimanotstand wurde bereits ausgerufen

„Dass ich mich engagiere, hängt auch mit meinem Glauben zusammen“, sagt Klara Ahlert. „Wir haben eine Verantwortung für die Schöpfung.“ Zum anderen ärgert sie aber auch das harte Urteil, das viele Menschen über die Jugendlichen fällen, die sich engagieren. „Mit Schule schwänzen hat das nichts zu tun“, sagt die 78-Jährige. „Ich bewundere den Mut der Schüler.“ Sie hofft, dass noch viel mehr Senioren anfangen, zu demonstrieren. „Wir haben schließlich die Zeit dafür. Wir müssen uns engagieren, damit die Jungen wieder beruhigt zur Schule gehen können!“ Gruppen wie die „Oldies for Future“ gibt es auch in anderen Städten. Klara Ahlert hofft, dass es immer mehr werden.

An diesem Freitag sind es nur etwa 20 Jugendliche und Senioren, die sich zur Mahnwache vor dem Rathaus treffen. Um die Ressourcen nicht überzustrapazieren, werden nur zu besonderen Aktionen wie Müllsammeln am Weserufer oder bundesweiten Demo-Tagen alle Mobilisierungs-Register gezogen. Klara Ahlert, Erhard und Leni Wiechmann werden dabei sein, egal wie das Wetter ist, egal wie viele Menschen kommen. Ein erstes Ziel haben die Demonstranten schon erreicht: Minden und Porta Westfalica haben den Klimanotstand ausgerufen. Wiechmann bezweifelt, ob das reicht. Aufgeben will er nicht, so lange er „noch krabbeln“ kann. „Hoffnung muss gelebt werden“, sagt er.

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