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Vergiftete Sprache ist Nährboden für Hass und Gewalt

Westfälische Landessynode

18. November 2019

Westfälische Landessynode mit Appell gegen Hass begonnen

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Präses Annette Kurschus vor der Landessynode in Bielefeld. Foto: gmh

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Bielefeld (epd). Die westfälische Präses Annette Kurschus sieht durch Hass, Gewalt und eine vergiftete Sprache den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet. «Für die Morde von Halle etwa oder den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten sehe ich einen kräftigen Nährboden in der subtilen und offenen Vergiftung unserer Sprache», sagte die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen am Montag vor der Landessynode in Bielefeld. Es grassiere eine «unerträgliche Maßlosigkeit und blinde Emotionalisierung». Diese Sprache habe sich in weiten Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Diskurses eingebürgert.

Gezielte Lüge und Beleidigungen, die Herabsetzung von Minderheiten und politischen Gegnern sowie Drohungen gegen Leib und Leben von engagierten Menschen schlügen «immer öfter um in physische Gewalt bis hin zum Mord», warnte Kurschus, die auch stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist.

Sie forderte eine neue Haltung der Anerkennung und Achtung für Menschen, die sich etwa als Kommunalpolitiker, Sanitäter oder Polizisten für das Gemeinwesen einsetzen.

«Wir brauchen eine neue Sorgfalt im Streit, Respekt im Umgang und eine Sprache, die Präzision über die billige Pointe stellt und Anstand und Argument vor Anrempelung und Attacke setzt», sagte die 56-jährige Theologin vor dem Kirchenparlament. Damit die «Saat von Hass und Verunglimpfung» nicht auch vor den NRW-Kommunalwahlen im September 2020 ausgestreut wird, forderte Kurschus die Gemeinden und Kirchenkreise auf, «lokale Bündnisse zu schmieden für anständigen Streit und respektvolles Ringen». Die beteiligten Politiker, Vereine und Gruppen sollten sich zu Respekt und Fairness verpflichten und Verunglimpfungen, Drohungen und die Ausgrenzung von Minderheiten verbieten.

Alarmiert zeigte sich Kurschus in ihrem Bericht über Erfolge rechtsradikaler Parolen und einen breiten Rückhalt antidemokratischer Kräfte. «Das Vertrauen in unsere Demokratie ist bis ins Mark erschüttert, der Zusammenhalt in unserem Land und erst recht in Europa bröckelt erheblich, der Friede in unserer Welt ist empfindlich in Gefahr», sagte sie. «Das Spiel mit den Ängsten der Menschen, mit ihrer Sehnsucht nach Sicherheit, mit ihrer Suche nach überzeugenden politischen Antworten in einer überkomplexen Welt ist perfides politisches Kalkül.»

Rechtspopulismus und rechtsnationaler Terror machten sich bedrohlich breit in Deutschland, beklagte die Präses, die sich nach achtjähriger Amtszeit am Mittwoch zur Wiederwahl stellt. Sie kämen in der Mitte der Gesellschaft mit Macht an die Oberfläche «und reißen andere mit hinein in ihre Dummheit und ihren Wahn». Angesichts dieser Entwicklungen müssten Christen Zivilcourage zeigen und sich mit Juden solidarisieren. Kirchen sollten Orte für konstruktiven Streit und offene Auseinandersetzung sein: «Es gilt, vor Ort mitzumischen und Gesprächsräume zu bieten für lokale und globale Themen.»

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 20. November 2019, 21:56 Uhr


Das ist auch meine Beobachtung. Da wird Respektlosigkeit mit Redefreiheit verwechselt in dem besonders öffentliche Menschen in unflätiger Rüpelsprache kritisiert werden. Wenn es den Leser schon unangenehm berührt, wie halten die es aus, die genannt sind. Bei Markus Lanz sagte gestern der an Krebs erkrankte Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt: Lasst uns dankbar sein, in einem Deutschland zu leben, dessen Politiker vorbildlicher als alle anderen auf der Welt handeln. Und lasst uns anständig mit ihnen umgehen. Das fand ich großartig.
Ps.
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Diese Sendung ist nicht nur inhaltlich wertvoll, die Moderation präsentiert eine wohltuende Sprache, wie sie niemand geringerer als Martin Luther durch seine Bibelübersetzung prägte und ihr Ausdruck verlieh. Sie ist eine Empfehlung an Moderatoren wie an den sonst so sympathischen Jörg Pilawa und Co. Warum verkommen wir sprachlich auch öffentlich-moderat nur so?
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