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Wer wirklich reich sein will, gibt ab. Denn: Teilen macht reicher - wenn es von Herzen kommt. Grafik: TSEW

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Die Tücken des Teilens

Gute Taten

Aus der Printausgabe - UK 46 / 2019

Von Anke von Legat | 13. November 2019

„Nur der ist froh, der geben mag“, schrieb Goethe. Ganz so einfach ist das aber nicht. Denn die Freude kann unterschiedliche Motive haben, und nicht alle sind rein menschenfreundlich

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Wer wirklich reich sein will, gibt ab. Denn: Teilen macht reicher - wenn es von Herzen kommt. Grafik: TSEW

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„Aber teilen!“ hieß die ernste Mahnung, wenn wir als Kinder mit unseren Martinstag-Süßigkeiten nach Hause kamen. Die jüngste Schwester war noch zu klein zum Singen an den Haustüren; also mussten wir sie teilhaben lassen an unseren Schätzen.

Das fiel uns nicht ganz leicht, hatten wir doch hart dafür gearbeitet mit unseren Martinsliedern. Aber es leuchtete uns doch ein: Wer die Chance hat, etwas Besonderes zu bekommen, sollte dem, der diese Chance nicht hatte, etwas abgeben. Und irgendwie war es ja auch schön, wenn sich die Kleine über unsere Gaben freute. Eine erste Lektion im Teilen.

Aber ganz so einfach war die Sache nicht. „Wenn wir von unseren Süßigkeiten abgeben müssen, warum gebt ihr dann dem Bettler nichts?“, fragten wir wenig später in der Fußgängerzone unsere Eltern – und die murmelten etwas von Alkohol und „bringt ja doch nichts“.

Das konnte uns nicht überzeugen. Teilen ja, aber nicht mit allen? Mit wem denn dann, und mit wem nicht? Die zweite Lektion ließ viele Fragen offen.
Im Erwachsenenalter dann wurde irgendwann klar: Wir profitieren selbst davon, großzügig zu sein und anderen selbstlos von unserem Besitz abzugeben. Einmal, weil es Ungerechtigkeiten ausgleicht und für Frieden sorgt. Zweitens, weil das Kooperieren mit anderen uns in vielen Fällen weiterbringt, auch wenn es im ersten Moment für uns nach einem Nachteil aussieht. Und schließlich auch deshalb, weil wir uns dann ein klein bisschen edel und gut fühlen können.

Dichter, Philosophinnen und Theologen haben das Lob des Teilens gesungen und die Freude gepriesen, die damit verbunden sei – auch und gerade deshalb, weil Verzicht dazugehört: Wir geben ja freiwillig weg, was uns von Rechts wegen zusteht. Aber dafür bekommen wir eben auch etwas, so der Tenor: Genugtuung und Dankbarkeit. Eine gute Sache also.

An dieser Stelle jedoch ist etwas Misstrauen angebracht: Weist Teilen nicht immer auch auf ein Machtgefälle hin von dem, der mehr hat zu dem, der weniger hat? Speist sich das gute Gefühl des Gebenden nicht zum Teil auch aus dieser Überlegenheit? Und wie fühlt sich der, der nimmt – oder nehmen muss, weil er auf die Gaben angewiesen ist?

Eine gewisse Widersprüchlichkeit steckt also in dem mildtätigen Teilen, das gerade von den Religionen so hoch gepriesen wird. Das gute Werk hat seine Tücken. Der französische Moralist François de La Rochefoucauld meinte gar: „Was man Freizügigkeit nennt, ist oft nur die Eitelkeit des Gebens.“

So negativ muss man die Tugend des Teilens nun gewiss nicht sehen. Es gehört zu den Größen des Menschen, dass er selbstlos und großzügig sein kann, dass er mitleidig ist und unfair verteilte Güter ausgleichen will. Quer durch die Bibel wird das Teilen denn auch gelobt und gefordert. Als Leitvers kann dabei der berühmte Satz aus dem Hohenlied der Liebe dienen: „Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und hätte der Liebe nicht, so wäre mir‘s nichts nütze.“

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