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Das Konzept der Optionszeiten: In der Lebensmitte eine bestimmte Zeit nicht arbeiten, sondern sich anderem widmen können: der Kindererziehung, einer Umschulung oder eine Weltreise machen. Foto: Chanintorn.v

Wer hat an der Uhr gedreht?

Entschleunigung

Aus der Printausgabe - UK 44 / 2019

Christoph Renzikowski | 27. Oktober 2019

Der Sozialforscher Fritz Reheis findet, die gesellschaftliche Zeitordnung sollte den Bedürfnissen der Menschen angepasst werden – nicht denen der Ökonomie. Er hält viel von dem biblischen Satz: „Alles hat seine Zeit“ – auch der Dreh an der Uhr.

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Das Konzept der Optionszeiten: In der Lebensmitte eine bestimmte Zeit nicht arbeiten, sondern sich anderem widmen können: der Kindererziehung, einer Umschulung oder eine Weltreise machen. Foto: Chanintorn.v

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Der Erziehungs- und Sozialwissenschaftler Fritz Reheis (70) gilt als einer der geistigen Väter der „Entschleunigung“. Höchste Zeit, kurz vor Ablauf der Sommerzeit mit ihm ein paar Angelegenheiten zu klären. Mit Christoph Renzikowski sprach er über Rhythmen, Takte, Synchronisierung, Eigen- und Optionszeiten.

Am letzten Oktober-Wochenende bekommen die Mitteleuropäer wieder eine Stunde geschenkt. Ist das nicht wunderbar?
Ich weiß nicht, ob das wirklich als Gewinn oder nicht doch als Ärgernis empfunden wird. Länger schlafen ist gut, aber die Uhr abrupt um eine Stunde zu verstellen, entspricht nicht unserem körperlichen Rhythmus. Heftiger ist es natürlich im Frühjahr, wenn man gezwungen wird, eine Stunde eher aufzustehen.

Sollten die Menschen aufhören, an der Uhr herumzudrehen?
Ja. Oder wenn schon, dann sollte das vernünftiger geschehen.

Wie ginge das?
Die gesellschaftliche Zeitordnung sollte den Bedürfnissen der Menschen angepasst werden und nicht dem Getriebe der Ökonomie.

Aber es heißt doch: Zeit ist Geld?
Die Aussage ist grundfalsch. Geld trägt den Imperativ der Selbstvermehrung in sich, durch Zins, Dividende und Profit. Dadurch geraten Menschen systematisch unter Zeitdruck. Gesundheit, Wohlbefinden, letztlich das Überleben der Menschheit werden aufs Spiel gesetzt.

Dann hat doch die Bibel recht, in der es heißt: Alles hat seine Zeit?
So ist es. Nur muss man das in rechtsstaatlich und demokratisch verfassten Gesellschaften konkretisieren. Wofür wollen wir wann wie viel Zeit erübrigen? Das kann man nicht einfach in der Bibel nachlesen. Es ergibt sich aber auch nicht einfach aus ökonomischen Sachzwängen. Darüber müsste man reden, anstatt dem Geld die Regie zu überlassen.

Bisher werden Takte weiter verdichtet, im Verkehr und in der Arbeitswelt, alles beschleunigt sich – was bleibt da auf der Strecke?
Auf individueller Ebene der persönliche Zeitwohlstand. Im Zwischenmenschlichen sorgt mangelnde Synchronisation dafür, dass manche nicht mehr mitkommen. Und die Natur schlägt zurück, weil wir ihr mit unserem Tempo Gewalt antun.

Angesichts der hektischen Gegenwart beschwören manche die guten alten Zeiten.
Die alten Zeiten waren auch nicht nur gut. Man war stärker abhängig von Naturgewalten, die man heute glaubt, gebändigt zu haben. Dabei verschieben wir die Gewalt nur in die Zukunft. Was also tun? Zeit bewusst gestalten, und zwar auf allen Ebenen. Wir wissen einiges darüber, was der Mensch für ein gutes Leben braucht. Nur eine Kleinigkeit, die mir auch privat wichtig ist: Chronobiologisch ist man nachweislich am frühen Nachmittag nicht besonders leistungsfähig. Das sollte man in unserer Zeitkultur berücksichtigen, so wie es in Südeuropa bis vor kurzem noch gang und gäbe war.

Also Siesta für alle?
Ja. Auch in Schulen sollte man ganz anders mit den eigenzeitlichen Bedürfnissen der Schüler umgehen. Jeder braucht unterschiedlich lang zum Lernen, eine unterschiedliche Anzahl von Wiederholungen, unterschiedliche Mittel und Grade von Anschaulichkeit. Das hat alles mit Zeit zu tun. Unsere Turbo-Schule presst mit hohem Druck Wissen und Können in die Menschen ohne Rücksicht auf Verluste. So kann wahre Bildung nicht gedeihen.

Mal ganz grundsätzlich gefragt. Was muss sich auf welcher Ebene ändern?
Der Umgang mit sich selbst müsste dem Prinzip der Reflexivität gehorchen. Wenn ich eingreife in das Leben, muss ich das zugleich begreifen, mir quasi von oben zuschauen und prüfen, ob das, was ich getan habe, auch zum Ziel geführt hat. Im Umgang mit anderen Menschen käme es auf Reziprozität an, also Wechselseitigkeit. Wir sollten ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Geben und Nehmen anstreben. Und die Natur sollten wir nicht über ihre eigene Erneuerungsfähigkeit hinaus belasten. Also von ihren Früchten leben und nicht von ihrer Substanz.

Sie sind Gründungsmitglied der deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik – was sind dort Ihre Hauptziele?
Wenn die Politik Gesetze macht, Steuern und Subventionen festlegt, Infrastrukturentscheidungen trifft, sollten stets die Konsequenzen für unseren Umgang mit Zeit im Blick sein, und zwar in allen Ressorts. Im Jugend- und Familienministerium sind unsere Vorschläge schon auf fruchtbaren Boden gefallen.

Wie wollen Sie denn die „Rush Hour des Lebens“ entzerren?
Wir diskutieren derzeit das Konzept der Optionszeiten. Jeder sollte eine bestimmte Anzahl von Jahren zur Verfügung haben, in denen er nicht erwerbstätig sein muss: sei es für Kindererziehung, die Pflege Angehöriger oder auch eine Weltreise, eine Umschulung, ein Herzensprojekt. Dass man bei 40 Jahren potenzieller Erwerbstätigkeit zehn Jahre sich ausklinken kann und dennoch seinen Lebensstandard von der Gesellschaft finanziert bekommt. Mit der Sabbatzeit sind solche Ansätze da, aber das müsste noch in viel größerem Stil geschehen.

Noch ein Wort zur allgemeinen Lage auf dem Planeten: Drängt die Zeit – oder haben wir alle Zeit der Welt?
Das ist eine rhetorische Frage. Die Zeit drängt nach allem, was uns die Klima- und Artenforscher sagen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten an so vielen Stellen die ökologischen Belastungsgrenzen überschritten. An sich bin ich für Entschleunigung – aber an dieser Stelle müssen wir umsteuern, und zwar schleunigst.

Buchtipp: Fritz Reheis: Die Resonanzstrategie. Warum wir Nachhaltigkeit neu denken müssen. oekom Verlag, 416 Seiten, 26 Euro.

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