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Grafik: TSEw/ www.shooterstock/delcarmat
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Verräter und Verrückte

Propheten

Aus der Printausgabe - UK 42 / 2019

Gerd-Matthias Hoeffchen | 12. Oktober 2019

Ist Greta Thunberg eine Prophetin? Oder Edward Snowden ein Prophet? Die Frage klingt nach Gotteslästerung. Jedenfalls solange, bis man mal genauer in die Bibel schaut.

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Grafik: TSEw/ www.shooterstock/delcarmat

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Sie begeistert. Sie nervt. Manchmal begeistert und nervt sie im selben Atemzug: Die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg.

Greta lässt keinen kalt. 1,4 Millionen Menschen gingen allein in Deutschland bei den von ihr angeregten Klima-Protesten auf die Straße. Und spätestens seit ihrer denkwürdigen „Wut“-Rede  beim UN-Klimagipfel kürzlich in New York ist klar: Diese junge Frau ist kein Mensch wie jeder andere.

Ihre Verehrerinnen und Verehrer begeistern sich für die kompromisslose Klarheit, mit der Greta Thunberg ihre Forderungen vorträgt: „Ihr macht unsere Welt kaputt. Hört auf zu reden – handelt!“ Skeptiker und Kritiker reiben sich an ihrer Rigorosität, die keine halben Sachen zulässt: Die kennt nur Verbote, heißt es, nur Schwarz und Weiß. Beschimpfungen prasseln auf die 16-Jährige nieder. Ihr jugendliches Alter, ihr Geschlecht, ihr Asperger-Syndrom – all das wird mit Hass und Häme über Thunberg ausgekippt.

Für die Einen eine Ikone des Gewissens. Für die Anderen die „irre Gretel“. Egal, wie man zu ihr steht: Sie ist ein Mensch, der aus den anderen heraussticht.
Ist sie eine Prophetin?

Mit so einer Frage kann man sich unbeliebt machen. Denn sie klingt nach Gotteslästerung.

Allerdings nur solange, bis man aufmerksam die Bibel liest.

Amos. Micha. Jona. Debora. Maleachi. Wer sich die Propheten und Prophetinnen der Heiligen Schrift anschaut, sieht: Die haben Stress gemacht. Den Mund aufgerissen. Provoziert. Der satten, selbstzufriedenen Gesellschaft den Spiegel vorgehalten. Unbequemes verkündet. Gedroht. Den Untergang angekündigt. Wenn diese Propheten auch in späteren Zeiten als Helden verehrt wurden: Damals galten sie meist als Spinner und Verräter, Schwätzer und Verrückte.

Propheten in der Bibel. Die wurden gehasst. Beleidigt. Bedroht. Hingerichtet. Von Jesaja heißt es, er sei zersägt worden. Jeremia entweder ebenso oder gesteinigt. Johannes der Täufer: Kopf ab. Und Jesus, der sich selbst als Prophet bezeichnete… ab ans Kreuz.

Wer eine Zusammenfassung will, schlägt Hebräer 11 auf. Verse 36 und 37: Propheten waren eigentlich immer die Looser; Verlierer und Opfer. Ihre Botschaft war zu groß, zu stark, zu fordernd, als dass die Mehrheit der Menschen sie hätte annehmen können.

Carola Rackete, die Kapitänin der Sea-Watch 3. Der Whistleblower Edward Snowden. Rupert Neudeck vom Not-Ärzte-Komitee Cap Anamur. Oder eben Greta Thunberg. Sie polarisieren und spalten, weil sie eine Mission haben.

Man muss sie nicht „Propheten“ nennen. Eine Prophetin oder ein Prophet tritt mit dem Anspruch auf, Gottes Wort, seine Stimme zu verkünden. Das würde Greta Thunberg zum Beispiel gar nicht einfallen. Ihr reichte es, wenn die Menschen den Erkenntnissen der Wissenschaft folgten.

Aber all diese Menschen stellen uns vor eine Entscheidung: weiterzumachen, wie bisher. Oder etwas zu ändern. Denn das ist vielleicht das innerste Wesen der Prophetie: der Ruf, umzukehren und Buße zu tun.

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