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Absprung ins Ungewisse: Wenn kein Boden mehr unter den Füßen ist, bleibt nur noch eins – Vertrauen, dass Gott hält. So erleben es Menschen, wenn sie sich an etwas Neues, Unbekanntes wagen. Oder wenn Sicherheiten wegbrechen, wenn Krisen kommen, wenn man nicht mehr ein noch aus weiß. Rahab, eine Außenseiterin in der Stadt Jericho, wagt den Absprung ins Ungewisse, als sie jüdische Kundschafter versteckt. Ihr Vertrauen wird belohnt, ihr Leben gerettet und ihr Glaube wächst. Foto: edp3_16

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Einfach vertrauen

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 42 / 2019

Dr. Oliver Kösters | 11. Oktober 2019

Über den Predigttext zum 17. Sonntag nach Trinitatis: Josua 2, 1-21

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Absprung ins Ungewisse: Wenn kein Boden mehr unter den Füßen ist, bleibt nur noch eins – Vertrauen, dass Gott hält. So erleben es Menschen, wenn sie sich an etwas Neues, Unbekanntes wagen. Oder wenn Sicherheiten wegbrechen, wenn Krisen kommen, wenn man nicht mehr ein noch aus weiß. Rahab, eine Außenseiterin in der Stadt Jericho, wagt den Absprung ins Ungewisse, als sie jüdische Kundschafter versteckt. Ihr Vertrauen wird belohnt, ihr Leben gerettet und ihr Glaube wächst. Foto: edp3_16
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Dr. Oliver Kösters (51) ist Pfarrer in Havixbeck und Nienberge, Synodalbeauftragter für Spiritualität im Kirchenkreis Münster und Mitglied im Sprecherkreis des „Forums Geistliche Begleitung“ in der EKvW

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Predigttext (in Auszügen)
1 Josua schickte heimlich zwei Männer auf die andere Seite des Jordans und befahl ihnen: „Erkundet das Land dort drüben und besonders die Stadt Jericho!“ Die Kundschafter kamen in die Stadt und kehrten im Haus einer Prostituierten namens Rahab ein, um dort zu übernachten. 2 Noch am selben Abend wurde dem König von Jericho gemeldet, dass Kundschafter der Israeliten in die Stadt gekommen waren. 3 Sofort schickte er Wachtleute zu Rahab und befahl ihr: „Gib die beiden Männer heraus, die bei dir eingekehrt sind! (...)“ 4 Rahab versteckte die beiden auf dem flachen Dach ihres Hauses unter einem Haufen von Flachs (...) 8 Noch bevor sich die beiden Kundschafter zum Schlafen zurechtgelegt hatten, kam Rahab zu ihnen aufs Dach und sagte: „(...) 11 Der Herr, euer Gott, hat die Macht im Himmel und auf der Erde. 12 Ich bitte euch, schwört mir bei ihm, dass ihr an meiner Familie genauso handelt, wie ich an euch gehandelt habe. (...) 15 So ließ sie die beiden Männer an einem Seil aus dem Fenster die Mauer hinunter. (Übersetzung: Gute Nachricht)

Vor zwei Jahren durfte ich in Taizé Jean Vanier erleben, den kürzlich verstorbenen Begründer der „Arche“-Gemeinschaften, in der Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammenleben. Er ermutigte die Jugendlichen in Taizé, „das – oder den – Unbekannte(n) willkommen zu heißen“: „To welcome the unkown“ war sein Schlüsselsatz. Er hat bei mir Widerstand und Faszination zugleich hervorgerufen. Dieser Satz ruft Ängste hervor. Und zugleich zieht mich dieser Satz an...

Beides finde ich wieder in der Geschichte von Rahab. Chaos liegt hier in der Luft. Jede Sicherheit schwindet. Das Leben ist für Rahab ohnehin nicht einfach. Sie lebt buchstäblich am Rand der Gesellschaft. An der Stadtmauer, mit dem Rücken zur Wand. Nun zeichnet sich sogar Krieg ab. Genug Grund also, sich ängstlich zu verbarrikadieren und misstrauisch zu werden. Das Unbekannte, das da lauert, macht Angst.

Doch Rahabs Geschichte ist allen Umständen zum Trotz eine Vertrauensgeschichte. Es beginnt, als plötzlich die beiden Fremden vor ihrer Tür stehen. Sie könnte sie wegschicken: „Viel zu gefährlich!“ Aber – sie lässt sie rein. „To welcome the unknown...“

Dann spitzt sich die Situation zu. Die Soldaten des Königs kommen und fordern die Herausgabe der Spione. Zeit zum Überlegen bleibt Rahab nicht. Was tut sie? Sie vertraut ihrer Intuition. Und liefert die beiden nicht aus, sondern deckt sie. Und auch, als sie die beiden schließlich am Seil aus dem Fenster in die Freiheit, ins Leben entlässt, vertraut Rahab. Darauf, dass das Wort der beiden gilt. Dass sie halten, was sie versprechen. Was für ein Mut! Was für ein Vertrauen!

Warum tut sie das? Weil sie leben will! Sie folgt konsequent der Spur des Lebens. Und diese Spur führt sie, in der Mitte der Geschichte, zur wohl größten Herausforderung, „das Unbekannte willkommen zu heißen“. Sie öffnet sich vertrauensvoll diesem Gott, den sie bisher nur vom Hörensagen kennt. Zaghaft, mit Distanz, bekennt sie gegenüber den Fremden: „Der Herr, euer Gott, hat die Macht im Himmel und auf der Erde.“

Sie sagt das in einer Situation, in der Gott abwesender denn je erscheint. Und doch ist es gerade diese Situation, in der Gott Rahab begegnet. In den beiden Fremden, die auch Vorboten des Krieges sind, macht er sich ihr bekannt. Wären sie nicht gekommen, wäre es nicht zur Begegnung gekommen. Das klingt widersinnig. Doch Rahab folgt der Spur des Lebens... Es zeigt sich in dieser Geschichte, dass Gott sich am Tiefpunkt, als es keinen Ausweg zu geben scheint, als gegenwärtig zeigt. Das zeigt sich bis ans Kreuz.

Rahabs Bekenntnis drückt diese Wahrheit aus: Nicht nur im Himmel, sondern auch auf der Erde, also auch im dicksten Schlamassel unseres Lebens, hat Gott die Macht. In jede Talsohle geht Gott mit hinein, ist er da. Wenn Chaos in der Luft liegt, der Boden wankt und das Leben zu entgleiten scheint. Wenn eine Krankheit uns bedroht, ein Lebenstraum zerplatzt, eine Beziehung in die Brüche geht. Er ist der Gott im Himmel und auf Erden.

Und es geschieht im Wagnis des Vertrauens, dass aus einem distanzierten „euer Gott“ „unser Gott“, „mein“ Gott werden kann. Dafür ist Rahab für mich eine Zeugin. Eine mutige Frau, die der Spur des Lebens folgt und es wagt, sich „dem Unbekannten“ zu öffnen. Das Zeichen der unzerstörbaren Verbundenheit zwischen Gott und ihr ist das rote Seil. Es hängt fortan im Fenster. Noch ist dadurch nicht alles gut. Aber es ist ein zuverlässiges Zeichen der Hoffnung. Das immer wieder neu Mut macht: „To welcome the unknown“.

Gebet:

Auferstandener Christus, wenn wir unseren Weg verloren haben, wenn wir nicht mehr ein noch aus wissen, kommst du uns entgegen. Mag unser Vertrauen auch noch so schwach sein: Das Band zu dir hält. Lass uns spüren, dass du mit uns verbunden bist und uns ins Leben führst. Amen.

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