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Die Gruppe vor dem Eingang des christlichen Dorfes Nes Ammim, im Norden Israels (Bild: Ingo Lehnick, epd)

Mauern durchbrechen und aufeinander zugehen

Begegnung

Ingo Lehnick (epd) | 30. September 2019

Westfälische Theologen bilanzieren Reise ins Heilige Land

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Die Gruppe vor dem Eingang des christlichen Dorfes Nes Ammim, im Norden Israels (Bild: Ingo Lehnick, epd)

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Tel Aviv/Bielefeld (epd). Im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern macht nach Einschätzung der Theologen Jan-Dirk Döhling und Ralf Lange-Sonntag von der Evangelischen Kirche von Westfalen das Engagement vieler Menschen und Initiativen vor Ort Hoffnung auf Annäherung und auf ein friedliches Miteinander. Landeskirchenrat Döhling, Leiter des Dezernats für gesellschaftliche Verantwortung, und Lange-Sonntag, als theologischer Referent für den Nahen und Mittleren Osten zuständig, sprachen zum Abschluss einer Nahost-Reise in Tel Aviv mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie besuchten vom 22. bis 26. September zusammen mit NRW-Abgeordneten von CDU, SPD, FDP und Grünen sowie weiteren Vertretern der westfälischen und der rheinischen Landeskirche Projekte im Heiligen Land, die von den Kirchen unterstützt werden. Die Delegation sprach in Israel und dem Westjordanland auch mit Diplomaten, Experten und Kirchenleuten.

 

epd: Haben Sie bei dieser Reise nach Israel und ins Westjordanland etwas Neues gelernt?

Lange-Sonntag: Ich habe an der Grabeskirche in Jerusalem durch die Führung von Professor Dieter Vieweger zum ersten Mal wahrgenommen, dass dort die Bögen der alten großen Kirche noch vorhanden sind, die ganz anders ausgerichtet war als die heutige. Gegenüber der alten Kirche stand die Omar-Moschee, die neu gebaut wurde und nun gegenüber dem neuen Eingang der Kirche steht. Das zeigt, dass man sich zwar neuen Gegebenheiten anpasst, aber dabei mit alten Erzählungen weiterarbeitet und an Traditionen und Machtpositionen festhält.

Döhling: Ich habe neu erlebt, wie sehr der Nahost-Konflikt den Alltag der Menschen auf beiden Seiten der Grenze bestimmt. Das wird einem unmittelbar bewusst, wenn man beispielsweise vor der Grenzmauer steht oder mit den Menschen spricht und konkret hört, mit welchen Herausforderungen, Vorurteilen und Kränkungen sie zu tun haben.

 

epd: Welche Erkenntnisse haben Sie mit im Blick auf das Engagement der westfälischen Kirche im Heiligen Land gewonnen?

Lange-Sonntag: Mir ist klar geworden, dass es gut wäre, mit mehr jüdischen Organisationen in Israel zu kooperieren, die unsere Werte vertreten. Ich möchte konkret auf die Rabbis for Human Rights zugehen, eine Gruppe von Rabbinern, die sich für Menschenrechte einsetzt. Mir ist auch bewusst geworden, wie schwierig es ist, Palästinenserinnen und Palästinenser vor allem aus den besetzten Gebieten zusammenzubringen mit Menschen jüdischen Glaubens. Das wird auf beiden Seiten politisch torpediert.

Döhling: Ich nehme vor allem mit, wie sehr das Politische und das Private aufeinander bezogen sind. Bei Initiativen, die für Frieden und Verständigung arbeiten, habe ich Hoffnung gesehen und gespürt. Während die große Politik buchstäblich vermauert ist, sind uns Menschen begegnet, die sich ihr Engagement nicht haben vermauern lassen, die aus anderen Kraftquellen schöpfen und weiter hoffen, als sie sehen können. Beim Friedensprojekt „Tent of Nations“ bei Bethlehem ist deutlich geworden, dass auch der christliche Glaube eine solche Kraftquelle sein kann. Vor diesem persönlichen Einsatz habe ich Hochachtung und davon können wir auch in Deutschland manches lernen.

 

epd: Was hat Sie besonders beeindruckt und was macht Hoffnung im Blick auf die Zukunft dieser Region?

Döhling: Für mich sind das vor allem junge Leute, denen wir begegnet sind: Volontärinnen und Volontäre von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF), die auf israelischer Seite verstehen und helfen wollen. Und auf palästinensischer Seite Schülerinnen und Schüler, die ihren Weg gehen und ihre Träume umzusetzen versuchen. Das lässt mich hoffen, dass man auf diesen Konflikt in zwei bis drei Generationen zurückschaut und sagt: Diese Menschen haben sich mit den vermauerten Verhältnissen nicht abgefunden, sondern zur Veränderung beigetragen. Auch in Deutschland hätte sich vor Jahrzehnten kaum jemand vorstellen können, dass die Mauer zwischen Ost und West einmal fällt.

Lange-Sonntag: Mich hat besonders beeindruckt, wenn Leute über ihren eigenen Schatten springen und auf andere zugehen. Im christlichen Dorf Nes Ammim in Israel arbeiten ein palästinensischer und ein jüdischer Dozent zusammen. Sie haben Positionen, die der andere nicht vertreten würden, können aber locker damit umgehen und auch darüber lachen. Bei Daoud Nasser und seinem Projekt „Tent of Nations“ bewundere ich die Geduld, im Kampf um sein Land mit juristischen Mitteln Gerechtigkeit einzufordern und nicht zu resignieren oder Gewalt anzuwenden.

Döhling: Wir sind an verschiedenen Stellen Menschen begegnet, die gesagt haben: Wir wissen, dass wir auch darauf angewiesen sind, dass der Friede uns entgegenkommt. Dennoch tun wir die Schritte, die wir gehen können.

 

epd: Kann sich nach dieser Reise eine Zusammenarbeit mit der NRW-Landespolitik bei Projekten im Nahen Osten ergeben?

Döhling: Politik und Zivilgesellschaften haben unterschiedliche Rollen. Die Abgeordneten haben wahrgenommen, wie gut Kirche im Heiligen Land verankert und vernetzt ist und dass sie viel bewirken kann, weil sie näher an den Menschen dran ist als die große Politik. Ein Ziel der Reise war, über dieses Engagement anschaulich und lebendig zu informieren. Wir werden auswerten, ob wir an bestimmten Stellen gezielter zusammenarbeiten können.

Lange-Sonntag: Es wird sicherlich Schnittstellen geben. Wir haben jetzt gezeigt, wo sich die evangelischen Kirchen in NRW engagieren. Ein nächster Schritt wäre, zu erkunden, wo die NRW-Politik in Israel und Palästina konkret tätig ist. Auf lange Sicht sollten wir auch schauen, was die katholischen Bistümer im Nahen und Mittleren Osten machen – auch da könnte es Verknüpfungen geben.

 

epd: Kann in der westfälischen Landeskirche etwas von dem gelernt werden, was Sie bei Ihrer Reise erfahren haben?

Döhling: Wer hier in der Region den Frieden voranbringen will, weiß voneinander und arbeitet miteinander. Wir haben großartige Zusammenarbeit gesehen, lösungsorientiert und auf Augenhöhe. Bewegung wurde immer dort spürbar, wo Menschen Verantwortung bekommen und ihnen etwas zugetraut wird. Auch bei uns fehlt es manchmal daran, dass Menschen als Individuen wahrgenommen werden und gefragt sind, in ihrem jeweiligen Umfeld etwas zu bewegen.

Lange-Sonntag: Ich würde mir wünschen, dass die Komplexität dieses Konflikts allen bewusst wird, die sich in unserer Kirche engagieren – sei es christlich-jüdisch oder in der Menschenrechtsarbeit im Blick auf Palästina. Dass alle verstehen und beherzigen: Es gibt keine einfachen Lösungen. Auf israelischer wie auf palästinensischer Seite gibt es sehr unterschiedliche Facetten und auch die Nachbarstaaten sind Teil des Konflikts. Ich habe den Eindruck, dass sich die Beziehungen der mit Israel oder mit Palästina solidarischen Gruppierungen bei uns zunehmend verhärten, je verhärteter die Fronten in Israel und Palästina sind. Es wäre gut, wenn man zusammenkommen und diskutieren könnte, ohne dass wir gleich die Lösung vorgeben müssen.

Das Kairos-Dokument – ein Papier der palästinensischen Christinnen und Christen – sagt: Kommt und seht. Das ist genau das, was wir bei dieser Reise gemacht haben und was wir weiterhin machen sollten: Wir gehen hin, wir beobachten, wir sprechen mit den Menschen auf beiden Seiten und nehmen ihr Leiden, ihre Hoffnungen und ihre Erwartungen wahr. Es ist viel gewonnen, wenn unsere Reisegruppen von Kirchengemeinden, Kirchenkreisen und Bildungswerken versuchen, mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Einstellung ins Gespräch zu kommen.

Döhling: Es wäre fatal, sich aus Solidarität und Liebe zu einer der beiden Gruppen von der Sprachlosigkeit anstecken zu lassen, die manche Aspekte dieses Konflikts kennzeichnet. Wenn Menschen in Israel und Palästina bereit und fähig sind, miteinander zu sprechen, muss das auch zwischen denen gelingen, die sich in unseren Kirchen eher der einen oder der anderen Seite verbunden fühlen. Ein offener Dialog auch bei Dissens und gemeinsamer Ratlosigkeit bleibt der einzige Weg.

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